Politik

Alles auf eine Karte Norbert Röttgen - der Schicksalskandidat

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Hat für seine Kampagne viel Zuspruch bekommen: Norbert Röttgen.

(Foto: imago images/photothek)

Beim CDU-Parteitag könnte Norbert Röttgen zum Königsmacher werden: Zieht er seine Kandidatur für den Vorsitz durch, steigen die Chancen auf einen Sieg von Friedrich Merz. Stellt er sich hinter Laschet, gewinnt der Status quo. Aber Röttgen wäre auch endgültig rehabilitiert.

Von wegen Außenseiter. Aus der zweiten Reihe startete Norbert Röttgen vor einem Jahr seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz. Nun liegt der Außenpolitiker in letzten Umfragen vor dem entscheidenden Parteitag gleichauf mit Armin Laschet, Friedrich Merz nur wenige Prozentpunkte vor ihnen. Von einem "offenen Rennen" sprach Röttgen zuletzt - und freute sich über den wachsenden Zuspruch der Wähler. Nur wählen eben nicht die Wähler den Parteivorsitzenden, sondern die Delegierten. Eine Ironie des Schicksals. Immerhin war es ebenfalls Röttgen, der vor der NRW-Landtagswahl 2012 in einem folgenschweren Interview bedauerte, dass statt der CDU die Wähler darüber zu entscheiden hätten, ob er Ministerpräsident wird. Nun ist es umgekehrt. Und trotzdem nicht unbedingt besser.

Was dem 55-Jährigen fehlt, ist breiter Rückhalt innerhalb der CDU - und mächtige Unterstützer an der Spitze. Die Parteiprominenz versammelt sich eher hinter Laschet: ganz offen beispielsweise der frühere Generalsekretär Peter Tauber und CDU-Urgestein Kurt Biedenkopf, Kanzleramtschef Helge Braun und Annegret Kramp-Karrenbauer eher indirekt. Dass Hessens Ex-Landeschef Roland Koch und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble Freunde von Friedrich Merz sind - auch das ist kein Geheimnis. Sowohl Merz als auch Laschet können darüber hinaus auf viele Stimmen aus großen Landesverbänden hoffen. Laschet allein schon deshalb, weil er Regierungschef in Nordrhein-Westfalen ist. Die NRW-CDU stellt 298 von 1001 Delegierten. Zwar gehören auch Merz und Röttgen dem größten Landesverband der Partei an - auch sie kommen aus NRW. Doch beiden werden dort eher Randerfolge vorausgesagt.

Für Röttgen kommt erschwerend die Vergangenheit hinzu. Dass er 2012 als Spitzenkandidat bei der NRW-Landtagswahl ein historisch schlechtes Ergebnis für seine Partei einfuhr, lasten ältere Delegierte noch immer seinem verkorksten Wahlkampf und der damaligen Weigerung an, sich auch als Oppositionsführer in der Landespolitik zu engagieren. Unter Jüngeren dürfte das zwar vergessen sein. Doch es ist ein Makel, der bleibt - auch in Röttgens politischer Biografie. Immerhin führte das Wahldebakel auch zum Bruch mit der Kanzlerin und seiner Entlassung aus dem Ministeramt. Ein Vorgang, den es auf Bundesebene überhaupt erst zweimal gab. Seine Kritiker halten ihn seither für einen beratungsresistenten Eigenbrötler.

JU-Abstimmung als Wendepunkt

Eines der Ziele - wenn nicht das größte - seiner wegen Corona weitgehend unter dem öffentlichen Radar gelaufenen Kampagne war, diesen Ruf wieder loszuwerden. Per Videocall habe sich Röttgen in unzählige Wohnzimmer von Parteimitgliedern geschaltet und um Unterstützung geworben, sagt die rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Ellen Demuth. Sollte Röttgen den Vorsitz gewinnen, will er die 38-Jährige zu seiner Chefstrategin machen. Als Wendepunkt der Kandidatur sieht sie die Abstimmung der Jungen Union im November: Röttgen landete auf Platz zwei. "Da war klar, dass er kein Außenseiter mehr ist. Ganz im Gegenteil", sagt Demuth im Gespräch mit ntv.de. Aus Fehlern der Vergangenheit habe Röttgen gelernt. "Er hat sich hinten angestellt und wieder hochgearbeitet. Das wird in der Partei sehr honoriert."

