Politik

Interview mit Manfred Güllner "Scholz' Problem sind die Kompetenzwerte der SPD"

Forsa-Chef Manfred Güllner geht davon aus, "dass das Wachstum der SPD nicht sehr viel weiter nach oben führen wird". Mit Blick auf die Union sagt er, ein Tausch des Kanzlerkandidaten würde der Partei nutzen. "Mit Söder hätte die Union überhaupt keine Schwierigkeiten gehabt, wieder das Kanzleramt zu besetzen. Mit Laschet schon."

ntv.de: Von Meinungsforschern erhofft man sich immer auch ein bisschen einen Blick in die Zukunft. Wie wahrscheinlich ist es, dass Unionskanzlerkandidat Armin Laschet noch die Kurve kriegt und die Union ein Ergebnis über 30 Prozent schafft?

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Manfred Güllner ist Gründer und Geschäftsführer des Forsa-Instituts, das das RTL/ntv-Trendbarometer erstellt.

(Foto: picture alliance / Flashpic)

Manfred Güllner: Ausgeschlossen ist nichts, das muss man schon aus Respekt vor dem Wähler sagen. Aber wenn man die Wähler fragt, wie wir es diese Woche wieder getan haben, dann sagen nur 15 Prozent: Armin Laschet hat noch eine Chance, die schlechten Zahlen zu drehen. Es ist also nicht unmöglich, aber äußerst schwierig geworden.

War es aus Ihrer Sicht ein Fehler, dass die Union Laschet zum Kandidaten gemacht hat?

Aus unseren Erhebungen vor der Nominierung wissen wir, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten, aber auch die Mehrheit der CDU-Anhänger und vor allen Dingen die CDU-Wähler von 2017, lieber Markus Söder als Kanzlerkandidaten gesehen hätten. Selbst unter den CDU-Mitgliedern sagte nur ein Viertel, die Partei solle Laschet aufstellen. Söder hatte damals schon die höchste Bindekraft der zur Verfügung stehenden Kandidaten, deshalb kann man sagen: Mit Söder hätte die Union überhaupt keine Schwierigkeiten gehabt, wieder das Kanzleramt zu besetzen. Mit Laschet schon.

Dass die Union so kurz vor der Wahl den Kanzlerkandidaten auswechselt, wäre ein beispielloser Vorgang. Welche Möglichkeiten hat die Partei noch, um die Stimmung zu drehen?

Der Austausch des Kanzlerkandidaten wäre in der Tat ein völliges Novum. Allerdings sehen wir in unseren Untersuchungen, dass über ein Viertel der Wähler anderer Parteien sich vorstellen könnte, die Union zu wählen, wenn Söder Kanzlerkandidat wäre. Wenn nur die Hälfte davon das tatsächlich tun würde, käme die Union wieder auf über 30 Prozent und in etwa auf ihr Ergebnis von 2017. Wenn der Kandidat wirklich ausgetauscht würde, dann würde die Union davon profitieren. Wenn sie das nicht machen kann oder will, dann ist es schwer, sich vorzustellen, wie die Union ihre Werte noch verbessern könnte. Zumal die große Mehrheit der von uns befragten Wahlberechtigten ja auch sagt: An den schwachen Unionswerten ist der Kanzlerkandidat schuld.

Warum hat Laschet so schlechte Zustimmungswerte?

Wir haben schon vor der offiziellen Nominierung das Profil der potenziellen Kanzlerkandidaten geprüft. Da haben wir gesehen, dass Laschet in den Augen der Wähler im Vergleich zu den anderen kein richtiges Profil hat. Etwas überspitzt kann man sagen: Laschet ist ein Kandidat ohne Eigenschaften.

Wie ist das bei Grünen-Chefin Annalena Baerbock?

Baerbock hatte ein sehr modernes Profil. Man dachte, sie stehe für einen neuen Politikstil, sie habe Visionen für die Zukunft, sie sei vertrauenswürdig. Dieser Nimbus, der vor der Nominierung mit ihr verbunden war, hat sich aber schnell durch die von ihr gemachten Fehler verflüchtigt. Das führte dazu, dass sowohl ihre hohen Zustimmungswerte als auch die für ihre Partei wieder zurückgingen.

War dann ihre Nominierung auch ein Fehler?

