Nummer 7 für Nummer 10?Nigel Farage - der "Clown" kann zur Bremse werden

Vom Hinterbänkler im Europaparlament wurde Nigel Farage zum Brexit-Antreiber. Nun will er Großbritannien ein weiteres Mal aus der Bahn werfen. Das Wahlsystem dürfte das verhindern. Blockadepotenzial hat Farage dennoch.
Sechs Premierminister hat die britische Politik in den vergangenen zehn Jahren verschlissen, seit dem Brexit-Referendum von 2016: als erstes David Cameron, der das Referendum ansetzte in der irrigen und irren Hoffnung, damit die Rechtspopulisten der UKIP-Partei unter dem Rechtspopulisten Nigel Farage auszuschalten, der den Brexit noch stärker propagierte als der rechte Flügel von Camerons konservativer Partei.
Auf Cameron folgte Theresa May, die daran scheiterte, mit der EU einen sauberen Ausstiegsvertrag zu verhandeln; dann Boris Johnson, der sich für saubere Verträge nicht interessierte und an sich selbst scheiterte; und Liz Truss, die weniger lange durchhielt als ein Kopfsalat. Als Truss zurücktrat, entschieden sich die britischen Konservativen für Rishi Sunak, der dann auch keine Chance mehr hatte.
Der Brexit wurde für die Tories nicht zum Befreiungsschlag, sondern zum Anfang vom Ende: 2024 wurde Sunak abgewählt, Labour übernahm. Seit zwei Jahren residiert Keir Starmer in Downing Street Nummer 10. Zum Vergleich: Die sechs Premierminister vor dem Brexit reichen satte vierzig Jahre zurück, bis ins Jahr 1976.
Druck auf Starmer wächst
Nun soll auch Starmer ausziehen, das jedenfalls fordern Stimmen seiner Fraktion im Unterhaus. Noch kann der Premierminister sich halten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass er bis zur nächsten regulären Unterhauswahl, die spätestens im Sommer 2029 stattfinden muss, durchhält, ist nicht hoch. Die elf mit Labour verbundenen Gewerkschaften sagen nach einem Bericht des britischen "Guardian" bereits voraus, dass er die Partei nicht in die nächsten Wahlen führen wird.
Die Welle der Kritik gegen Starmer erhob sich nach den Kommunalwahlen im Vereinigten Königreich, die für Labour als krachende Niederlage endete. Sieger war genau der Mann, der die britische Politik schon vor zehn Jahren ins Chaos gestürzt hat: Nigel Farage. Ein Kommentator schrieb damals, Farage sei "ein Clown", aber zugleich "der wichtigste Politiker unserer Zeit". So konnte man das sehen.
Die "United Kingdom Independence Party" (UKIP), deren Vorsitzender er drei Mal war, verließ er Ende 2018 im Streit, um wenige Wochen später zur neu gegründeten Brexit-Partei überzulaufen, die ihn sogleich zum Vorsitzenden machte. Seit 2021 nennt sich die Partei Reform UK.
Das Wahlsystem dürfte Farage aufhalten
Während es für die traditionell großen britischen Parteien seit einigen Jahren abwärtsgeht, stiegen die Werte von Reform UK bis zum Spätsommer 2025 konstant an. Seither fallen sie zwar, aber weder Labour noch die Konservativen konnten bisher davon profitieren.
Für Reform waren die Kommunalwahlen am 7. Mai und die Regionalwahlen in Schottland und Wales am selben Tag ein großer Erfolg. Für Labour besonders problematisch ist der gleichzeitige Aufstieg der Grünen - die Partei des Premierministers verliert nach links und nach rechts.
Und doch halten Experten es nicht für wahrscheinlich, dass Farage der nächste Premierminister wird. Das liegt am britischen Mehrheitswahlsystem. So erhielt Labour bei der Unterhauswahl im Juli 2024 gut 34 Prozent der abgegebenen Stimmen, aber 411 von 650 Sitzen, also mehr als 60 Prozent der Mandate.
Das kann auch umgekehrt laufen: Reform kam 2024 auf 14,3 Prozent, gewann aber nur in fünf Wahlkreisen ein Mandat. Im Unterhaus ist die Farage-Partei folglich mit weniger als einem Prozent der Abgeordneten vertreten.
