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Urteil gegen den SS-Buchhalter Schales Gefühl nach dem Auschwitz-Prozess

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Der 94-jährige Gröning wurde wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Signal des Urteils gegen den früheren SS-Mann Gröning ist klar: Auch nach 70 Jahren ahndet die deutsche Justiz Holocaust-Verbrechen. Aber das Urteil kann niemanden richtig befriedigen.

Es ist gut, dass die deutsche Justiz sich noch einmal aufgerafft hat und einen der wohl letzten Auschwitz-Prozesse angestrengt hat. Es ist gut, dass im Zuge dessen hochbetagte Holocaust-Überlebende noch einmal zu Wort kamen, um von den Gräueln in dem Vernichtungslager zu berichten. Und schließlich ist es auch gut, dass das Gericht ein Zeichen gesetzt hat und den ehemaligen SS-Mannes Oskar Gröning, der in dem Vernichtungslager das Geld der ankommenden Juden zählte, verurteilt hat. Und doch bleibt ein schales Gefühl.

Letztlich kommt der Prozess Jahrzehnte zu spät, mehr als 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz muss er den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer wie Hohn vorkommen. Schon 1977 war gegen Gröning ermittelt worden  - allerdings ohne Ergebnis. Warum? Weil die Justiz, deren Mitglieder früher oft selbst dem Nationalsozialismus nahe standen und sich mit verschwurbelten Begründungen vor der juristischen Aufarbeitung des Holocausts drückten, über Jahrzehnte unter partieller Blindheit litt.

Nur der Hartnäckigkeit einzelner Anwälte wie Thomas Walther, der auch den Prozess gegen Gröning vorantrieb, ist es zu verdanken, dass in den vergangenen Jahren auch diejenigen vor Gericht sich verantworten mussten, denen nicht eine individuelle Tötung zur Last gelegt werden konnte. Auch wer Teil des mörderischen Systems war, konnte fortan als schuldig gelten.

Gibt es eine bessere Strafe?

Oskar Gröning, der mit gerade mal 21 Jahren seinen Dienst in Auschwitz antrat, gestand bisher nur eine "moralische Schuld" ein. Das Gericht erkennt nun auch eine strafrechtliche Schuld und verurteilt ihn wegen der Beteiligung am Massenmord von rund 300.000 Juden in Auschwitz zu vier Jahren Gefängnis.  Ob der 94-Jährige die Haft je antreten muss, bleibt allerdings fraglich. Und auch der Sinn einer solchen strafrechtlichen Verurteilung. Zu Recht merken Überlebende an: Gröning hat sein Leben gelebt, vier Jahre Haft für 300.000 Tote sind eine lächerliche Strafe.

Doch wie will man überhaupt die Gräuel nach Jahrzehnten noch strafrechtlich ahnden? Jede Strafe muss angesichts der Ungeheuerlichkeit des Verbrechens wie ein Witz erscheinen. Und nicht zuletzt: Was ist der Sinn einer Inhaftierung eines gebrechlichen alten Mannes? Vielleicht wäre es doch die bessere Strafe, wie sie die Auschwitz-Überlebende und Nebenklägerin Eva Kor fordert: Gröning zur gemeinnützigen Arbeit zu verurteilen, indem er gezwungen würde, mit jungen Menschen über das System Auschwitz zu reden. Dann müsste er sich immer wieder der Vergangenheit stellen. Wie dies auch Deutschlands Aufgabe ist – auch dann, wenn die letzten Opfer und Täter gestorben sind.

Quelle: n-tv.de

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