Politik

Einigkeit in schwerster Zeit Putin hat die Ukraine für immer verloren

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Die Ortschaft Byschiw, 40 Kilometer westlich von Kiew, nach nächtlichem Beschuss.

(Foto: AP)

Nach Ansicht des Kremls hätte Putins Krieg in der Ukraine für ganz andere Reaktionen sorgen müssen. Doch wenig vereint die Ukrainer in den unterschiedlichsten Landesteilen so stark wie der Hass auf den russischen Präsidenten.

Viele in der Ukraine wollten bis zuletzt nicht an die große Invasion durch Russland glauben. Zwar wurden in US-Medien schon Ende Oktober die ersten Berichte veröffentlicht, die aufgrund eines Truppenaufmarsches an der Grenze zur Ukraine auf die Möglichkeit eines Großangriffs hindeuteten. Doch russische Militärmanöver in Grenznähe waren in der Vergangenheit keine Seltenheit. Außerdem schien die Anzahl der gesammelten Truppen für die dargelegten Pläne unzureichend - eine Einschätzung, die sich angesichts des aktuellen Kriegsverlaufs als nicht komplett falsch erwiesen hat. Und schließlich wurde versucht, strategische Vorteile für Russland und vor allem für Präsident Putin zu finden, die ein Angriff auf die Ukraine haben könnte. Es gab sie nicht.

Daher wachte nicht nur die ukrainische Bevölkerung am 24. Februar plötzlich in einem Albtraum auf. Auch die Regierung um Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte auf die tragischen Ereignisse zwar nicht gänzlich unvorbereitet, aber doch fassungslos. Mehr als eine Woche dauert der Krieg nun. Die Ukraine muss mit einigen Gebietsverlusten im Süden leben. Die Situation rund um das ostukrainische Charkiw, die zweitgrößte Stadt des Landes, ist ebenso kritisch wie die um den wichtigen Hafen Mariupol im Donbass. Die Kämpfe in den Vorstädten der Hauptstadt Kiew, die die russische Armee offenbar einkreisen möchte, sind teils brutal. Dennoch bleibt die Stimmung im Land den Umständen entsprechend und trotz der riesigen Flüchtlingswelle einigermaßen optimistisch. Dass der Widerstand gegen die Russen keine leichte Aufgabe ist, bleibt für die meisten Ukrainer klar. Jedoch war das ukrainische Volk noch nie zuvor so einig wie in diesen Tagen.

Dass dies so gekommen ist, scheint sowohl für Putin als auch für einige Menschen und Medien in Deutschland eine Überraschung zu sein. Nach wie vor sitzen die Stereotypen über die sogenannte Ost-West-Teilung der Ukraine tief im westlichen Bewusstsein. Tatsächlich sind unterschiedliche Regionen der Ukraine historisch, kulturell und sprachlich jeweils anders geprägt. Eine wirkliche Spaltung gab es jedoch nur im Zeitraum zwischen 2004, der Orangen Revolution, und 2014, der russischen Annexion der Krim und dem Beginn des Kriegs im Donbass - und sie war weniger der komplizierten Geschichte, sondern mehr den politischen Umständen dieser Zeit geschuldet. Die Teams der Präsidentschaftskandidaten von 2004, dem von Russland unterstützten Viktor Janukowitsch und dem formell prowestlichen Viktor Juschtschenko, betonten damals umstrittene Themen wie die Rahmenbedingungen für die russische Sprache und ihr eigenes Verständnis der ukrainischen Geschichte, um bei jeweiligen Wählergruppen maximal zu punkten.

Schon mit Schewtschenko fieberte das ganze Land

Für die ukrainische Politik war dies ein schwieriges Jahrzehnt, das allerdings auch für Überraschungen gut war. So führte etwa Janukowitsch die ukrainische Regierung unter der Präsidentschaft von Juschtschenko an. Und als Janukowitsch 2010 selbst Präsident wurde, arbeitete zwischenzeitlich das zukünftige Staatsoberhaupt Petro Poroschenko als Minister in seiner Regierung. Auch bemerkenswerte Großereignisse wie die gemeinsam mit Polen organisierte Fußball-EM prägten die damals noch wackelnde ukrainische Einheit. Als Nationalheld Andrij Schewtschenko bei seinem letzten Turnier im Auftaktspiel gegen Schweden zwei Tore schoss, fieberte das ganze Land mit, von Sewastopol auf der Krim, dem Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, bis zum westukrainischen Lwiw.

Damals waren die Differenzen zwischen den Landesteilen durchaus noch spürbar. Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass haben in der Ukraine aber eine neue Gesellschaft geschaffen, die bis zum 24. Februar 2022 zwar noch gespalten war, jedoch auf eine andere Art und Weise. Die Geographie spielte nicht mehr die erste Geige. In erster Linie bestanden die Meinungsverschiedenheiten nun zwischen der patriotischen Zivilgesellschaft, die hinter dem Motto "Armee! Sprache! Glaube!" stand, Poroschenkos Slogan aus dem Wahlkampf 2019, und dem Rest der Bevölkerung, der sich eine weniger nationalorientierte Politik wünschte. Mangels Alternativen für die Vertretung der eigenen Ansichten wählten einige Menschen im Osten der Ukraine die russlandfreundliche Partei "Oppositionsplattform". Vor allem machte dieser Rest 2019 aber den Ex-Komiker und Fernsehunternehmer Wolodymyr Selenskyj zum Präsidenten. Seine Wähler hatten nur wenige Sympathien für den Kreml und Putin übrig.

Der Hass in Charkiw ist der gleiche wie in Lwiw

Spätestens seit Beginn des großen Kriegs ist selbst davon nichts mehr übrig, selbst in den östlichsten Landesteilen. Und kaum jemand könnte ein besseres Gesicht für den Bruch der Ukrainer mit Russland sein als der jüdischstämmige Präsident Selenskyj, der als Schauspieler auch im Nachbarland Prominentenstatus hatte. In der Innenpolitik oft inhaltsleer und populistisch, wollte Selenskyj durch für die Ukraine durchaus riskante gegenseitige Truppenabzüge und Gefangenenaustausche das Schießen an der Frontlinie im Donbass beenden. Doch die massenhafte Ausgabe russischer Pässe in den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk, die politische und wirtschaftliche Integration der besetzten Gebiete nach Russland und die Truppenaufmärsche an der ukrainischen Grenze setzten ihn immer wieder unter Druck.

Der heutige mutige Präsident, den sogar seine schärfsten innenpolitischen Gegner inzwischen für einen Nationalhelden halten, ist daher vor allem das Produkt der russischen Politik - ebenso wie die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Ukraine anders als 2014 noch vor Beginn der Invasion für einen NATO-Beitritt ihres Landes war. Inzwischen erlebt die Ukraine die schwersten Stunden ihrer jüngsten Geschichte. Doch selbst wenn Russland einige größere Städte der Ukraine besetzen würde, wäre es für den Kreml enorm schwer, diese zu halten. Vielleicht fragen westliche Medien noch, ob es Unterschiede zwischen den russisch- und ukrainischsprachigen Ukrainern gibt. Tatsächlich sind sie aktuell nicht existent. Es mag sie nach Kriegsende wieder geben. Doch jetzt und heute wird Wladimir Putin in Lwiw und Charkiw gleichermaßen gehasst. Das hat er sich vermutlich anders vorgestellt.

Quelle: ntv.de

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