Wettquote liegt bei einem Prozent
"Für Reform wird es sehr schwierig sein, ein ernsthafter Anwärter auf die Regierungsbildung zu werden, da sie für eine Stimmenmehrheit in den Wahlkreisen siegen müssen", sagte die britische Politikwissenschaftlerin Josephine Harmon nach den jüngsten Wahlen. "Dies ist ihnen bislang schwergefallen, und das dürfte auch so bleiben."
In einem britischen Wettbüro liegen Farages Chancen aktuell nur bei einem Prozent. Sehr viel bessere Chancen werden dem Labour-Politiker Andy Burnham eingeräumt, bislang Bürgermeister von Manchester.
Und doch ist es Farage, der die britische Politik immer wieder erfolgreich unter Druck setzt. Dabei hat er als Polit-Abstinenzler angefangen: In seinen mehr als zwanzig Jahren im Europaparlament fiel er vor allem für seine Abwesenheit auf. Seinen Abgang jedoch zögerte er hinaus - sonst hätte er ja auf die vollen Pensionsbezüge verzichten müssen.
Der erste Erfolg des globalen Rechtspopulismus
Da hatte Farage, der lange als Witzfigur galt, sein Meisterstück schon abgeliefert - den Brexit, den ersten großen Erfolg des globalen Rechtspopulismus, noch vor dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA im selben Jahr. Ohne ihn und seine Partei, die aus dem Referendum einen "Kampf gegen die Eliten" machte, hätte es den für Großbritannien so folgenreichen Austritt aus der EU nicht gegeben. Farage sorgte dafür, dass es nicht um Fakten ging, sondern um Gefühle.
Nach einigem Nachdenken hält eine Mehrheit der Briten den Brexit mittlerweile für einen Fehler. Mit Recht: Durch den Brexit ist der britischen Wirtschaft ein massiver Schaden entstanden. Nach einer Studie von Ende 2025 kostete der Austritt aus der EU das Land im vergangenen Jahrzehnt zwischen sechs und acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Und doch führt die Farage-Partei heute mit derselben Art von Botschaft die Umfragen an. Aus seinen Ambitionen, 2029 Premierminister zu werden, macht er keinen Hehl, seit er 2024 im Wahlkreis Clacton-on-Sea erstmals ein Unterhausmandat gewann.
Eher ein Patt als Farage in Nummer 10
Auch wenn es nicht wahrscheinlich ist, dass Farage Nummer sieben seit dem Brexit wird: Er kann seinem Land ein weiteres Mal schaden. Beim Wettbüro, das Farages Chancen derzeit bei nur einem Prozent sieht, steht "No Next PM in 2026" (kein nächster Premierminister im Jahr 2026) mit 22 Prozent an zweiter Stelle. Das wäre ein Szenario, in dem keine Partei über eine parlamentarische Mehrheit verfügt. Mit 22 Prozent ist dieser Ausgang möglicherweise noch unterbewertet, denn anders als Deutschland hat Großbritannien so gut wie keine Tradition von Koalitionen: Eine Koalitionsregierung gab es nach dem Zweiten Weltkrieg im Königreich ein einziges Mal - und selbst in Deutschland wird das Regieren in Koalitionen bekanntlich immer komplizierter.
Für einen Wahlsieg bräuchte Farage daher die Konservativen, idealerweise bereits vor der Wahl in einem Bündnis, in dem verabredet wird, welche Partei in welchem Wahlkreis antritt, damit man sich gegenseitig so wenig Konkurrenz wie möglich macht. Im vergangenen Jahr sagte Farage vor Spendern, er gehe davon aus, dass es vor der nächsten Parlamentswahl ein Abkommen oder eine Fusion zwischen Reform UK und den Konservativen geben werde, so ein Bericht der "Financial Times". Offiziell wies Farage das zurück. "Nach dem kommenden Mai werden die Konservativen keine nationale Partei mehr sein", sagte er stattdessen.
Das war im Dezember. Kurz darauf erschienen Umfragen, in denen Reform tatsächlich mit einer Mehrheit im Parlament rechnen konnte. Doch seither haben die Konservativen sich berappelt. Die Wahlen im Mai liefen für sie nicht gut, aber besser als erwartet. Ein Patt im Parlament ist damit wahrscheinlicher geworden - ein Einzug von Farage in Nummer 10 dagegen nicht.