Politik

Verhandlung in Düsseldorf Reker stellt sich ihrem Attentäter

Bei ihrem ersten Treffen verletzt Frank S. Henriette Reker lebensgefährlich. Beim zweiten muss er ihr eine Stunde lang zuhören - im Gericht. Berührt ihn, was sein Opfer erzählt?

Bislang hat Frank S. über sein Opfer vor allem in Beschimpfungen gesprochen. Einen "Schicki-Mick-Wahlkampf" habe sie gemacht, die "linksradikale Schickeria-Ideologin". Ihre realitätsverweigernde Flüchtlingspolitik sei Ursache für einen "millionenfachen Rechtsbruch", gar für eine "mutwillige Selbstverstümmelung Deutschlands". Zwei Tage lang hat Frank S. vor Gericht schon von seinem Leben und seiner Tat berichtet. Kaum einen Zweifel ließ er erkennen, dass es richtig war, am Vorabend der Oberbürgermeisterwahl der Kandidatin Henriette Reker eine 30 Zentimeter lange Klinge in den Hals zu rammen.

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Der Reker-Attentäter Frank S.

(Foto: dpa)

An diesem Freitag war Reker selbst als Zeugin vor das Oberlandesgericht Düsseldorf geladen. Reker, mittlerweile Oberbürgermeisterin von Köln, wollte voller Selbstbewusstsein vor dem Gericht erscheinen. Ihre Aussage wäre nicht unbedingt notwendig, um die Tat zu rekonstruieren, doch sie selbst hatte immer gesagt, den Täter eines Tages treffen zu wollen. Vor dem Gerichtssaal sagt sie in die Kameras, die Konfrontation wäre "kein Problem". Als sie dann aber im Zeugenstand Platz nimmt, den Beobachtern abgewandt, wirkt sie angespannt. Sie verknotet die Beine unter ihrem Stuhl und beugt sich umständlich nach vorne. Etwa fünf Meter links von ihr sitzt Frank S. Nicht ein Mal nimmt sich Reker die Zeit, ihn zu mustern oder Blickkontakt aufzunehmen.

Die Vorsitzende Richterin fragt: "Haben Sie sich auf den Angeklagten zubewegt oder er sich auf Sie?" Sie habe gesehen, wie er auf sie zukam, sagt Reker. "Dann bin ich auch auf ihn zugegangen. Ich will ja mit Bürgern in Kontakt treten. Wenn es den Wunsch gibt, nehme ich den auf." Der Täter habe ihr ins Gesicht geschaut, "freundlich und zugewandt". Hunderte, vielleicht Tausende solcher Kontakte habe sie im Wahlkampf gehabt. Es komme vor, dass jemand wütend auf sie zukomme. Einmal sei sie angespuckt worden. Richtig Angst habe sie nie gehabt.

Reker hat Alpträume

Als Frank S. zu ihr kam, habe sie ihm eine Rose gereicht. Ob er sie annahm, wisse sie nicht mehr. Dann habe sie das Messer gesehen und es im nächsten Moment in ihrem Hals gespürt. Weil das Blut nicht im Rhythmus ihres Pulses ausfloss, war ihr klar, dass die Halsschlagader nicht getroffen war. Um die Blutung zu stillen, steckte sie einen Finger in die Wunde. Was danach kam, hat sie zwar wahrgenommen. Doch festlegen will sie sich nicht darauf, wer wo gestanden hat und was um sie herum passierte.

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Sie überreichte dem Attentäter, bevor er zustach, eine Rose - an mehr kann sich Henriette Reker nicht erinnern.

(Foto: dpa)

Vieles davon hat Reker schon erzählt. Was sie bislang nicht erwähnte, ist, dass sie seitdem Alpträume hat. Die Kehle durchzuschneiden sei ja eine Hinrichtungsmethode, sagt sie. "Wenn ich träume, träume ich aber nur so weit, bis mir die Kapuze über den Kopf gezogen wird." Sie sehe den Angeklagten dabei nicht vor sich. Professionelle psychologische Hilfe habe sie wegen ihrer Träume nicht angefordert. Sie sei mit dem Arzt übereingekommen, dass sie robust genug sei, das Trauma zu verarbeiten.

Für das Strafmaß wird es später eine Rolle spielen, welche Schäden Reker davontrug. Noch hat sie Beschwerden im Hals, die aber mit einer weiteren Operation beseitigt werden sollen. Sie befürchtete zwischenzeitig, Angst vor Menschenmengen zu haben, doch damit kommt sie zurecht. Reker sitzt jetzt aufrechter auf ihrem Stuhl, die Beine sind lockerer. Nach etwa einer Stunde kommt die Richterin zum Ende ihrer Befragung. Frank S. hat sich alles ruhig angehört. Der Staatsanwalt hat noch einige Fragen, dann wären nun er und seine Verteidiger an der Reihe, die Zeugin zu vernehmen. Darauf verzichtet S. Stattdessen sagt sein Verteidiger, sein Mandant würde gerne einige "entschuldigende Worte" an die Geschädigte richten.

"Das ist nicht die richtige Situation"

Dass es eine persönliche Erklärung geben sollte, hatte der Verteidiger zuvor angekündigt. Aber eine Entschuldigung hatte niemand erwartet. S. war sich ja noch vor einer Woche sicher gewesen, dass er ein Zeichen hatte setzen müssen, um den Wahlerfolg der Grünen zu verhindern, um die Politiker wachzurütteln und ihnen wieder Angst vor dem eigenen Volk zu machen. Natürlich sei es "nicht besonders ehrenhaft", auf eine wehrlose Frau einzustechen, hatte S. gesagt. "Aber es war die einzige Möglichkeit, dieses Zeichen zu setzen und Schlimmeres zu verhindern." Es sei für ihn eine "Notwehrsituation" gewesen.

Als er dann aber darlegen wollte, welche Schuld Reker genau auf sich geladen hatte, kam er ins Stottern. Auch hatte er keine Vorstellung davon, was nach der Tat genau passieren sollte, warum Politiker ihr Verhalten ändern sollten. Dabei schien in seinem Kopf alles so logisch zu sein. Wie überhaupt alles, was Frank S. in seinem Leben bisher getan hatte, eine logische Konsequenz aus irgendetwas zu sein schien. Die rechte Szene, das Tattoo auf seinem Bauch, das Verprügeln von Ausländern und Linken, seine Arbeitslosigkeit, sein Rückzug ins Private, seine Angst, sich politisch zu äußern. Henriette Reker betonte stets, dass sie verstehen möchte, was dieser Mann in ihr sah.

Auf die angekündigte Erklärung von S. sagt sie dann aber: "Das ist noch nicht die richtige Situation." Die Richterin entlässt sie. Reker steht auf, geht mit großen Schritten zur Tür und verlässt den Saal, ohne sich noch einmal umzudrehen. Es ist noch etwas Zeit, bis die nächsten Zeugen vernommen werden sollen. Die Richterin widmet sich darum wieder Frank S. Nun hätte er die Gelegenheit, zumindest gegenüber dem Gericht und Öffentlichkeit seine Entschuldigung vorzutragen. Er, der seit Jahren politische Debatten gemieden hatte, sagt nun, dass die friedlichen Mittel gegen die Flüchtlingspolitik ausgeschöpft gewesen seien und es keine Alternative zu seiner Tat gegeben habe: "Ich habe Gewalt angewendet, um Gewalt zu verhindern."

Quelle: ntv.de