Politik

Gruppe kritisiert Dugina-Mord Russlands Partisanen wollen "revolutionäre Situation" schaffen

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Die "Militante anarcho-kommunistische Organisation" übernimmt unter anderem die Verantwortung für mehrere Brandstiftungen an Einberufungsstellen.

(Foto: Telegram / boakom)

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Nach dem Mord an Darja Dugina erklärt ein russischer Oppositioneller, die "Nationale Republikanische Armee" stehe hinter dem Attentat. Doch existiert die Gruppe überhaupt? Das ist unklar. Dass aber in Russland seit Monaten eine Partisanen-Bewegung für Dutzende Sabotageakte verantwortlich ist, daran besteht kein Zweifel.

Als das Auto von Darja Dugina in der Nacht zum Sonntag auf einer Autobahn in der Nähe von Moskau in die Luft geht, ist sofort klar: Die Kreml-Propagandistin und Tochter des rechtsradikalen Ideologen Alexander Dugin ist Opfer eines Attentats geworden. Doch wer steckt dahinter? Einen Tag nach dem Anschlag erklärt der russische Oppositionspolitiker Ilja Ponomarjow in einem Video, Partisanen der "Nationalen Republikanischen Armee" ("NRA") hätten die Verantwortung für das Attentat übernommen. Der von Ponomarjow mitgegründete oppositionelle TV-Sender February Morning habe mit den Kämpfern der Gruppe Kontakt aufgenommen und sei ermächtigt worden, das Manifest der Bewegung vorzulesen, sagt der seit 2019 in Kiew lebende Politiker im Video.

Von der Existenz der "Armee" war jedoch zuvor nichts bekannt. Gibt es sie wirklich? Und kann eine Partisanen-Gruppe hinter einem solch aufwändig geplanten Attentat stehen? Experten und westliche Geheimdienste bezweifeln das, einige sehen eher die Handschrift russischer Sicherheitsbehörden. Der Kreml seinerseits macht ukrainische Geheimdienste für die Tat verantwortlich, Kiew weist die Vorwürfe zurück.

Im Manifest, das Ponomarjow im Video vorliest, heißt es, die Mitglieder der Bewegung seien russische Aktivisten, Politiker und Militärangehörige, die zu "Kämpfern und Partisanen" geworden seien. Sie erklären Präsident Wladimir Putin zum "Usurpator der Macht" und werfen ihm vor, "einen Bruderkrieg zwischen den slawischen Völkern" entfesselt und russische Soldaten "in den sicheren und sinnlosen Tod" geschickt zu haben. Staatsbeamte und Sicherheitsdienste des Kremls bezeichnet die Gruppe als "Komplizen des Usurpators" und droht ihnen mit der "Vernichtung", sollten sie nicht von ihren Ämtern zurücktreten.

Ponomarjow sagt im Video, die "NRA" sei auch für "viele andere direkte Partisanen-Aktionen in Russland" in den vergangenen Monaten verantwortlich. Auf welche Ereignisse er sich bezieht, erklärt der Politiker nicht, im Hintergrund werden aber Aufnahmen von Brandstiftungen an Einberufungsstellen in Russland gezeigt.

Militäreinrichtungen brennen, Güterzuge entgleisen

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine werden in Russland tatsächlich vermehrt Angriffe auf Militäreinrichtungen gemeldet. So zählte die oppositionelle Internet-Zeitung "The Insider" in der Zeit von Ende Februar bis Anfang Juli 23 Attacken auf Einberufungsstellen, davon 20 Brandstiftungen. 2021 gab es in Russland demnach keinen einzigen ähnlichen Vorfall.

Doch hat die "NRA" etwas mit diesen Aktionen zu tun? Nach Recherchen der Zeitung handelt es sich bei den Angriffen auf die Einberufungsstellen nicht um eine Kampagne einer bestimmten Gruppe, sondern vielmehr um einzelne Aktionen unterschiedlicher Bewegungen - von linken Anarchisten über pro-ukrainische Aktivisten bis hin zur extremen Rechten. Gelegentlich seien die Angriffe auch von Einzeltätern verübt worden. In den meisten Fällen veröffentlichen die Aktivisten selbst Videos ihrer Aktionen in sozialen Netzwerken.

