Politik

Propaganda für das Gute"Mit Fakten kann man die Demokratie nicht retten"

15.02.2026, 08:17 Uhr
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Die emotionale Ansprache liegt Bundeskanzler Merz nicht so. Emotionen zeigen kann er durchaus - hier bei der Handball-EM in Dänemark. (Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Mit Fakten gewinnt man keine emotional aufgeladene Auseinandersetzung, sagt der PR-Experte Jannis Johannmeier im Interview mit ntv.de. Er plädiert für "gute Propaganda". Und für Visionen. "Die demokratische Politik bietet oft nur den Status quo: Retten, Sichern, Verwahren. Daraus entsteht keine Begeisterung."

ntv.de: Ihr Buch heißt "Propaganda for the Good". Warum Englisch?

Jannis Johannmeier: Weil ich nicht in Landesgrenzen denke, sondern in Wertegemeinschaften. Das Buch richtet sich an die deutsche Öffentlichkeit, aber mein Bezugsrahmen ist Europa. Und die gemeinsame Sprache Europas ist Englisch. Außerdem klingt für mich "Propaganda für das Gute" nach VHS-Kurs aus den Neunzigern. "Propaganda for the Good" ist dagegen eine moderne Kampfansage.

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Jannis Johannmeier ist Gründer und CEO der Kommunikationsagentur The Trailblazers. Sein Buch "Propaganda for the Good" erscheint am 24. Februar. (Foto: Leslie Marie Johannmeier)

Und was ist das "Gute"?

"Gut" ist eine bewusste Zuspitzung - niemand ist nur gut oder böse. Aber ich habe das Buch geschrieben für die große Mehrheit in diesem Land, die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Vielfalt und Freiheit will. Das Problem ist: Sie glauben immer noch, man könne das alles mit Zahlen, Daten und Fakten erreichen.

Was ist das Problem mit Zahlen, Daten und Fakten?

Mit Fakten gewinnt man keine emotional aufgeladene Auseinandersetzung! Der größte Irrtum der demokratischen Seite ist der Reflex, mit Statistiken zu antworten, sobald Populisten Unsinn erzählen. Emotionen lassen sich nicht mit Zahlen beruhigen. Wer Flugangst hat, dem hilft keine Statistik über Absturzquoten. Genauso ist es in der Politik: Wenn Menschen Angst um ihre Sicherheit haben, hilft ihnen keine Tabelle vom Bundeskriminalamt.

Fakten sind irrelevant?

In einer emotionalisierten Debatte: ja. Emotionen wirken für Menschen realer als Fakten. Wer sie ignoriert, verliert den Zugang zu ihnen. Für viele zählt das Gefühl mehr als die objektive Wahrheit - ob uns das gefällt oder nicht.

Sie gehen von Grundannahmen aus wie "Algorithmen erschaffen deine Realität", "Lügen verbreiten sich sechsmal schneller als die Wahrheit" und "Emotionen regieren. Fakten sterben".

Wir leben in einer Faktenillusion: Wir glauben, Fakten formen die Welt - dabei sind es Fiktionen, die unsere Realität tragen. Nationen, Religionen, Geld - alles basiert auf geteilten Annahmen. Sie wirken, weil wir kollektiv an sie glauben. Aber die Geschichte zeigt: Sie lassen sich verändern. Die Frage ist nur, von wem. Von denen, die eine Vision haben - oder von denen, die Angst schüren?

Arbeitet "gute" Propaganda mit den gleichen Methoden wie Propaganda für das Schlechte?

Ja. Die Werkzeuge sind neutral. Ein Messer ist nicht per se gefährlich. Es kommt darauf an, ob du damit Brot schneidest oder jemanden erstichst. Gute Propaganda heißt: Ich nutze Emotion, Wiederholung, starke Bilder, klare Kante - aber für Menschenwürde, Vielfalt, Freiheit. Und ich gebe eine Vision. "Wir müssen die Demokratie retten" ist Defensive. "Wir bauen eine Gesellschaft, in der alle mitbestimmen können" ist ein Leuchtturm. Aber die demokratische Politik bietet oft nur den Status quo: Retten, Sichern, Verwahren. Daraus entsteht keine Begeisterung. Wenn Herr Merz sagt: "Wir müssen mehr arbeiten, damit alles so bleibt wie es ist", bietet er keine Vision an. Das ist Verwaltung oder sogar Kapitulation.

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Hat es die negative, oft zerstörerische Propaganda von Trump oder der AfD nicht viel leichter als jede konstruktive Vision?

Nein, das ist ein Trugschluss. Ich habe schon tolle Science-Fiction-Filme gesehen, die eine Utopie greifbar machen, spannend und begeisternd. Wir verschwenden unsere Fantasie aber oft auf Dystopien: Wir stellen uns vor, wie die Welt untergeht, welche Krankheiten grassieren oder welche Katastrophen passieren. Viel sinnvoller wäre es doch, unsere Fantasie für das Schaffen von Utopien zu nutzen! Trump inszeniert seine krude Vision als große Show. Dieses Handwerkszeug müssen die "Good Guys" erst noch lernen.

