Politik

Bekannter Putin-Kritiker Nemzow bis kurz vor Tod von FSB-Kommando verfolgt

Bei einem Gedenken trägt ein Mann ein Bild des ermordeten Oppositionsführers Boris Nemzow.

Bei einem Gedenken trägt ein Mann ein Bild des ermordeten Oppositionsführers Boris Nemzow.

(Foto: picture alliance / Alexander Zemlianichenko/AP/dpa)

Für die Ermordung des Oppositionspolitikers Boris Nemzow 2015 wird ein Ex-Offizier aus dem Umfeld von Tschetschenien-Führer Kadyrow verurteilt. Doch viele Fragen bleiben offen. Jetzt zeigt eine investigative Recherche: Der Fall weist erstaunliche Parallelen zum Fall des Kremlkritikers Nawalny auf.

Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde offenbar bis kurz vor seiner Ermordung 2015 von Mitgliedern eines Spezialkommandos des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB beschattet. Das berichtet das Recherchenetzwerk Bellingcat gemeinsam mit dem exilrussischen Magazin "The Insider" und dem Sender BBC.

Demnach wurde Nemzow bei allen seinen Reisen innerhalb Russlands zwischen Mai 2014 und Februar 2015 beschattet. Laut Recherchen haben die FSB-Agenten kurz vor Nemzows Erschießung am 27. Februar 2015 die Verfolgung eingestellt. Die Rechercheergebnisse legen dabei offen, dass die Gruppe nach einem ähnlichen Muster wie die Nawalny-Giftattentäter vorging. So sei das FSB-Spezialkommando meist Stunden oder einen Tag vor Nemzow angekommen und kurz vor ihm oder nach ihm abgereist. Damit reisten sie nie gemeinsam, so wie es auch bei Nawalny war.

Zudem gibt es Bellingcat zufolge sogar personelle Überschneidungen. Als Nemzow-Verfolger nennt das Kollektiv FSB-Agenten Valery Sukharew, Dimitry Sukhinin und auch Alexey Kriwoschekow, der nach Informationen von "Spiegel" und Bellingcat am Nowitschok-Anschlag auf Nawalny beteiligt war. Allerdings gibt es keine Belege, dass die drei Männer mit Nemzows Ermordung etwas zu tun haben. Zudem wurde der bekannte Putin-Kritiker erschossen und nicht vergiftet.

Verfolgung hört kurz vor Nemzows Tod auf

Die neuen Ergebnisse der Investigativ-Reporter berufen sich auf Daten von Passagierlisten russischer Inlandsflüge und Bahnreisen mit Bezug auf die Reisedaten von Nemzow. Diese wurden aus dem FSB-System "Magistral" geleakt, heißt es. Dort würden alle Flug- und Zugreservierungen gespeichert, sodass daraus nicht nur die Bewegung des Zielobjekts des Geheimdienstes, sondern auch von den Agenten selbst abzulesen sind.

Es sei auffällig, dass die FSB-Leute Nemzow auf insgesamt dreizehn Reisen gefolgt sind. Aber als dieser über den 21. und 22. Februar nach Jaroslawl fuhr, waren keine Mitglieder des Spezialkommandos mehr mit ihm unterwegs. Nur wenige Tage später wurde Nemzow ermordet. Nemzow galt 1998 als möglicher Nachfolger von Boris Jelzin, bevor dieser sich schließlich aber für Putin entschied. Er wurde einer der prominentesten Kremlkritiker. So positionierte er sich gegen die Annexion der Krim und forderte eine unabhängige Untersuchung zum Passagierflug MH17, der im Juli 2014 über dem umkämpften Gebiet der Ostukraine von einer Luftabwehrrakete abgeschossen worden war.

Der bekannte Oppositionelle war am 27. Februar 2015 kurz vor Mitternacht in der Nähe des Kremls auf offener Straße in Moskau erschossen worden. 2017 wurde ein ehemaliger Offizier aus Tschetschenien mit engen Verbindungen zum Tschetschenien-Oberhaupt Ramsan Kadyrow für den Mord zu 20 Jahren Haft verurteilt, vier weitere Männer wurden der Beihilfe zum Mord schuldig befunden.

Das Motiv des mutmaßlichen Haupttäters namens Saur Dadajew und seinen Mittätern bleibt bis heute unklar. Zuvor gab es die Theorie, dass Nemzow aus religiösen Motiven getötet wurde, weil er sich mit den Opfern des Anschlags auf Charlie Hebdo im Januar 2015 solidarisch gezeigt hatte. Dies zeigte sich aber als unhaltbar, weil die tschetschenische Gruppe Nemzow schon vor der Aussage gefolgt war. Dadajew hatte seine Tat während der Ermittlungen der russischen Behörden gestanden, doch später sein Geständnis widerrufen. Sie hätten Nemzow zwar verfolgt, aber den Mord nicht durchgeführt.

Die Familie und Anhänger Nemzows werfen den russischen Behörden vor, die tatsächlichen Drahtzieher bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen zu haben.

Quelle: ntv.de, ysc

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