Politik

"Brüderliche Beziehungen"Putin hat einen neuen Verbündeten: Madagaskar

17.04.2026, 18:15 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Staatsbesuch in Russland: Mitte Februar empfing Wladimir Putin Madagaskars Interimspräsidenten Michael Randrianirina im Kreml. (Foto: IMAGO/SNA)

Russland ist auf der Suche nach neuen Verbündeten in Afrika fündig geworden. Kremlchef Wladimir Putin pflegt ein enges Verhältnis mit der Militärregierung in Madagaskar - und bietet ihr einen simplen Deal an.

Russland gehen die Partner abhanden. Auf Venezuela hat der Kreml keinen Einfluss mehr, seit die USA den langjährigen Machthaber Nicolas Maduro entführt und außer Landes gebracht haben. Der Iran ist schwer unter Druck, das Mullah-Regime zittert um den Machterhalt. In Kuba gehen wortwörtlich die Lichter aus. Wladimir Putin muss sich nach neuen Verbündeten umschauen. Der Kremlchef ist bereits fündig geworden, und zwar auf der viertgrößten Insel der Welt: Madagaskar vor der Südostküste Afrikas ist nach einem Militärputsch im vergangenen Herbst voll auf Russland-Linie.

"Ich möchte mich ganz besonders bei meinem Bruder, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, für diese Spenden bedanken", sagte Madagaskars Interimspräsident Michael Randrianirina. Der Oberst ist seit dem Militärputsch im Oktober an der Staatsspitze. Ende Februar hat er bei einer feierlichen Zeremonie auf dem zentralen Flughafen Madagaskars Kampfhubschrauber, Lkw und Reis aus Russland in Empfang genommen - alles Spenden des Kreml. "Dies markiert die Fortsetzung der langjährigen brüderlichen Beziehungen zwischen Madagaskar und Russland. Wir werden sie wiederbeleben und stärken", so Randrianirina.

Die "brüderlichen Beziehungen" sollen künftig so aussehen: Moskau liefert Waffen und anderes Kriegsgerät, hilft bei der Ausbildung madagassischer Soldaten. Mehrere Einheiten des madagassischen Militärs sollen an den Trainings teilnehmen.

Madagaskar ist das fünftärmste Land der Welt

Der aktuelle Machthaber des riesigen Landes kann die Lieferung aus Russland gut gebrauchen. Madagaskar ist seit Jahrzehnten ein Krisenstaat. Fast drei Viertel der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Das macht den afrikanischen Staat zum derzeit fünftärmsten Land der Welt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Es fehlt an elementarster Grundversorgung: Strom, Trinkwasser, Essen. Menschen sterben vor Hunger oder verdursten.

Russland intensiviert die Beziehungen zu Madagaskar aber nicht aus humanitären Gründen. Der Inselstaat im westlichen Indischen Ozean kann für Moskau vor allem geopolitisch wichtig werden. Madagaskar verfügt über große Metall- und Mineralschätze. Das Land ist der viertgrößte Kobaltexporteur der Welt, im Boden schlummern zudem große Mengen Grafit und seltene Erden: wichtige Rohstoffe für die Batterie-Produktion und Hightech-Geräte.

Auch seine Lage macht den Inselstaat, der etwa so groß ist wie Frankreich, interessant. Madagaskar liegt an einer wichtigen Öl-Transportroute am Kanal von Mosambik. Etwa ein Drittel des weltweiten Rohöls passiert die Route zwischen Mosambik am afrikanischen Festland und Madagaskar.

Erster Staatsbesuch in Moskau

Doch politisch ist die Situation aufgeladen. Im Herbst gab es in Madagaskar Unruhen. Wochenlang sind die Menschen massenweise auf die Straße gegangen, es gab viele Tote. Im Oktober stürzte das Militär schließlich den langjährigen Präsidenten Andry Rajoelina. Russland nutzte die Situation für sich aus und baute Kontakt zur neuen Militärführung um Michael Randrianirina auf: Putin schickte 40 Soldaten und Waffen nach Madagaskar. Wenig später besuchten Vertreter der russischen Staatsbank den Inselstaat, um den Handel anzukurbeln. Russland sicherte Madagaskar zudem günstige Treibstofflieferungen zu.

Interimspräsident Randrianirina machte als Dank seinen allerersten Staatsbesuch in Russland. Nicht in Paris, wie eigentlich üblich, bei der alten Kolonialmacht Frankreich, sondern in Moskau. Ein symbolischer Bruch mit der Vergangenheit.

Bei dem Treffen in Russland vereinbarten Putin und Randrianirina nicht nur eine engere militärische Zusammenarbeit. Auch im Gesundheits- und Landwirtschaftssektor wollen beide Länder miteinander kooperieren, genauso im Bildungsbereich. Junge Erwachsene aus Madagaskar sollen an russischen Hochschulen ausgebildet werden. "Unsere Beziehungen haben sich stetig entwickelt", sagte Putin. "Madagaskar ist ein Schlüsselpartner für Russland in Afrika."

Wie eng die Bindung an Russland innerhalb kürzester Zeit geworden ist, zeigt sich an vielen Stellen in Madagaskar. Mittlerweile hat sich sogar eine prorussische Partei gegründet: die "Friends of Russia", also Freunde Russlands.

"Die Russen kommen mit einem Deal"

Für die Militärregierung in Madagaskar ist der Kreml vor allem als Sicherheitspartner wichtig. Die neue Führung ist nur knapp sieben Monate nach dem Putsch noch sehr fragil. Zuletzt gab es einen Attentatsversuch auf den Übergangspräsidenten, offenbar organisiert von einem verfeindeten Oberst innerhalb des Militärs.

"Das neue Regime fühlt sich verletzlich", zitiert Bloomberg den Politikwissenschaftler Thierry Vircoulon vom Französischen Institut für Internationale Beziehungen. "Die Russen kommen mit einem Deal - Sicherheit im Austausch gegen politischen Rückhalt."

Die Drähte in den Westen hat Madagaskars Militärregierung aber noch nicht gänzlich gekappt. Nach dem Besuch in Moskau ist Randrianirina nach Frankreich gereist und hat sich mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron getroffen.

Madagaskar versucht sich an einer Schaukelpolitik zwischen den Großmächten: Russland steht auf der einen Seite, die EU mit Frankreich auf der anderen. Was im Westen gut ankommt: Randrianirina hat nach dem Putsch angekündigt, innerhalb von zwei Jahren Präsidentschaftswahlen durchzuführen. "Er sucht laut Analysten nach einem Schutzschild gegen den Druck Frankreichs und der Europäischen Union, die Demokratie wiederherzustellen", schreibt Bloomberg.

Frankreich ist nach China immer noch der wichtigste Handelspartner von Madagaskar, Russland ist nicht mal unter den Top 20. In der wirtschaftlichen Bedeutung gibt es also ein deutliches Gefälle. Noch - denn Madagaskar will Russland enger an sich binden, um den Druck auf die EU zu erhöhen.

Für das afrikanische Land sei die Kuschelei mit Russland "eine Absicherung gegen Frankreich und die EU, um sie zu weiteren Zugeständnissen zu drängen". So wird der auf Afrika spezialisierte Risikoanalyst Shawn Duthie von Bloomberg zitiert. "Wenn sie Russland in der Hinterhand haben, hat die EU nicht mehr denselben Würgegriff auf sie."

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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