Politik

Der Grexit naht Seid ihr wahnsinnig?

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Die Sieger der Abstimmung. Jetzt muss die Regierung ein Kunststück vollbringen.

(Foto: dpa)

Der Grexit ist wahrscheinlicher geworden. Griechenland und Europa droht eine historische Pleite. Darüber kann sich niemand freuen.

Alexis Tsipras mag sich als triumphaler Sieger fühlen. Doch er ist es nicht. Sein Land hat heute verloren, Europa hat heute verloren - Griechenland ist dem Grexit einen gewaltigen Schritt näher gekommen. Und darüber soll man sich freuen?

Lange Schlangen am Geldautomaten, weinende Rentner vor Banken. In den Supermärkten laden Griechen Einkaufswagen mit Nudeln und Toilettenpapier voll. Und an Tankstellen geht das Benzin aus. Die Gesellschaft ist tief gespalten, der Riss geht sogar durch Familien, Freundschaften enden. Verunsicherung, Anspannung, Sorgen sind überall zu spüren. Nach fünf Jahren harter Anpassungsleistungen mit fürchterlichen wirtschaftlichen und sozialen Folgen ist keine Besserung in Sicht. Man könnte annehmen, es könne nicht schlimmer werden. Es kann.

Wer glaubt, jetzt sei es leichter, eine Einigung zu finden, der irrt. Kreditgeber und griechische Regierung stehen sich unversöhnlich gegenüber. Finanzminister Yanis Varoufakis verglich die Gläubiger jüngst mit Terroristen. Und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sagte: Bei einem "Nein" sei Griechenland gezwungen, eine neue Währung einzuführen. Denn dann gäbe es keine Grundlage für Hilfspakete. Und nun soll plötzlich alles gut werden?

Alles vergeblich?

Nein, es sieht böse aus. Beide Seiten bleiben hart und nehmen in Kauf, dass Griechenland eine eigene Währung einführen muss. Dann hätten die Griechen nicht nur jahrelang vergeblich gelitten, das Leiden würde sogar noch zunehmen.

Viel hängt an der europäischen Zentralbank. Sie hat mit ihren ELA-Hilfen bislang verhindert, dass die griechischen Banken zusammenbrechen. Doch die langen Schlangen am Geldautomaten zeigen, dass ihre Bereitschaft dazu an die Grenzen gestoßen ist.

Seid ihr alle wahnsinnig, möchte man in Richtung Athen, Berlin und Brüssel angesichts des absurden Theaters rufen. Und jeder, der sich über das Resultat freut, sollte ein Zitat aus Büchners Drama "Dantons Tod" aufmerksam lesen: "Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden", steht dort. "Blickt um euch, das alles habt ihr gesprochen; es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte. Diese Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind eure lebendig gewordenen Reden."

Quelle: ntv.de