Wir wissen nicht, was nach einer Nominierung von Robert Habeck passiert wäre. Anders als bei Laschet und Söder war das Profil von Baerbock und Habeck aber fast identisch. Lange war es so, dass Habeck populärer war als Baerbock. Aber zum Zeitpunkt ihrer Nominierung zur Kanzlerkandidatin lagen beide gleichauf.

Stehen die hohen Zustimmungswerte von Olaf Scholz für echte Zustimmung oder profitiert er lediglich davon, dass viele Wählerinnen und Wähler die anderen beiden noch weniger mögen?

Nach unseren Werten kommt Scholz aktuell auf 29 Prozent. Damit liegt er klar vor Laschet mit 12 und Baerbock mit 15 Prozent. Aber ein berauschender Wert ist das immer noch nicht. Gerhard Schröders Werte lagen in seinen Bundestagswahlkämpfen immer bei rund 50 Prozent, bei Angela Merkel waren es zwischen 50 und 60 Prozent. Scholz profitiert von der Schwäche der beiden anderen. Viele trauen ihm das Amt des Kanzlers durchaus zu, werden ihn aber nicht wählen, weil er die SPD am Bein hat. Die wird weiterhin sehr kritisch gesehen.

Demnach schadet die SPD ihm?

Unter den drei Parteien mit einem Kanzlerkandidaten ist die SPD nach wie vor die Partei, der man am wenigsten zutraut, die Probleme in Deutschland zu lösen. Wir fragen für das Trendbarometer ja immer nach der politischen Kompetenz, und da liegt die Union, wenn auch mit stark eingebrochenen Werten, immer noch vorne. Scholz' Problem sind die Kompetenzwerte der SPD. Die sind so gering, dass ich davon ausgehe, dass das Wachstum der SPD nicht sehr viel weiter nach oben führen wird.

Ist es nicht ein dramatischer Befund, dass so wenig Leute einer Partei zutrauen, die Probleme lösen zu können?

Es ist kein neuer Befund - schon Anfang der 1990er Jahre trauten teilweise über 50 Prozent keiner Partei zu, die Probleme im Land zu lösen. Dass nur noch unter 10 Prozent der Wähler der SPD politische Kompetenz zubilligen, ist für die Partei allerdings ein extrem schwacher Wert. Das war zu Zeiten, als sie noch Wahlen gewinnen konnte, anders.

Wer Kanzler wird, hängt nicht nur vom Wahlergebnis ab, sondern auch davon, welche Parteien sich auf eine Koalition einigen können. Würden Sie sagen, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass Laschet Bundeskanzler wird?

Es gibt im Augenblick rechnerisch viele Koalitionsoptionen. Für Schwarz-Grün würde es allerdings nicht mehr reichen. Seit einigen Wochen gibt es aber eine Mehrheit für Schwarz-Grün plus FDP. Es würde außerdem für Schwarz-Gelb plus SPD reichen. Damit ergeben sich für die CDU auch bei schlechteren Werten durchaus Chancen für eine Regierung mit einem Kanzler Armin Laschet. Auf der anderen Seite muss man sehen, ob die anderen Parteien die Chance, eine Koalition ohne die Union zu bilden, nutzen wollen. Im Moment hätte eine Ampel-Koalition aus SPD, FDP und Grünen eine klare Mehrheit. Knapp würde es sogar für eine rot-rot-grüne Regierung reichen.

Wie wird das Thema Afghanistan beziehungsweise das Versagen der Bundesregierung, die deutschen Staatsangehörigen und die afghanischen Ortskräfte frühzeitig auszufliegen, die Wahl beeinflussen?

Da kann ich nur spekulieren. Meine Vermutung aber ist, dass dieses Thema keinen großen Einfluss haben wird, denn außenpolitische Themen haben bislang bei keiner Bundestagswahl eine entscheidende Rolle gespielt. Trotz der Machtübernahme durch die Taliban geht von Afghanistan keine unmittelbare Bedrohung für die Menschen in Deutschland aus. Das war beim Irak-Krieg 2002 anders. Damals hatten die Menschen Angst, dass Saddam Hussein seine Massenvernichtungswaffen - von denen man damals noch nicht wusste, dass es sie nicht gab - gegen uns einsetzen würde. Die Weigerung von Gerhard Schröder, sich an diesem Krieg zu beteiligen, hatte daher durchaus einen Einfluss auf die Wahl. Einen ähnlichen Einfluss kann ich bei Afghanistan heute nicht erkennen.

Mit Manfred Güllner sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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