Politik

Ukraine-Talk bei Maybrit Illner "Putin stand noch nie so unter Druck wie jetzt"

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Der russische Präsident kämpft nun auch um die Macht in seinem eigenen Land.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

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Nachdem der russische Präsident Putin eine Teilmobilmachung angeordnet hat, droht er den westlichen Ländern erneut mit dem Einsatz von Atomwaffen. Wie gefährlich könnte der Krieg in der Ukraine werden? Darüber diskutieren die Gäste in der Talkshow "Maybrit Illner".

Der Krieg in der Ukraine ist in eine neue Phase eingetreten. Die ukrainische Armee hat in den letzten vier Wochen die russischen Angreifer in Teilen des Landes zurückgedrängt. Anfang der Woche hatte der russische Präsident Wladimir Putin eine Teilmobilmachung angekündigt. Unklar ist, wie viele Soldaten davon betroffen sind. Ursprünglich war von 300.000 die Rede, nach russischen Medien könnte es sich jedoch um eine Million Menschen handeln, die eingezogen werden sollen. Am Donnerstagabend haben die Gäste in der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner" über die aktuelle Kriegssituation in Osteuropa diskutiert.

Rüdiger von Fritsch fällt ein vernichtendes Urteil. Für den ehemaligen Botschafter in Moskau ist klar: "Putin stand noch nie so unter Druck wie jetzt"." Der russische Präsident kämpfe nun auch um die Macht in seinem eigenen Land.

Putins aktuelle Schwäche könne ein Vorteil sein, fügt CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen hinzu. Die politische Schwäche Putins und die militärische Schwäche Russlands könne dazu führen, "dass wir zu einer politischen Lösung kommen, dass wieder Diplomatie die Dinge regelt statt Waffen." Putins Autorität bröckle, sagt Röttgen mit Blick auf die Demonstrationen in Russland nach der Ankündigung der Teilmobilmachung. Die wiederum sei kontraproduktiv. Zum einen könnten die Soldaten erst in drei bis sechs Monaten eingesetzt werden, zum anderen habe Putin damit seinem eigenen Volk Angst gemacht.

"Der Krieg kommt jetzt bei den Küchentischen in Russland an", analysiert SPD-Chef Lars Klingbeil. Der Widerstand mutiger Russen sei mit den Demonstrationen sichtbar geworden. Dennoch sei richtig: "Wir müssen jetzt sorgsam abwägen, was wir tun."

"Das Geraune um die Nuklearwaffen"

Für den Militärexperten Carlo Masala ist noch ein anderer Punkt erwähnenswert: Von der Teilmobilmachung seien erstmals die "ethnischen Russen" betroffen. Bisher hätten in der Ukraine überwiegend Soldaten gekämpft, die den ethnischen Minderheiten angehörten. "Wenn die gefallen sind, war das in dem Land egal."

Die Soldaten, die nun an die Front geschickt würden, müssten vorher ihren Wehrdienst geleistet haben und kampferfahren sein. "Da versuchen Sie mal 300.000 zu finden, die diese Kriterien erfüllen - das kriegen Sie nicht hin." Masala glaubt, dass am Ende junge und unerfahrene Soldaten an die Front geschickt würden, denen es zudem an Material wie Bekleidung fehle. Die Teilmobilmachung nennt er einen eher innenpolitisch motivierten Verzweiflungsakt. "Putin schickt jede Menge Kanonenfutter an die Front."

"Die Botschaft 'Reizt uns nicht zu sehr' ist Teil der russischen Propaganda", erklärt Rüdiger von Fritsch, als Putins Atomwaffen-Drohung zur Sprache kommt. Fritsch spricht von dem "Geraune um die Nuklearwaffen". Es gehe am Ende darum, abzuwägen: "Macht er das oder nicht?"

"Wir müssen sehr konsequent sein"

"Die Gefahr des Einsatzes von Nuklearwaffen hat sich durch Putins Rede nicht erhöht", analysiert Verteidigungsexperte Masala. Putin habe seit Beginn des Krieges in der Ukraine mit diesem Schritt gedroht. Nun habe er gemerkt: "Die gesamte Abschreckungstaktik der letzten sieben Monate ist verpufft." Der Preis für den Einsatz von Nuklearwaffen sei für Putin extrem hoch. So hätten die Reden der Außenminister Chinas und Indiens auf der UN-Vollversammlung gezeigt, dass diese Länder nach einem Einsatz von Atomwaffen Putin nicht mehr zur Seite stünden. "Das bedeutet, dass Putin schafft, was wir im Westen nicht geschafft haben: die komplette internationale Isolation Russlands."

In vier besetzten Regionen sollen "Referenden" über deren Beitritt zu Russland entscheiden. Der russische Präsident könnte dann einen Befreiungsversuch dieser Gebiete durch die ukrainische Armee als Angriff auf Russland werten. "Das ist das, was sich jetzt in Putins Kopf abspielt", sagt SPD-Chef Klingbeil dazu. Kein westliches Land werde das Ergebnis der "Referenden" anerkennen. Klingbeil: "Wir müssen sehr konsequent sein. Die Ukraine hat das Recht, sich zu verteidigen. Wir tun seit Tag eins des Krieges alles, um die Ukraine zu stärken. Wir lassen uns von den Drohungen Putins nicht beeindrucken. Die besetzten Gebiete sind keine russischen Territorien und sie werden auch nie russische Territorien werden. Da sind wir sehr klar."

Und auch Norbert Röttgen möchte sich von den "Referenden" nicht beeindrucken lassen. Für ihn ist klar: Am Ende muss die Ukraine den Krieg gewinnen und der Krieg darf sich für Russland nicht lohnen. "Der Krieg hat sich für Putin in dem Augenblick nicht gelohnt, wenn der Status quo vor dem Krieg erreicht worden ist. Dann wäre zwar ein großer Teil der Ukraine zerstört, aber für Russland wäre nichts gewonnen."

Quelle: ntv.de

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