Wieduwilts WocheWie ein kanadischer Banker plötzlich die wichtigste Rede des Jahres hielt
Eine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
Populisten treffen ins Herz, das macht sie so gefährlich. Aber das können auch andere. Der kanadische Premierminister Mark Carney hat in Davos gezeigt, wie es geht.
Donald Trump nimmt sich, was er will. Es gelten keine Regeln mehr, außer dem Recht des Stärkeren. Um den eigenen Einfluss zu vergrößern, greifen Großmächte zu Erpressung, Vertragsbruch, Gewalt. Die übrige Welt starrt hilflos auf das Geschehen oder pinselt den starken Männern die Bäuche.
So wirkt es jedenfalls für viele Beobachter. Wie soll man da noch Hoffnung schöpfen? Durch ein gutes Dutzend Bundeswehrsoldaten auf Grönland? Durch die Nato, ein Verteidigungsbündnis, das für Amerika offenbar so verbindlich zu sein scheint wie ein guter Neujahrsvorsatz?
Durch Beschwörungsformeln, den häufigen Irrtum, Trump werde schon nicht dieses oder jenes machen, nur, um wieder und wieder festzustellen: Doch, wird er?
Das unbeliebte Werkzeug gegen Populisten
Die Antwort gab am 20. Januar ein ehemaliger Eishockeytorwart und Banker aus Kanada. Er trat vor dem blauweißen Hintergrund des Weltwirtschaftsforums ans Rednerpult und sprach etwa 17 Minuten lang. Kurz darauf redete die ganze Welt davon.
Der Kanadier machte alles, worauf ich in Deutschland seit zwei Legislaturperioden vergeblich warte. Carney griff mit beiden Händen zum wichtigsten Werkzeug gegen Populisten, das hierzulande aber immer noch ein "igittigitt!" umweht: Er griff zur Rhetorik.
Der Politiker sprach ruhig, obwohl seine Botschaft dramatisch war. Er folgte einem glasklaren Aufbau und er hatte eine unmissverständliche, berührende Botschaft: Schaut der Realität in die Augen und zieht Konsequenzen.
"Feldgottesdienst für die politische Mitte"
Gleich zu Beginn tritt Carney rhetorisch die Tür ein: "Heute werde ich über einen Bruch in der Weltordnung sprechen, über das Ende einer angenehmen Fiktion und den Beginn einer harten Realität, in der die Geopolitik - die große, bestimmende Macht - keinen Grenzen, keinen Beschränkungen unterliegt."
Es ist ein exzellenter Anfang. Die Rhetorik kennt ein Bonmot: Ein guter Redner erzählt dem Publikum zunächst, was er sagen wird. Dann sagt er es. Und dann berichtet er, was er gerade gesagt hat. Erfinder dieses Bonmots soll ein britischer Prediger sein. Der inzwischen selbstständige Podcaster Robin Alexander nannte Carneys Rede später treffenderweise einen "Feldgottesdienst für die politische Mitte".
Eine gute Rede enthält ein plastisches Motiv, das alle Teile zusammenbindet. Carney entlieh sein Motiv dem tschechischen Dissidenten und Ex-Präsidenten Václav Havel. In einem Essay "Die Macht der Machtlosen" beschrieb Havel, wie das kommunistische System seine Macht behalten konnte.
Leben in einer Lüge
Havel und Carney erzählen von einem Gemüsehändler, der in seinem Fenster ein Schild mit einer Lüge aufstellte: "Proletarier aller Länder vereinigt euch". Niemand glaubte daran, aber alle fügten sich in dieses "Leben in einer Lüge".
Carney sagt, unser Glauben an die regelbasierte Ordnung sei genau so eine Lüge. Wir sollten erkennen, dass Großmächte die internationalen Institutionen und die Verflechtung der Welt als Machtinstrument nutzen.
Merz hätte eine solche Rede halten können. Er hatte viele Chancen, zuletzt in Davos, aber er nutzte sie nicht. Merz stieg ein mit einer Referenz an Thomas Manns "Zauberberg" - was inhaltlich bestenfalls wirr, plump und selbstbezüglich ist.
Dann sagt Merz das A-Wort
Wie schon bei seiner "Ruckrede" und seiner Neujahrsrede versteht Merz es nicht, an sein Publikum zu denken. Seine Sätze sind technisch, seine Performance lieblos. An einer Stelle sagt er sogar das "A-Wort", nennt das Mercosur-Abkommen "alternativlos". Als hätte es Angela Merkels Gerede von der "Alternativlosigkeit" und die Parteigründung der danach benannten AfD nie gegeben. Merz’ Rede wird kaum jemand erinnern - Carneys wird bleiben.
Das liegt auch an Carneys Sprache: Seine gesamte Rede enthielt praktisch keine politischen Stanzen, keine lieblos abstrakten Beschwörungen, keine Allerweltsformulierungen - wie etwa diese hier aus Merz' Text: "Wir investieren massiv in die eigene Sicherheit. Wir machen unsere Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig. Und wir halten in Europa zusammen."
Da fehlte nur noch Managersprachmüll wie "wir müssen PS auf die Straße bringen"! Wie drückte sich Carney aus? Einfach, aber rhythmisch: "Also, Kanada. Kanada hat, was die Welt will", führte er lakonisch und zugleich rhythmisch in die Eigenwerbung ein.
"Mit mir macht das was"
Man muss Carney freilich inhaltlich nicht folgen. Sein Plädoyer für pragmatische Bündnisse schließt solche mit Autokratien ein. Sein Kurs kann als Rückschritt von einer wertebasierten Außenpolitik gelesen werden - aber darum geht es hier nicht.
Denn eines muss man von ihm lernen: Politik kann auch in düsteren Lagen Hoffnung machen, und das wichtigste Werkzeug dafür ist die Rhetorik. Nicht Sachentscheidungen erreichen die Menschen, sondern glasklare Kommunikation und Zugewandtheit.
Diese Zugewandtheit wirkt. "Mit mir macht das was", schrieb Christian Miele auf X. "Klar, kann viel Blabla sein. Aber wir brauchen eine greifbare Erzählung, eine Story, hinter die wir hunderte Millionen von Menschen vereinen können." Recht hat er.
Trump im Regen stehen lassen
Die Weltpresse sieht Carney als eine Art David, der den Goliath bezwingt: Carney habe Trump "im Regen stehen lassen", heißt es in manchen Kommentaren. Trump habe dominiert, aber Carney sei der "Star" gewesen, schreiben andere.
Wer niemanden überzeugen kann, dem helfen auch kluge politische Ideen nicht. Wer über Erzählkunst verfügt wie Carney - und angeblich schreibt er viele Reden selbst - kann Bündnisse schmieden und es sogar mit Populisten aufnehmen.
"Kanada hat, was die Welt will", es stimmt. Vor allem hat Kanada eine politische Führung, die diesen Begriff verdient.