"The Insider" berichtete Anfang Juli auch über eine starke Zunahme von Eisenbahnunfällen, die auf die Aktivitäten der Partisanen zurückzuführen seien. Nach Angaben der Zeitung werden fast täglich Zwischenfälle bei der Bahn gemeldet. Allein zwischen März und Juni sollen 83 Güterzüge entgleist sein - 50 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Darüber hinaus kommt es seit Beginn des Krieges ausgerechnet im westlichen Teil Russlands viel häufiger zu Entgleisungen, einige davon ereigneten sich in der Nähe von Militärstützpunkten. "The Insider" bemerkt, dass die tatsächliche Zahl der Unfälle noch höher liegen könnte. Die Behörden würden möglicherweise versuchen, Vorfälle zu vertuschen.

Am 12. April wurde bei einer Explosion im Dorf Titovka wenige Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt eine Eisenbahnbrücke zerstört. Eine Woche später entgleiste in einem Vorort von Belgorod ein Güterzug. Im Zusammenhang mit beiden Vorfällen vermeldete der Inlandsgeheimdienst FSB wenige Tage später die Festnahme von zwei pro-ukrainischen Aktivisten, die angeblich einen weiteren Sabotageakt planten. Am 1. Mai wurde eine Eisenbahnbrücke im Gebiet Kursk gesprengt, ebenfalls unweit der ukrainischen Grenze. Ende Mai wurde bekannt, dass der FSB im Zusammenhang mit einem Sabotageakt in der Nähe eines Militärstützpunkts bei Moskau nach Mitgliedern einer "militanten anarcho-kommunistischen Organisation" fahndet.

"Anarchisten" kritisieren Mord an Dugina

Diese Organisation gibt es wirklich, zumindest auf Telegram. Dort veröffentlicht sie Anleitungen, wie man Sabotageakte durchführt, und berichtet über erfolgreiche Angriffe. Neben mehreren Aktionen an der Eisenbahn übernimmt die Gruppe auch die Verantwortung für Brandstiftungen an Einberufungsstellen, Mobilfunkmasten und Autos kreml-freundlicher Aktivisten.

"Für uns war der Ausbruch des Krieges am 24. Februar ein Signal, die Maßnahmen zu verstärken", schreiben die Aktivisten bei Telegram. Sie sehen es als ihre Pflicht an, "den vom Kreml-Regime verübten Massenmord an Menschen im Nachbarland zu stoppen". Außerdem habe der Ausbruch des Krieges und die daraus resultierende Krise "Möglichkeiten zur Schaffung einer revolutionären Situation in Russland eröffnet, die genutzt werden sollten".

Die Aktivitäten der Gruppe seien von den ähnlichen Sabotageakten der belarussischen Partisanen inspiriert worden, sagten die Aktivisten in einem Gespräch mit dem "Insider". Mit zahlreichen Aktionen in Belarus trugen die Kriegsgegner dort in den ersten Wochen nach dem Beginn der Invasion dazu bei, die Einnahme Kiews durch die russischen Truppen zu vereiteln.

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Genauso wie bei den belarussischen Partisanen sei die Bewegung in Russland dezentral organisiert, was es den Sicherheitskräften schwer macht, die Teilnehmer aufzuspüren. Im April waren laut einem Vertreter der Bewegung 20 bis 40 Zellen in Russland aktiv, jetzt dürften es nach seinen Worten noch mehr sein. Bei den Mitgliedern der Gruppe handelt es sich "The Insider" zufolge nicht nur um Anarchisten, sondern um Menschen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen, die aktiv gegen den Kreml kämpfen wollen.

Bemerkenswert ist, dass die Partisanen der "anarcho-kommunistischen Organisation" das Attentat an Dugina kritisiert haben. Dass eine "unbewaffnete Frau, deren Märtyrertod Putins faschistisches Regime zu humanisieren scheint", zum Opfer des Anschlags geworden sei, löse Zweifel am Sinn der Operation aus, heißt es in einem Statement der Gruppe, das ebenfalls auf Telegram veröffentlicht wurde. Die Bewegung stehe zwar auf der gleichen Seite "mit denjenigen, die den Putinismus mit direkten Aktionen bekämpfen". Dabei solle man jedoch die richtigen Mittel wählen.

Quelle: ntv.de

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