Politik

"Landet nicht in dieser Falle"Russland lockt Afrikaner in den Krieg

14.01.2026, 17:10 Uhr Sim-IZO7016-2Von Simone Schlindwein, Kampala
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Video poster

Immer mehr verdichten sich die Beweise: Afrikanische Rekruten werden von der russischen Armee im Ukraine-Krieg als Kanonenfutter eingesetzt. Jetzt versuchen afrikanische Regierungen die Rekrutierungsnetzwerke vor Ort zu zerschlagen.

Ein Handyvideo von der ukrainischen Front geht dieser Tage viral: Rund ein Dutzend afrikanischer Söldner in voller Kampfmontur hocken und stehen knöcheltief im Schnee an der ukrainischen Front, tanzen zu einem Song. "Kawedemu!" singen sie im Refrain. Übersetzt aus der lokalen Sprache Luganda, die in Uganda gesprochen wird, bedeutet dies so viel wie "Wir haben gewonnen!" Der Song ist in Uganda landesweit bekannt, denn er wurde nach dem Ende des Bürgerkriegs 1986 überall gesungen, als die Guerillakämpfer unter dem heutigen Präsident Yoweri Museveni das Land erobert hatten.

"Mindestens 1436 Staatsbürger aus 36 afrikanischen Ländern kämpfen derzeit in den Reihen der russischen Invasionsarmee in der Ukraine", erklärte der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha im November und warnte die Regierungen in Afrika, dass ihre jungen Rekruten in Massen an der Front sterben. "Einen Vertrag zu unterzeichnen, ist gleichbedeutend mit der Unterzeichnung eines Todesurteils", stellte er klar. Die meisten Afrikaner würden den Krieg in den russischen Reihen "nicht einen Monat lang überleben".

Drei afrikanische Länder ermitteln gegen Rekrutierungsnetzwerke

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass Rekruten aus Afrika für Russlands Eroberungsfeldzug als Kanonenfutter geopfert werden. Ein weiteres Video erzeugte in Afrika in den vergangenen Tagen einen Aufschrei. Darin sieht man einen afrikanischen Söldner in einem unterirdischen Bunker, dem eine gewaltige Mine um den Bauch gebunden wurde. "Hör auf, dich vollzuscheißen", hört man eine russische Männerstimme im Hintergrund sagen. Ein Gewehrlauf zielt auf den Afrikaner: "Los jetzt, lauf - du wirst heute die Eröffnung machen", sagt der Russe. Offenbar wird der Afrikaner auf eine Kamikaze-Aktion an die Front geschickt, um die Ukrainer zu überraschen.

In Uganda, Kenia und Südafrika haben die jeweiligen Regierungen nun Ermittlungen aufgenommen, um die russischen Rekrutierungsnetzwerke vor Ort zu zerschlagen. In Uganda wurden im August neun junge Männer am Internationalen Flughafen in Entebbe von Sicherheitsbehörden gestoppt, die auf dem Weg nach Moskau waren. Sie bestätigten, dass sie als angebliche Wachmänner für eine russische Sicherheitsfirma angeheuert wurden. Zwei Tage später wurde ein Russe in Ugandas Hauptstadt Kampala verhaftet, der laut eigenen Angaben für eine Rekrutierungsfirma namens "Magnit" arbeitete.

Drohnenfabrik statt Hotel

Die Ermittler stellten später fest, dass die Firma in Uganda nicht registriert ist und keine Lizenz von Ugandas Arbeitsministerium eingeholt hat. Auch online ist zu dieser Firma kein Hinweis zu finden. In Uganda sind Hunderte internationaler Rekrutierungsfirmen aktiv. Die meisten suchen nach billigen Arbeitskräften für Jobs in Dubai, Saudi-Arabien oder Katar. Junge Frauen werden als Haushaltshilfen für reiche Scheichs angeheuert, Männer meist als Fahrer oder als Sicherheitspersonal. Im letzten Jahr war afrikaweit die russische Firma Alabuga in Verruf geraten. Sie warb mit gut bezahlten Jobs in Restaurants oder Hotels, suchte Schweißer oder Lackierer für eine Motorbootfabrik in Tatarstan. Letztlich stellte sich heraus, dass die von ihr angeworbenen jungen Frauen und Männer in einer Fabrik Kampfdrohnen für den russischen Krieg fertigen mussten.

Erste Vermutungen wurden laut, dass über Alabuga auch Söldner für den Krieg in der Ukraine angeheuert werden. Doch nach einem Besuch von Ugandas Arbeitsministerin in Russland 2025 wurden diese Gerüchte vom Tisch gefegt. Uganda gab Alabuga die Erlaubnis, weiter zu rekrutieren.

