Politik

Kanzlerkandidat der Reserve Schulz hat einen unschlagbaren Vorteil

SPD-Chef Sigmar Gabriel zögert mit einer Kanzlerkandidatur. Stattdessen könnte Martin Schulz übernehmen. Das Timing stimmt - und es gibt weitere Argumente, die für Schulz sprechen.

Manchmal bleibt in der Politik nur das Spekulieren. Ist es nur ein Testballon oder der Anfang vom Ende einer möglichen Kanzlerkandidatur Sigmar Gabriels? In der SPD wird offenbar darüber nachgedacht, ob EU-Parlamentspräsident Martin Schulz die Partei im kommenden Jahr in den Bundestagswahlkampf führen soll. Es wäre eine überraschende Wende, in vielerlei Hinsicht aber nicht die schlechteste Lösung der schwierigen Kandidatenkür.

Sollte Schulz tatsächlich Kanzlerkandidat werden, so wäre ihm ein kleines Kunststück gelungen. Schon seit April 2015 hält sich sein Name hartnäckig in der Debatte. Fraktionsvize Axel Schäfer sagte damals: "Ich halte Martin Schulz aufgrund seiner bisherigen Leistungen für hervorragend geeignet." Es gilt eigentlich als Regel des Politbetriebs: Wird man zu früh gehandelt, kann ein Name schnell verbrannt sein. Schulz hat, und auch noch in den vergangenen Wochen, fleißig jegliche Ambitionen zurückgewiesen. Geschadet hat es ihm offenbar nicht.

Das mag auch daran liegen, dass die Auswahl in der SPD alles andere als üppig ist. Seit der Bundestagswahl 2013 galt als so gut wie sicher, dass Sigmar Gabriel Kanzlerkandidat wird. Er ist Vizekanzler, führt das um das Thema Energiewende aufgewertete Wirtschaftsministerium und ist SPD-Chef. Er ist die Sozialdemokratie in Personalunion. Noch nach der Sommerpause sahen Beobachter bei ihm Anzeichen, dass er zu einer Kandidatur entschlossen ist. Aber ganz offensichtlich sind die Zweifel des Niedersachsen groß. Zu groß.

Das ist durchaus nachvollziehbar. Die SPD kommt seit Jahren nicht aus dem Umfragetief, Gabriel ist es nicht geglückt, sein Image zu verbessern. Er ist bei den Deutschen nicht besonders beliebt und scheint im Duell gegen die Kanzlerin chancenlos. Zuletzt sprach sich zwar der mächtige nordrhein-westfälische Landesverband für Gabriel aus, aber der 57-Jährige ist in seiner Partei umstritten. Eine gute Ausgangslage ist das nicht. Daran dürfte es auch liegen, dass Gabriel zögert. Er ist erfahren genug, um zu wissen: Schon zu Beginn mit einer Kandidatur zu hadern, wäre der Sache wenig dienlich. Ein Wahlkampf ist kraftraubend genug. Er setzt absolute Überzeugung und die nötige Opferbereitschaft voraus. Dies kann bei Gabriel die Einsicht gefördert haben, sich das doch lieber nicht anzutun. Sich selbst zu Liebe und zum Wohle der Partei.

Timing und Biografie passen

Kanzlerkandidat der SPD zu werden, ist im Jahr 2016 weit weniger erstrebenswert als etwa das Amt des Bundestrainers. Die Chancen, wieder den Kanzler zu stellen, sind schlecht. Der Kandidat muss stark genug sein, um das zu ignorieren. Schulz ist kein Zauderer. Er hat auch schon bewiesen, dass er sich von aussichtslosen Situationen wenig beeindrucken lässt. 2014 führte er trotz schlechter Umfragen einen leidenschaftlichen Europawahlkampf. Mit 27,3 Prozent holte er ein respektables Ergebnis, von dem die Genossen im Bund nur träumen konnten.

Schon im Juni bemerkte die "Süddeutsche Zeitung", dass Schulz vermehrt Termine in der Hauptstadt wahrnimmt. In der kommenden Woche stellt er, ein bemerkenswerter Zufall, in Berlin eine neue Biografie vor. Auch in anderer Hinsicht ist das Timing gut. Zum Jahreswechsel wird Schulz voraussichtlich als EU-Parlamentspräsident abgelöst. Anfang September meldete der "Spiegel", dass er bei der Bundestagswahl auf Listenplatz 1 des nordrhein-westfälischen SPD-Landesverbandes kandidieren soll. Eines von vielen Anzeichen, dass Schulz Anlauf nimmt für einen Wechsel in die Bundespolitik - und eine mögliche Kandidatur.

Wenn die SPD ihn ins Rennen schicken sollte, hätte dies vor allem einen großen Vorteil: Anders als Gabriel ist Schulz nicht Mitglied der Bundesregierung. Er stünde damit im kommenden Jahr nicht vor der Schwierigkeit, den Koalitionspartner und die Kanzlerin aus der Großen Koalition anzugreifen. Schulz wäre weit unabhängiger und könnte Angela Merkel so viel besser angreifen. Auch ansonsten bringt er mit, was als SPD-Kanzlerkandidat von Vorteil ist. Er ist politisch erfahren und in seiner Partei beliebt. Dazu versprüht er sozialdemokratische Authentizität. Schulz, der kein Abitur hat, ist der Inbegriff einer echten Aufstiegsgeschichte. Er arbeitete als Buchhändler, war Bürgermeister der Stadt Würselen und wurde 2012 schließlich EU-Parlamentspräsident. Als SPD-Kanzlerkandidat müsste Schulz sich weit weniger verbiegen als ein Peer Steinbrück, der auch in der eigenen Partei als elitär gilt.

Und nun? Ganz entscheidend für einen guten Start in den Wahlkampf wäre die richtige Erzählung. Und eine saubere Übergabe. Gabriel und Schulz sind gut befreundet. Falls Schulz antritt, dürfte es nicht so aussehen, als ob er Gabriel die Kandidatur entrissen hat. Der Parteichef müsste ihm seinen Segen geben, dabei gleichzeitig sein eigenes Gesicht wahren und erklären, warum er Schulz für den geeigneteren Mann hält. Einer, der im ersten Moment zwar wie ein Reservekandidat wirken mag, der aber trotzdem der Richtige sein kann. Dann könnte es im Prinzip schon losgehen für Martin Schulz.

Quelle: n-tv.de

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