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"Sie beißen, wenn wir schlafen"Rattenplage breitet sich in Zeltlagern in Gaza aus

30.04.2026, 14:49 Uhr
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Die Trümmerlandschaft ist allgegenwärtig. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Im großteils zerstörten Gazastreifen leben Hunderttausende Vertriebene in Behelfsunterkünften. Das Sanitärsystem ist zerbombt, Parasiten vermehren sich stetig. Israel verbietet die Einfuhr von Hilfsmitteln wie dringend benötigtes Rattengift. Bewohner berichten von untragbaren Zuständen.

Wenige Tage vor ihrer Hochzeit entdeckte die 20-jährige Amani Abu Selmi, dass Ratten in ihrem zerschlissenen Zelt die Kleidung und Taschen ihrer Aussteuer angefressen hatten. Die junge Frau hat mit ihrer Familie im südlichen Chan Junis Zuflucht gesucht. Die Nagetiere hatten Löcher in ihr traditionelles, weinrot besticktes Hochzeitskleid gefressen. "Meine ganze Freude war verflogen, sie verwandelte sich in Traurigkeit und großen Kummer darüber, dass meine Sachen und meine Aussteuer ruiniert sind", sagte sie.

In den Zeltlagern für vertriebene Palästinenser im Gazastreifen breiten sich Ratten und Parasiten immer weiter aus. Die Nagetiere beißen schlafende Kinder, zerstören die wenigen verbliebenen Habseligkeiten der Menschen und übertragen Krankheiten.

Die Plage trifft die Bevölkerung in einer Zeit, in der die meisten der gut zwei Millionen Einwohner des Küstengebiets vertrieben wurden. Viele von ihnen leben in ausgebombten Häusern oder behelfsmäßigen Zelten, die auf freiem Feld, an Straßenrändern oder auf den Trümmern zerstörter Gebäude errichtet wurden.

Ärzte warnen vor Seuchen

Auch der 26-jährige Chalil Al-Maschharawi, der mit seiner Familie in den Ruinen seines Hauses im Viertel Tuffah im Norden des Gazastreifens lebt, berichtet von Angriffen der Tiere. Eine Ratte habe vor einigen Wochen in die Hand und die Zehen seines dreijährigen Sohnes gebissen. Am vergangenen Freitag sei er selbst gebissen worden. Er und seine Frau schliefen nun abwechselnd, um ihre Kinder und sich gegenseitig zu schützen.

Mausefallen seien in den zerstörten Häusern und Zeltlagern weitgehend wirkungslos. "Sie beißen zu, während wir schlafen", sagte Al-Maschharawi. "Sie verschwinden vielleicht für ein oder zwei Tage, bevor sie wieder angreifen und sich ihren Weg unter den Bodenfliesen des Hauses bahnen."

Der Leiter des größten Krankenhauses im Gazastreifen, Al-Schifa, Mohamed Abu Selmia, rechnet damit, dass sich das Problem mit dem nahenden Sommer weiter verschärfen wird. "Jeden Tag verzeichnen die Krankenhäuser Fälle von Patienten, die wegen Nagetierbissen eingeliefert werden, insbesondere Kinder, Ältere und Kranke", sagte Abu Selmia.

Es gebe zudem große Angst vor der Ausbreitung gefährlicher Krankheiten wie Rattenbissfieber, Leptospirose und sogar der Pest. Andererseits verbiete Israel die Einfuhr von Schädlingsbekämpfungsmitteln wie Rattengift. Dabei werde auf eine Regel zur Einfuhr von Gütern in den Gazastreifen verwiesen, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können.

17.000 Fälle von Infektionen

Ein im Oktober vereinbarter Waffenstillstand zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas hat das Leiden der Palästinenser im Gazastreifen kaum gelindert. Die Abwasser- und Sanitärsysteme wurden durch israelische Angriffe größtenteils zerstört, und humanitäre Hilfe unterliegt israelischen Einschränkungen. Israel begründet die Einschränkungen für den Gazastreifen mit Sicherheitsbedenken und verweist auf die nach wie vor bestehende Bedrohung durch die Hamas. Das Land setzt seine Angriffe in dem Gebiet fort. Seit Oktober wurden dabei mehr als 800 Palästinenser getötet, während im selben Zeitraum vier israelische Soldaten ums Leben kamen.

Da die Müllabfuhr weitgehend zum Erliegen gekommen ist, sammeln sich verunreinigtes Wasser und Abfälle in der Nähe der Zeltstädte, in denen die Familien schlafen, kochen und sich waschen. Dies bietet Nagetieren und Parasiten Hilfsorganisationen zufolge ein ideales Umfeld, um sich zu vermehren.

Die lokale Vertreterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Reinhilde Van de Weerdt, erklärte, in diesem Jahr habe es im Gazastreifen bislang rund 17.000 Fälle von Infektionen durch Nagetiere und Ektoparasiten gegeben. "Dies ist nur die bedauerliche, aber vorhersehbare Konsequenz, wenn Menschen in einem völlig zerstörten Umfeld leben", sagte sie.

Quelle: ntv.de, raf/rts

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