Doch um dies legal zu betreiben, benötigen Rekrutierungsfirmen Lizenzen und müssen Regeln beachten. Sie müssen den Rekruten einen Arbeitsvertrag vorlegen und Impfungen bezahlen. Die Rekruten müssen vor ihrer Ausreise ein polizeiliches Führungszeugnis erwerben sowie eine Krankenversicherung abschließen. Im Fall der neun jungen Männer, die am Flughafen an der Ausreise gehindert wurden, waren all diese Dokumente gefälscht, so die Ermittler. Der verhaftete Russe wurde also wegen Dokumentenfälschung angeklagt.

"Es war dunkel und schrecklich"

In einem weiteren Video, das vom Militärgeheimdienst in der Ukraine online gestellt wurde, erklärt der Ugander Richard Akantorana, Vater von zwei Kindern, wie er an die Front gelangt war: "In meiner Heimat habe ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Ich habe in Supermärkten geputzt und bin Motorradtaxi gefahren." Er habe etwas mehr als 10 Euro umgerechnet pro Monat verdient: "Das Leben war sehr hart."

Um das Flugticket zu bezahlen, habe er einen Kredit aufgenommen, erzählt er im Video weiter: "Ich hätte niemals gedacht, dass ich zur Armee gehen würde", sagte er. "Mir wurde gesagt, ich würde in einem Supermarkt arbeiten." Bei seiner Ankunft in Moskau hieß es dann: "Tut uns leid, Leute, ihr werdet in die russische Armee eintreten", berichtet er: "Als wir uns weigerten, hielten sie mir eine Waffe an den Kopf und zwangen mich, die Papiere zu unterschreiben."

Er sei dann an die Front nahe Donezk gefahren worden und war dort in einem unterirdischen Armeelager untergebracht. "Es war dunkel und schrecklich. Überall waren Bettwanzen. Wir schliefen auf dem Boden und bekamen nur Kekse und Wasser", erzählt er. In der Nacht habe er sich den Ukrainern ergeben. "Meine lieben Landsleute in Uganda", sagt er am Schluss: "Ich warne euch, landet nicht auch in dieser Falle."

Eltern mobilisieren Kenias Regierung

Die Ugander sind nicht die Einzigen, die in einer solchen Falle landen. Nach der Warnung des ukrainischen Außenministers im November meldeten sich viele Familien in Kenia bei den Behörden, deren junge Männer für Jobs nach Russland gereist seien. Die Daheimgebliebenen hätten den Kontakt via Whatsapp zu ihren Angehörigen verloren, so die Klage. Dies erhöhte den Druck auf Kenias Regierung, der Sache nachzugehen.

Kenias Außenministerium versicherte daraufhin, dass man auf diplomatischem Wege versuche, die Kenianer nach Hause zu holen. Laut offiziellen Angaben fielen in den vergangenen Jahren mehrere Hundert Kenianer an der Front in der Ukraine. 26 befinden sich in russischen Militärkrankenhäusern.

Kenias für grenzüberschreitende Verbrechen zuständige Polizeieinheit bemüht sich, den Rekrutierungsring in Kenia aufzudecken. Ende September stürmte sie mehrere Wohnungen nahe dem Flughafen in der Hauptstadt Nairobi, wo Rekruten für ihre Reise nach Russland vorbereitet wurden. Die Ermittler fanden dort 21 junge Männer, die Verträge mit einer Rekrutierungsfirma unterzeichnet hatten und auf ihrem Weg nach Moskau waren.

Erster Fall wird derzeit in Nairobi verhandelt

Vor dem Gericht in Nairobi wird nun der erste Fall verhandelt. Angeklagt wegen Menschenhandels ist der Kenianer Edward Kamau Gituku. Mit ihm festgenommen wurde laut Angaben der kenianischen Tageszeitung "The Standard" auch ein Russe unter dem Namen Mike Lyapin, der angegeben haben soll, für die russische Botschaft in Nairobi zu arbeiten. Als die Reporter dort nach dem Verbleib des Russen fragten, gab diese an, der mutmaßliche Lyapin habe eine Kaution bezahlt und sei dann nach Russland zurückgeflogen.

Der zweite Angeklagte, Ednah Kendi, war den Ermittlern bei einer weiteren Hausdurchsuchung ins Netz gegangen. In der Wohnung wurden Geld und Dokumente gefunden von Männern, die bereits nach Russland ausgeflogen waren. Zwei von ihnen konnten sich in Russland aus einem Militärtrainingslager befreien. Mithilfe der kenianischen Botschaft in Moskau wurden sie nach Hause gebracht. Sie sind nun wichtige Zeugen im Prozess.

Quelle: ntv.de

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