Politik

Gressel zum Frontverlauf "Russland fehlen Leute, die eine große Offensive anführen können"

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Die Abwehr der kleinteiligen russischen Angriffe ist für die ukrainische Armee enorm kräftezehrend.

(Foto: IMAGO/Ukrinform)

Es nennt sich Offensive, aber es sieht nicht so aus: Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) erklärt ntv.de, weshalb Russland so verhalten und kleinteilig angreift - und warum die Ukrainer trotzdem jetzt keinen Gegenangriff starten sollten.

ntv.de: Russland ist in der Offensive, aber sehr offensiv sieht es nicht aus.

Gustav Gressel: Aus militärischer Sicht ist das, was die Russen gerade betreiben, ineffektiv. Wenn ich an sowjetische Theorien über Durchbruchs-Angriffe denke, dann sahen die ganz anders aus. Aus Sicht der Roten Armee damals, zu Zeiten des Kalten Krieges, basierte der Erfolg eines Angriffs auf Massierung der Truppen an einem Ort, und dort setzt man klar das Schwergewicht. (Gressel holt ein Buch über sowjetische Militärstrategie hervor und zeigt Skizzen in die Kamera.) Man zieht starke Kräfte zusammen, entwickelt die Feuerüberlegenheit an Artillerie, dann bricht man massiv durch und geht in die Tiefe. Ziel ist es, so weit wie möglich in die Tiefe des Gegners hineinzustoßen.

Also das Gegenteil von Angriff auf breiter Front?

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Gustav Gressel ist Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR). Er ist Experte für Russland und Osteuropa, Militärstrategie und Raketenabwehr.

(Foto: ECRF)

Schmal und tief, um den Gegner dazu zu zwingen, dass er Gelände aufgibt und sich zurückzieht, weil er sonst aus der Flanke erwischt wird. Das russische Problem ist: Genau das sehen wir jetzt nicht.

Was passiert stattdessen an der Front?

Die Russen greifen entlang der Frontlinie in vielen einzelnen Achsen an, aber immer nur kleinteilig. Ein Bataillon hier, eines da, wenn es hoch kommt, sind es mal drei zusammen. Aber so kleinteilig können sie natürlich auch besser abgewehrt werden, die Erfolgsaussichten sind sehr viel schlechter als sie es bei einem massiven Durchbruch wären.

Warum machen die Russen das nicht?

Das ist die spannende Frage. Vor allem, weil die gesamte russische Literatur voll davon ist, dass man das so machen soll.

Welche Theorie haben Sie?

Meiner Ansicht nach ist das die Folge ihrer Mobilmachung. Die aktuelle russische Armee ist im Vergleich zur früheren Roten Armee oder der des Zaren keine Mobilmachungsarmee. Man hat keine Reserve-Divisionen. Es gibt keine Stäbe, keine Reserve-Offiziere, es fehlen die Leute, die eine große Offensive anführen könnten.

Wie anspruchsvoll wäre das denn?

Müsste ich eine solche Durchbruchsschlacht führen, dann würde ich zunächst mal die Streitkräfte konzentrieren, und das müsste in einem Gebiet außerhalb der Reichweite der HIMARS-Raketen stattfinden. Sonst schießen die Ukrainer mir das kaputt, noch bevor ich überhaupt die Front erreicht habe. Als nächstes wichtig: Es können nicht alle im Gänsemarsch hintereinander marschieren. Ich muss dafür sorgen, dass die Truppen auf verschiedenen Straßen und zu verschiedenen Zeiten bis zur Front vorfahren, dort angreifen und dann weiter durchstoßen. Dafür brauche ich aber erfahrene Offiziere, die das in den Verbänden koordinieren können.

Vor einem Jahr, rund um Kiew, wirkten die anrückenden russischen Kolonnen wie im Feierabendstau.

Das hat damals in der Tat schon nicht gut geklappt. Jetzt jedoch, da schon so viele russische Offiziere gefallen sind, dass sie mit unerfahrenem Nachwuchs arbeiten müssen, jetzt würde es noch weniger klappen. Zum Vergleich: In einem normalen Reservebataillon kennen sich die Leute seit zehn Jahren, haben viele Male gemeinsam geübt, vermögen einzuschätzen, was sie können und was nicht. In den mobilgemachten russischen Bataillonen hingegen sind irgendwelche Leute zusammengestoppelt, die sich vorher noch nie gesehen haben, und die gerade mal so weit trainiert wurden, dass sie im Gefecht überhaupt eine Chance haben zu überleben. Die machen keinen Kampf der verbundenen Waffen. Deshalb wählt Russland derzeit kleinteilige Offensiven. Die sind leichter zu koordinieren.

Wie kommen die Reserven zur Truppe?

Die Russen nehmen ein Regiment aus der Front heraus, schicken es oft in grenznahe Gebiete, frischen es dort mit neuen Rekruten auf und verlegen es dann wieder an die Front. Rausnehmen - auffrischen - zurückverlegen, das kann ich aber nur nach und nach machen, weil ich immer nur einen gewissen Teil der Truppe rauslösen kann. Deshalb läuft diese Offensive nicht so ab wie vergangene Offensiven der Roten Armee, als im Zweiten Weltkrieg die Tore aufgingen, und plötzlich brachen neu aufgestellte Divisionen und Korps durch, überraschten die Wehrmacht und richteten Riesenchaos an.

