Politik

Zum 80. von Silvio Berlusconi Ohne ihn geht nichts in Bella Italia

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(Foto: imago/Independent Photo Agency)

Prozesse, Affären, Bunga-Bunga – nichts hat Silvio Berlusconi in seinem Leben bisher wirklich schaden können. Der Cavaliere muss zwar heute etwas ruhiger treten. Doch der Einfluss des nun 80-Jährigen ist geblieben.

"Wissen Sie, welcher der gefährlichste Charakterzug meiner Landsleute ist?", fragte mich Indro Montanelli, Chefredakteur einer Zeitung im Besitz von Silvio Berlusconi, einmal. "Sie sind immer auf der Suche nach einem Retter des Vaterlandes, der sie von allen Problemen befreit, ohne dass sie selbst etwas tun müssten."

Der letzte große Retter des Vaterlandes war für viele Jahre Silvio Berlusconi selbst. Berlusconi verkörpert Italien - seine guten wie seine schlechten Seiten. Nun wird der "Cavaliere" 80 Jahre alt.

Berlusconis erste Rettungsmission begann 1994. Er wollte Italien vor den Kommunisten retten. Sie schickten sich an, das Land zu übernehmen, nachdem Christdemokraten und Sozialisten im Sumpf der Korruption untergangen waren. Im Wahlkampf setzte Berlusconi auf sein ganzes Medienimperium. Er versprach "seinen" Italienern genau die Träume, die sie wollten. Als geschickter Macher des Privatfernsehens kannte er die Wünsche der Leute bestens. Er verkaufte den Traum des Reichtums für alle.

Berlusconi - ein Meister des "Trumpismus"

Von nun an sollte Berlusconi die Geschicke Italiens bestimmen, egal, ob aus der Regierung oder auch aus der Opposition heraus. Und Italien blieb ihm zum großen Teil treu – allen Eskapaden zum Trotz.

Als er sich bei einem Gipfeltreffen hinter einem Baum versteckte und Angela Merkel – "kuckuck" – zu erschrecken versuchte, lachte Italien mit ihm. Und als sich Berlin beklagte, war das umso besser für sein Image zuhause. Oder als er die deutsche Kanzlerin in einem abgehörten Telefongespräch eine Frau mit einem zu großen Allerwertesten nannte, mit der er keinen Sex haben könnte, hatte er wieder die Lacher auf seiner Seite. Berlusconi, ein früher Könner des "Trumpismus", der absolut politisch unkorrekten Rede.

Berlusconi schadeten auch 20 Strafprozesse wegen Bilanzfälschungen und Steuerhinterziehung nicht. Und das, obwohl er fast alle dieser Prozesse nur überstand, weil er als Regierungschef das Rechtssystem nach seinen Interessen beugte. Es war dann die letzte Hinterziehung von für ihn läppischen 10 Millionen Euro, die ihn den Sitz im Senat kosten sollte und den so geliebten Titel des "Ritters der Arbeit", Cavaliere. Den dürfen nur unbescholtene Bürger tragen, keine Vorbestraften. Also nennen ihn seine Fans heute "Ex-Cav". Einmal Cavaliere, immer Cavaliere.

Steuerhinterziehung? Da lachte er nur

Der schlimmste Verdacht gegen Berlusconi, er habe seine Anschubfinanzierung in den 1960er Jahren im Wohnungsbau in Mailand von der Mafia bekommen, konnte nie bewiesen werden. Bewiesen ist nur, dass ihn die kleine Mailänder Banca Rasini finanzierte, in der der Vater Berlusconis Geschäftsführer war. Und dass diese Bank ihr Kapital zu wichtigen Teilen von Liechtensteiner Treuhandfirmen bekommen hatte, hinter denen aber nicht die Mafia, sondern direkt der Vatikan stand. Dies ergab eine Recherche, die ich zusammen mit Ferruccio Pinotti unternommen hatte – die Dokumente waren tatsächlich eindeutig und entlasteten Berlusconi von diesem Vorwurf.

Als ich Berlusconi aus Anlass eines "Kreuzverhörs" beim italienischen Sender RAI im Wahlkampf 2013 traf, kam er zu mir und bedankte sich bei mir. "Was gibt es zu danken?", fragte ich, "Sie sind ein großer Steuerhinterzieher, aber nach unseren Erkenntnissen eben kein Geldwäscher." Da lachte er nur und hoffte, auch der letzten Verurteilung zu entgehen, die ihn 2014 aber doch noch den Parlamentssitz kosten sollte.

Ein Steuerhinterzieher zu sein, ist in Italien eine lässliche Sünde.