Allerdings müssen die Guten irgendwann liefern, um glaubwürdig zu bleiben. Trump kann so viel Unsinn erzählen, wie er will - es reicht, dass er seine Hassbotschaften radikalisiert, um wenigstens den harten Kern seiner Gefolgschaft bei der Stange zu halten. Glaubwürdigkeit ist für Politiker wie ihn keine Währung.

Dann ist die Frage doch: Wie schaffen wir Glaubwürdigkeit in der Politik? Die Bundesregierung zeigt, dass es hierfür nicht ausreicht, Abläufe und Zahlen zu erklären - es braucht ein neues, mutiges kommunikatives Angebot.

Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Politik versteht, wo die Menschen emotional stehen, und ihre Ängste und Bedürfnisse ernst nimmt. Vertrauen geht verloren, wenn Kommunikation sich hinter Paragraphen oder vermeintlichen Sachzwängen versteckt, statt zu sagen: "Das ist unsere Vision. Dafür kämpfen wir. Komm und mach mit."

Was für eine Geschichte könnte beispielsweise der Bundeskanzler erzählen, um stärker zu den Deutschen durchzudringen?

Ich fürchte, dem Bundeskanzler fehlen derzeit alle Zutaten für eine überzeugende Geschichte. Es gibt keine klare Vision, keine Utopie, keine emotionale Verbindung zu den Menschen.

Das politische Berlin sollte einfach mal einen Monat die Klappe halten und sich an die notwendige Grundlagenarbeit machen. Eine Vision entwickeln, die alle Demokraten eint. Die einen Wow-Effekt hat. Die mitreißt. Die zum Machen und Träumen einlädt. Stattdessen verlieren sie sich wieder und wieder in Schein-Debatten und Möchtegern-Narrativen. Sie reiben sich auf, tun geschäftig, arbeiten aber komplett am Notwendigen vorbei. Sie setzen die falschen Prioritäten und verstehen zu wenig davon, was jetzt zu tun ist und wie es geht.

Allerdings ist Zerstören leichter als Aufbauen.

Das ist eine Ausrede, die lasse ich nicht gelten. Wenn wir nicht wollen, dass die Zerstörer die öffentliche Agenda dominieren, brauchen wir ein starkes Gegenangebot. Es reicht nicht, auf bestehende Mechanismen zu reagieren. Politik muss selbst ein positives, mutiges Zukunftsbild entwerfen - und das kann nicht lauten "Ihr müsst mehr arbeiten!". Sonst bleibt die Aufmerksamkeit ganz sicher bei den Akteuren, die Angst, Wut oder Ressentiments inszenieren.

"Ein Klick und du erreichst potenziell acht Milliarden Menschen", heißt es in Ihrem Buch. "Oma Gisela kann genauso laut schreien wie der Bundeskanzler." Aber wenn Oma Gisela schreit, erreicht sie mit großer Sicherheit nicht halb so viele Menschen wie der Bundeskanzler. Ist die Gleichheit der Botschaften im digitalen Zeitalter nicht ein Märchen?

Im Gegenteil. Ein 16-jähriger Tiktoker mit null Budget kann mehr Menschen erreichen als der Kanzler mit seinem gesamten Kommunikationsapparat. Warum? Weil er die bessere Story erzählt. Weil er versteht, wie Algorithmen ticken. Weil er emotional und authentisch ist. Das gilt für alle, das ist die Demokratisierung der Kommunikation: Selbst "Oma Gisela" kann genauso laut schreien wie der Bundeskanzler. Entscheidend ist die Kraft des Narrativs: Aufmerksamkeit folgt der besten Geschichte, nicht einem Amt oder Titel.

Apropos Tiktok: Was halten Sie von regulatorischen Eingriffen, um Social Media für Jugendliche einzuschränken oder die Suchtgefahr von Plattformen wie Tiktok zu reduzieren?

Es ist doch wie immer: Wenn Menschen neue Dinge erfinden, müssen wir als Gesellschaft den Umgang damit lernen. Altersbeschränkungen oder Regeln können sinnvoll sein - wie bei Filmen - aber nicht aus pathetischen Gründen, weil diese Social-Media-Welt angeblich "böse" ist. Viel problematischer ist die Dämonisierung, die oft mit moralischer Überheblichkeit einhergeht. Wer aber nur auf die Risiken schaut, übersieht die unfassbaren Möglichkeiten der Plattformen. Diese einseitige Dämonisierung der digitalen Welt führt zur Kapitulation. Und dann wundern wir uns, dass die Falschen gewinnen.

Mit Jannis Johannmeier sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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