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Der Kriegstag im Überblick Selenskyj nimmt Putins Atomdrohungen ernst - Erneut Angriffe mit iranischen Drohnen

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Bei einem Angriff auf ein Hotel in Cherson sind nach russischen Angaben zwei Menschen getötet worden.

(Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat keinen Zweifel daran, dass Kremlchef Putin mit seiner Drohung, "alle zur Verfügung stehenden Mittel" zu nutzen, ernst machen könnte. Während in der Ukraine erneut iranische Angriffsdrohnen gesichtet werden, formieren sich in Russland heftige Anti-Kriegs-Proteste. Der 214. Kriegstag im Überblick.

Selenskyj: Putin blufft nicht mit Atomdrohungen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat deutlich gemacht, dass er die Atomdrohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin ernst nimmt. "Vielleicht war es gestern ein Bluff. Jetzt könnte es Realität sein", sagte Selenskyj dem US-Sender CBS News. Selenskyj verwies auf die Gefechte um das von Russland besetzte ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja und sagte: "Er (Putin) will die ganze Welt erschrecken. Dies sind die ersten Schritte seiner nuklearen Erpressung. Ich glaube nicht, dass er blufft."

Putin hatte am Mittwoch bei der Ankündigung der Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten gesagt: "Wenn die territoriale Integrität unseres Landes bedroht wird, werden wir zum Schutz Russlands und unseres Volkes unbedingt alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen. Das ist kein Bluff." Beobachter sahen darin eine Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen. Der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, sagte CBS News, die US-Regierung habe dem Kreml "direkt, privat, auf sehr hoher Ebene" mitgeteilt, dass jeder Einsatz von Atomwaffen "katastrophale Konsequenzen" für Russland haben werde. Russland sei auch gewarnt worden, dass die USA und ihre Verbündeten entschlossen reagieren würden.

Ukraine meldet Angriffe mit iranischen Drohnen

Die Ukraine ist nach eigenen Angaben erneut mit im Iran hergestellten Drohnen angegriffen worden. "Odessa wurde erneut von feindlichen Kamikaze-Drohnen angegriffen", teilte die ukrainische Armee mit. Ein Verwaltungsgebäude im Zentrum der südukrainischen Hafenstadt sei drei Mal getroffen worden. Es habe sich um iranische Drohnen gehandelt, sagte eine Militärsprecherin. Tote oder Verletzte gab es den Angaben zufolge nicht, eine Drohne wurde von der ukrainischen Luftabwehr abgeschossen. Am Freitag waren in Odessa nach Angaben Kiews bei einem russischen Angriff mit iranischen Drohnen bereits zwei Zivilisten getötet worden. Der ukrainischen Armee zufolge waren im Süden des Landes zudem vier Drohnen aus iranischer Produktion abgeschossen worden.

Moskau und Kiew werfen sich Angriffe vor

Russische Streitkräfte haben nach Angaben des ukrainischen Militärs binnen 24 Stunden Dutzende Raketen- und Luftangriffe auf zivile und militärische Ziele ausgeübt. Betroffen gewesen seien unter anderem 35 Siedlungen. Die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA wiederum meldete zuvor unter Berufung auf nicht näher identifizierte Informanten, ukrainische Truppen hätten Getreidespeicher und Lagerhallen für Düngemittel beschossen. Weder die Angaben der einen noch der anderen Seite ließen sich unabhängig überprüfen.

Weiter meldete RIA die Bombardierung eines Hotels in der Stadt Cherson durch ukrainische Truppen. Zwei Menschen seien getötet worden. Die Angaben ließen sich ebenfalls nicht unabhängig überprüfen. Die Stadt im Süden der Ukraine ist bereits seit kurz nach dem Beginn der Invasion von russischen Truppen besetzt.