Verziehen haben ihm die Italiener auch immer die zahllosen sexuellen Abenteuer. Klar, die Machos wären gerne an seiner Stelle bei den "eleganten Abendessen" gewesen, wenn 20 Edelprostituierte bei ihm zu Hause auftraten. Die Damen erhofften sich TV-Karrieren und sogar ihre Mütter kämpften alle um die Gunst "ihres" Silvio, wie abgehörte Gespräche belegten. Ein Sittengemälde der traurigen Art.

Zweite Frau setzte ihn vor die Tür

Nicht einmal Sex mit einer Minderjährigen, mit Ruby Rubacuore, die mit weltlichem Namen Karima El Marough heißt, ließ das Vertrauen der Italiener in ihren Silvio schwinden. Vor Gericht verteidigte Berlusconi sich geschickt: Sie sei eine Prostituierte gewesen und er habe nicht gewusst, dass sie unter 18 gewesen sei. Und damit hatte er wieder einmal Recht, dem konnte auch das Gericht nicht wiedersprechen. Man sprach ihn vom Vorwurf der Anstiftung zur Prostitution frei.

Die "Rubys", sehr junge Damen mit einer Oberweite nicht unter Doppel-D, sind eine Konstante im Leben Berlusconis. Noch eine Erinnerung: In der Nacht der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der USA warteten wir Korrespondenten alle im Pressesaal seines Privatpalastes in Rom, um seine Stellungnahme zu hören. Er wollte die Privatgemächer aber nicht verlassen, weil er dort noch mit einer anderen Prostituierten zu Gange war – die dies später der Polizei erzählte. Patrizia D'Addario hieß die Dame aus Bari. Hat Berlusconi ihre Aussagen dementiert? Keineswegs. Berlusconi war darauf wohl heimlich auch noch stolz.

Silvio Berlusconi zweite Frau Veronica Lario hatte ihm da schon den Laufpass gegeben, weil er kurz zuvor auf dem 18. Geburtstag eines jungen Mädchens namens Noemi Letizia aufgetaucht war, mit teurem Schmuck als Geschenk. Später erfuhren wir, dass die junge Noemi Berlusconi schon vor dem 18. Geburtstag besuchte. Veronica Lario schmiss ihn dafür aus dem Haus und sagte nur: "Mein Mann braucht Hilfe, und wer ihm heute nah steht, sollte ihm diese anbieten."

Berlusconi hat kaum ein Versprechen gehalten

Nach der Aufdeckung der fröhlichen Bunga-Bunga-Abende in seiner Villa San Martino bei Mailand kam etwas Ruhe ins Leben des Medienmoguls. Die Gespielinnen wurden mit Millionen-Abfindungen ausgezahlt, an ihre Stelle trat eine junge Dame, wieder aus Neapel, Francesca Pascale.

Heute lebt Berlusconi zurückgezogener als zuvor, dies schuldet er auch seiner angeschlagenen Gesundheit. Er musste sich einer schweren Herzoperation unterziehen und seine Ärzte haben ihm abgeraten, weiter Politik zu machen. Ablassen wird er aber keineswegs von der Politik, auch wenn seine Bilanz nach 22 Jahren Politik, seit der Gründung von Forza Italia 1994, desaströs ist. Die Wahlversprechen nach Reichtum für alle sind nie realisiert worden, das Land steckt seit 20 Jahren in einer Dauerkrise und die Sparpolitik seines Widersachers Romano Prodi hat Berlusconi nach seinem großen Wahlsieg 2001 mit einer gnadenlosen Erhöhung der Staatschulden wieder wettgemacht. Am Ende hat ihn dies 2011 auch zum Rücktritt gezwungen, der Schuldenberg Italiens war nicht mehr bezahlbar geworden. Heute ist er nicht kleiner, auch die Regierung von Ministerpräsident Matteo Renzi folgt den Spuren Berlusconis und glaubt, mehr Ausgaben für Rentenerhöhungen und sonstige Wahlgeschenke auf Pump könnten die Wirtschaft ankurbeln. Insofern ist Berlusconis Politik auch heute noch der Leitfaden in Rom.

Auf dem Höhepunkt seiner Popularität sammelte Berlusconi zusammen mit seinen Verbündeten 48 Prozent der Wählerstimmen ein, heute liegt seine Forza Italia bei gerade noch 15 Prozent.

Aber Stimmen werden gewogen und nicht gezählt. Und 15 Prozent wiegen heute sehr schwer, denn Renzis Demokratische Partei kommt nicht auf mehr als 32 Prozent. Eine Mehrheit hätte heute keiner mehr, weil die Protestbewegung "5 Sterne" des Ex-Komikers Beppe Grillo konstant bei knapp 30 Prozent liegt und sich jeder Koalition verweigert. Egal, wie das Wahlrecht auch gezimmert werden wird: Es kommt wieder auf Berlusconi an, auf die Stimmen des gealterten Medienmoguls – solange er noch lebt geht nichts ohne ihn in Bella Italia.

Quelle: ntv.de