Statt Durchbruch mit Masse also ein Anwachsen Stück für Stück. Aber irgendwann sind es dann trotzdem viele. Für die Ukraine wird es also nicht so handhabbar bleiben?

Das ist schon jetzt sichtbar, die russischen Angriffe werden täglich mehr. Auf Satellitenbildern aus der vergangenen Woche sehen wir, dass etwa über Rostow neue Einheiten dazukommen, die Quantität nimmt zu. Es wird Stück für Stück schwieriger für die Ukrainer, das alles abzuwehren und ihr Gelände zu verteidigen. Man sieht ja in Bachmut, wie zäh und enorm schwer die Kämpfe sind.

Und für die Ukraine mit großen Verlusten verbunden?

Die Ukraine verteidigt sehr gut. Aber für viele Gegenangriffe der letzten Wochen, um Bachmut nicht fallen zu lassen und die Russen von ihren Nachschublinien wegzudrängen, haben sie Spezialeinheiten eingesetzt. Das waren ihre kriegserfahrensten Leute, alte Kader, die schon im Donbass mitgemacht haben. Anders gesagt: die wichtigsten Kräfte in der ganzen Armee, und die nutzen sich ab. Material kostet es auch. Aus russischer Sicht heißt es dann: "Wir können nicht durchstoßen, elegant ist es auch nicht und Verluste haben wir viele, aber am Ende des Tages spricht das Abnutzungsverhältnis für uns. Die Ukraine verteidigt zwar sehr gut, und wir Russen verlieren viele Soldaten, aber die Ukrainer auch, und die können es nicht so lange durchhalten wie wir."

Und wenn Putin seine hohen wöchentlichen Verlustzahlen betrachtet, macht er trotzdem einen Haken dran?

Das ist zwar eine enorm zynische Kalkulation, aber: Ja. Er denkt: "Nach ein, zwei Jahren Krieg wird es sich für mich trotz allem rechnen, denn dann ist die Ukraine am Ende, und den Westen interessiert es nicht mehr."

Das heißt, das Blatt muss sich unbedingt wenden.

Ja, aber noch nicht jetzt. Denn viele Maßnahmen des Westens werden erst im Laufe des Jahres wirksam. Erst in der zweiten Jahreshälfte werden wir wirklich viele Leopard-Panzer zur Verfügung haben. Bei der Munition sieht es ähnlich aus. Da werden Fertigungshallen gebaut, Produktionsstraßen errichtet, aber bis die Lieferungen auf dem Niveau sind, wo wir sie haben wollen, wird es auch Sommer sein. Dann wird die Situation für die Ukrainer aus meiner Sicht deutlich einfacher. Die Zeit bis dahin müssen sie aber überbrücken. Das wird hart.

Sie raten also von einer Offensive derzeit ab?

Sie wäre machbar, aber die Kosten/Nutzen-Rechnung wäre nicht gut. Erstens: Die Ukrainer müssten mechanisierte Reserven entlang der Front rausziehen, um sie in diese Offensive zu schmeißen. Damit würden sie ihre Verteidigungstruppen schwächen und wären verwundbarer. Zweitens: Die Russen haben viele Minenfelder und Panzergräben in ihrer eigenen Tiefe angelegt, um dort bei einem ukrainischen Durchstoß weiter verteidigen zu können. Sie würden die Offensive der Ukrainer also immer wieder erfolgreich stoppen, und die müssten von vorn beginnen. Das wäre aufwändig und verlustreich.

Für die Ukraine heißt es also durchhalten und auf die westlichen Waffen warten.

Noch ein Argument spricht dafür: Wenn wir jetzt in Gedanken mal die Zeit etwas vorspulen, haben wir folgende Entwicklung: Die Russen als Angreifer haben höhere Verluste als die ukrainische Verteidigung.

Das ist grundsätzlich so? Angriff kostet mehr als Verteidigung?

Genau. Die Russen werden also an den Punkt kommen, wo sie ihre neuen Reserven aufgebraucht haben. Dann müssen sie ihrerseits Truppen für die Offensiven aus Frontabschnitten herausziehen, wo wenig los ist. Diese Abschnitte sind geschwächt, Stück für Stück schwächen die Russen ihre Frontabschnitte.

Man ahnt ungefähr, was jetzt die Ukrainer machen.

Die Ukrainer schneiden das natürlich mit und sagen: "Hier wird es aber langsam dünn". Und dann gehen sie mit einer Gegenoffensive genau in diese Schwäche hinein. Die russische Seite kann darauf kaum reagieren, denn ihr fehlen die Reserven. Wenn ich ukrainischer Oberbefehlshaber wäre, dann würde ich jetzt die Zeit abwarten und sagen: "Ich hab mit denselben Kräften, mit denselben Verlusten später im Jahr eine viel bessere Wirkung."

Ihr Wort im Ohr des ukrainischen Oberbefehlshabers.

Schwer vorhersehbar ist natürlich die Ungeduld des Westens. Wenn der sagt, "wir schicken euch die Panzer, jetzt wollen wir auch was sehen" - weil man aus irgendwelchen Gründen etwas vorweisen will, kann das die Ukraine unter Druck bringen. Aber wenn ich in der amerikanischen oder deutschen Regierung säße, würde ich das Thema Gegenoffensive einfach mal ein bisschen ruhen lassen.

Mit Gustav Gressel sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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