Politik

Debatte um Nationalhymne Ramelow blitzt bei Ost-Kollegen ab

Braucht Deutschland eine neue Nationalhymne? Thüringens Ministerpräsident Ramelow regt dies an und erinnert an einen Vorschlag aus der Wendezeit. Doch die Zahl seiner Unterstützter ist klein. Der Widerspruch dafür umso größer.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow plädiert für eine neue Nationalhymne - und stößt damit auf massiven Widerstand. Er wünsche sich eine wirklich gemeinsame Nationalhymne, "die alle mit Freude mitsingen", sagte der Linke-Politiker in Erfurt. 30 Jahre nach dem Mauerfall würden viele Ostdeutsche die Hymne in der Öffentlichkeit nicht anstimmen.

Ramelows Amtskollegen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern - Michael Kretschmer, Reiner Haseloff, Dietmar Woidke und Manuela Schwesig - widersprachen unisono. Die Debatte über eine neue Hymne sei überflüssig und ein falsches Signal. "Wir sollten uns den Themen zuwenden, bei denen dringender Handlungsbedarf besteht, wie zum Beispiel der Energiewende oder der Mietpreisentwicklung", erklärte Haseloff. "Ich finde unsere Hymne gut", sagte Schwesig.

Thüringens CDU-Chef Mike Mohring warf dem Linke-Politiker eine unerträgliche "politische Bilderstürmerei gegen ein Symbol der Bundesrepublik Deutschland" vor. Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans befand: "Er schwächt mit seinem Vorschlag die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit unserem Staat, statt sie zu stärken." Unterstützung kam von einigen DDR-Bürgerrechtlern, darunter dem Theologen Friedrich Schorlemmer.

Der "Rheinischen Post" sagte Ramelow, "ich singe die dritte Strophe unserer Nationalhymne mit, aber ich kann das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden". Er beobachte, dass die erste Strophe des "Lieds der Deutschen", die nicht zur Nationalhymne gehöre, von einigen AfD-Politikern heute wieder gesungen werde, sagte Ramelow.

"Kinderhymne" als Vorschlag des Runden Tisches

Der Linke-Politiker, der ein Freund deutlicher Worte ist und dem ein Gespür für Aufregerthemen nachgesagt wird, zeigte sich irritiert über die negativen Reaktionen. "Ich habe nur wiederholt, was ich seit vielen Jahren stoisch sage. Es muss doch erlaubt sein, 30 Jahre nach dem Mauerfall einen Vorschlag des Runden Tisches aus der Wendezeit in Erinnerung zu rufen", sagte er. Selbst der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière habe 1990 vor der Wiedervereinigung für eine neue, gemeinsame Hymne geworben.

Der Runde Tisch hatte in der Wendezeit die Kinderhymne von Bertolt Brecht als Nationalhymne für das wiedervereinigte Deutschland vorgeschlagen. "Ich persönlich finde die Kinderhymne gut", so Ramelow. Auch Schorlemmer plädierte bei MDR Aktuell dafür. Ramelow, der in Niedersachsen geboren wurde, lebt seit fast 30 Jahren in Thüringen. 2014 wurde er zum ersten Ministerpräsidenten der Linken gewählt. Im Herbst stellt er sich zur Widerwahl.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer erklärte in Dresden: "Ich finde es interessant, wie unterschiedlich die Emotionen bei unserer Nationalhymne sind. Ich singe sie sehr gern und verbinde damit genau diesen großartigen Teil unserer Geschichte - die friedliche Revolution, Helmut Kohl und die Deutsche Einheit."

Bei der Nationalhymne handelt es sich um die dritte Strophe des "Lieds der Deutschen" von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ("Einigkeit und Recht und Freiheit"). Die Nationalsozialisten ließen die erste Strophe ("Deutschland, Deutschland über alles") singen.

Im vergangenen Jahr gab es bereits eine Diskussion um den Wortlaut der Nationalhymne. Damals hatte die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium, Kristin Rose-Möhring, vorgeschlagen, künftig statt "Vaterland" besser "Heimatland" und "tatt «brüderlich mit Herz und Hand" in Zukunft "couragiert mit Herz und Hand" zu singen. Auch Österreich und Kanada hatten ihre Hymnen in den vergangenen Jahren aus Gleichstellungsgründen geändert.

Quelle: n-tv.de, Simone Rothe, dpa

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