Politik

"Unsere Couch war die Front" Regierungsclips ehren Corona-Faulpelze

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Anton Lehmann erinnert sich an den Winter 2020.

(Foto: Twitter/ @RegSprecher)

Was wäre, wenn die Corona-Pandemie die große Krise dieses Jahrhunderts wäre - und die Welt blickte in 50 Jahren zurück auf die Menschen, die sie miterlebt haben? Eine Kampagne der Bundesregierung gibt auf humorvolle Art eine Antwort. Doch die ernste Botschaft dahinter gefällt nicht jedem.

Dass die Deutschen im Ausland für ihren Humor gelobt werden, ist selten genug. Noch seltener ist, wenn sich die Lacher auf eine Regierungskampagne konzentrieren. Seit Samstag lanciert das Bundespresseamt in den sozialen Medien kleine Videoclips, die unter dem Titel "Besondere Helden" die Corona-Gammler im Lockdown ehren - und zwar einzig und allein fürs Zuhausebleiben. Natürlich sind die Protagonisten fiktive Figuren. Ihre Geschichten werden aber auf ironische Weise erzählt wie jene Zeitzeugenberichte, die man sonst nur aus historischen Dokumentationen kennt. "Großartig" und "klasse" finden das zum Beispiel die Spanier. Nur unter Deutschen gibt es Unmut. Auch irgendwie typisch.

Regierungssprecher Steffen Seibert trat die Kampagne los - und veröffentlichte einen ersten Clip, der den fiktiven Anton Lehmann in einer fiktiven Zukunft zeigt. Unterlegt mit reichlich Pathos und dramatischer Hintergrundmusik blickt der alte Mann zurück auf das Jahr 2020, als "eine unsichtbare Gefahr alles bedrohte, woran wir glaubten", wie er sagt. "Das Schicksal dieses Landes lag plötzlich in unseren Händen." Also hätten er und seine Zeitgenossen das getan, was von ihnen erwartet worden sei. "Nichts. Absolut gar nichts. Waren faul wie die Waschbären. Tage- und nächtelang blieben wir auf unserem Arsch zu Hause und kämpften gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Unsere Couch war die Front."

Ein zweiter Clip zeigt Luise Lehmann, die Frau von Anton, vor dem geöffneten Fenster - offenbar ein kleiner Gruß an RKI-Chef Lothar Wieler und seine Plädoyers fürs richtige Lüften. "Das ganze Land schaute voller Hoffnung auf uns junge Leute", erinnert sich die betagte Dame, während sie in einem vergilbten Tagebuch blättert, in das sie einen abgenutzten Mund-Nasen-Schutz zur Erinnerung eingeklebt hat. "Wir fassten uns ein Herz und taten: nix. Wir schimmelten zu Hause rum und trafen möglichst wenige Leute." Natürlich alles im Sinne der Pandemie-Eindämmung, wie sie betont. "Wenn Sie mich heute fragen, wie wir das damals ausgehalten haben: Vielleicht stimmt es, wenn die Leute sagen, besondere Zeiten brauchen besondere Helden." Der Clip endet mit dem Appell: "Werde auch du zum Helden und bleib zu Hause."

Privilegierte "Sofa-Studis" als Nationalhelden

Schwer fällt es nicht, sich vorzustellen, wen die Bundesregierung mit den Clips erreichen will. Vor allem junge Leute sollen motiviert werden, ihre Freiheitsliebe im Lichte der historischen Herausforderung für ein paar Monate hintanzustellen. Wissenschaftliche Studien haben nicht nur gezeigt, dass gerade für junge Menschen die auferlegten Kontaktbeschränkungen besonders belastend sind. Einzelne Untersuchungen unterstellen auch, die Jugend sei Pandemietreiber Nummer eins. Tatsächlich ist die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner laut Robert-Koch-Institut (RKI) aktuell in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen mit 229,4 besonders hoch, danach folgen die 30- bis 39-Jährigen (174,6). Letztere versteht die Bundesregierung aber offenbar nicht als Adressaten der Kampagne - und das nervt, natürlich, vor allem Eltern.

Wie man denn seinem Teenager daheim erklären solle, dass er nicht heldenhaft auf der Couch lümmeln dürfe, weil er erst Latein büffeln und am nächsten Tag sieben Stunden mit Mund-Nasen-Schutz in einem zugigen Klassenzimmer sitzen müsse, fragt sich der sorgende Vater auf Twitter. Ein anderer findet den Clip schon allein deswegen doof, weil er privilegierte "Sofa-Studis" zu Nationalhelden verklärt - dabei gebe es doch auch diejenigen, die "es in dieser Situation schaffen, ihre Freunde um das Geld für Winterreifen zu bitten, weil ihnen die Einnahmen weggebrochen und die Reserven weg sind". Immerhin, hier und dort findet sich auch prominentes Lob. Das Moderatoren-Duo Joko und Klaas ist sich zum Beispiel nicht zu schade, das Machwerk ganz lustig zu finden. Kein Wunder, ihre Produktionsfirma ist verantwortlich für die Clips. Und dann gibts ja auch noch die Spanier.

Das Bundespresseamt jedenfalls zeigt sich erfreut über die "vielen positiven Rückmeldungen und die Aufmerksamkeit, die so auf diese wichtige Botschaft gelenkt werden kann". Aber auch Erleichterung darüber, dass die Clips einen Candy- und keinen Shitstorm geerntet haben, darf zumindest unterstellt werden: Immerhin ist die Geschichte regierungsgesteuerter PR-Kampagnen nicht eben eine Erfolgsstory. Man erinnere sich etwa an die völlig danebengegangene Fahrradhelm-Kampagne aus dem Ministerium von Andreas Scheuer, die dem Verkehrsminister im März 2019 den Vorwurf des Sexismus einbrachte. Gut gemeint ist eben nicht immer auch gut gemacht. Dann doch lieber gammelnde Sofa-Studis.

Quelle: ntv.de

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