Inzwischen gibt es Demuth zufolge positives Feedback aus vielen Landesverbänden - selbst aus Baden-Württemberg, das eigentlich als Merz-Hochburg gilt. Geholfen hat Röttgen nach Ansicht des Politikberaters Johannes Hillje aber auch die US-Präsidentschaftswahl - ein Thema, bei dem sich der Außen- und Sicherheitspolitiker profilieren konnte. "In der Diskussion um das transatlantische Verhältnis hat er eigene Akzente gesetzt", sagt Hillje ntv.de. "Er hat stärker für eine Emanzipation Europas von den USA geworben, als man das aus CDU-Reihen gewöhnt ist. Damit hat er gepunktet." Seine Kompetenz auf dem Gebiet ist fraktionsübergreifend unumstritten. Seit Jahren führt Röttgen den Auswärtigen Ausschuss im Bundestag weitgehend geräuschlos.

Zwei Mitte-Kandidaten - einer zuviel?

Hartnäckig halten sich dennoch die Zweifel daran, dass er abgesehen davon noch mehr anzubieten hat. Wer wirtschaftspolitische Referenzen sucht, muss zurückgehen bis in seine NRW-Jahre. Als erklärter Kernkraftgegner betonte Röttgen allerdings schon früh seine Nähe zu den Grünen - wohlgemerkt zu einer Zeit, als das innerhalb der Union noch nicht opportun war. In Fragen des Klimaschutzes ist er gewissermaßen der Anti-Merz. Er traut sich eine klare Agenda zu, auch wenn es um die umstrittene Quotenfrage für CDU-Frauen geht. Laschet bleibt da vorsichtiger. Er ist der Mann des Sowohl-als-auch. Vor allem jungen und weiblichen Delegierten stinkt das. Sie versprechen sich vom neuen Parteichef Visionäres.

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Norbert Röttgen versteht die Jugend.

(Foto: Twitter)

Und tatsächlich ist der Zuspruch für Röttgen vor allem bei den CDU-Frauen und den Jungen in der Partei groß. Von Anfang an hat der 55-Jährige betont, die Partei moderner, weiblicher und jünger machen zu wollen. Entsprechend progressiv ist sein Team - die "Röttgang", die vor allem in den sozialen Medien eine erfolgreiche und humorvolle Wahlkampagne auf die Beine stellte. "Wir sehen Reformbedarf in der CDU - nicht nur, was die Altersstruktur und den Frauenanteil in der Partei betrifft", sagt Demuth. "Dafür treten wir an. Nicht um jemand anders zu verhindern." Jemand anders - damit ist Friedrich Merz gemeint.

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Seine erneute Kandidatur sorgt in der Partei seit Monaten für Unruhe. Die Mission "Merz verhindern", die vor allem vom einstigen Unionsfraktionschef selbst kolportiert wird, ist zum Mythos geworden, der die Gräben zwischen den Lagern vertieft hat. Fakt ist, dass er viele konservative Delegierte hinter sich weiß, während Laschet und Röttgen um die Mitte buhlen. Wollte die Parteispitze Merz tatsächlich verhindern, müsste sie einen der beiden in der ersten Wahlrunde sicher durchbringen - also mit mindestens 50 Prozent aller Delegiertenstimmen. Das ginge nur dann, wenn Röttgen oder Laschet vorab ihre Kandidatur zurückzögen. Dann wäre die Wahrscheinlichkeit groß, dass deren Anhänger zum verbliebenen Mitte-Kandidaten wechseln und dieser schon in der ersten Runde die absolute Mehrheit erreicht.

Die Parteispitze würde sich einen solchen Schritt wohl eher von Röttgen als Laschet erhoffen. Doch für den einst hochgelobten und dann tief gefallenen Hoffnungsträger ist der Parteitag die womöglich letzte Chance, sein Schicksal endgültig zu drehen und sich wieder in die erste Reihe zu kämpfen. Sein Comeback zu opfern, wäre viel verlangt. Einen Druck von oben, sich doch noch aus dem Rennen zu verabschieden, spürt das Team Röttgen bisher nicht, sagt Demuth auf Nachfrage von ntv.de. Ohnehin seien die Zeiten vorbei, in denen altvordere Parteigrößen versuchen sollten, Einfluss auf parteiinterne Wahlen zu nehmen. "Jeder Delegierte muss frei sein in seiner Entscheidung", sagt sie. "Und ich bin frei für Röttgen."

Quelle: ntv.de