Marineinspekteur warnt vor Angriffen unter Wasser

Die Aufrüstung der russischen Marine geht trotz westlichem Embargo und Ukraine-Krieg nach Einschätzung des deutschen Marineinspekteurs Jan Christian Kaack weiter. "Ich gehe davon aus, dass die russische Marine im Wesentlichen gestärkt aus dem Ukraine-Krieg herausgehen wird", sagte der Vize-Admiral der "Welt". Die Ankündigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, neuartige Hyperschall-Seeraketen namens "Zirkon" schon bald auf einer Fregatte in Dienst zu stellen, sei keine Propaganda: "Ich nehme das ernst. Sehr ernst."

Kaack warnte zugleich vor russischen Angriffen unter Wasser. "Sie dürfen nicht nur auf das Wasser gucken. Auch unter Wasser hat Russland erhebliche Kapazitäten aufgebaut", sagte der Vize-Admiral. "Auf dem Grund der Ostsee, aber auch im Atlantik gibt es einiges an kritischer Infrastruktur wie Pipelines oder Unterseekabel für IT. Da können sie Ländern wie Estland schnell das Licht ausschalten, und es gibt Gefährdungen der globalen Kommunikationsstrukturen, auf die man besonders achten muss."

Warnschüsse bei Anti-Kriegs-Protesten

Die von Kremlchef Wladimir Putin angeordnete Teilmobilmachung im Angriffskrieg gegen die Ukraine hat für weiteren Ärger und neue Proteste in Russland gesorgt. In der Teilrepublik Dagestan im Kaukasus gingen Polizisten nach Angaben von Bürgerrechtlern mit Warnschüssen gegen Demonstranten vor. Im Dorf Endirej blockierten Anwohner eine Straße, um so die Teilmobilisierung zu behindern, wie die unabhängige Organisation OVD-Info mitteilte. Auf Videos ist zu sehen, wie Polizisten Gewehre in die Luft richten, dann sind Schüsse zu hören. Laut dagestanischen Medien war der Protest eine Reaktion darauf, dass aus dem Dorf 110 Männer in den Krieg gegen die Ukraine gezwungen wurden.

Später wurden in sozialen Netzwerken Videos geteilt, die Proteste auch in Dagestans Hauptstadt Machatschkala zeigen sollen. Auf einem ist zu sehen, wie ein Polizist einem bereits festgenommenen Mann ins Gesicht schlägt. Ein anderer Clip zeigt, wie Frauen vor einen fahrenden Einsatzwagen rennen, um ihn aufzuhalten. Das muslimisch geprägte Dagestan gehört zu den Regionen Russlands, aus denen Beobachtern zufolge besonders viele Männer eingezogen werden. Aktivisten beklagen, dass Angehörige ethnischer Minderheiten besonders stark von der Mobilmachung betroffen sind und sprechen deshalb teils sogar von "ethnischen Säuberungen".

Selenskyj fordert Russen zur Fahnenflucht auf

Auf Russisch appellierte Selenskyj an die russischen Soldaten, sich zu ergeben. Putin "schickt Bürger" wissentlich "in ihren Tod", sagte er in einer Videoansprache in der Nacht zum Sonntag. "Ihr werdet auf zivilisierte Weise behandelt, niemand wird die Umstände Eurer Aufgabe erfahren", sagte er. Es sei "besser, einen Einberufungsbefehl zurückzuweisen, als in einem kriminellen Krieg in einem anderen Land zu sterben". Es sei auch "besser, vor einer kriminellen Mobilmachung wegzulaufen, als ein Krüppel zu werden und dann für die Teilnahme an einem Angriffskrieg vor Gericht zur Rechenschaft gezogen zu werden".

Interne Kritik an Teilmobilmachung wächst

Zwei Spitzenvertreter des russischen Parlaments und enge Putin-Verbündete haben Verständnis für die zahlreichen Beschwerden über die Kampagne zur Mobilisierung Hunderttausender Soldaten gezeigt. Walentina Matwijenko, die Vorsitzende des Föderationsrats, des Oberhauses des russischen Parlaments, verwies auf Berichte, wonach auch Männer einberufen wurden, die von der kürzlich verkündeten Teilmobilisierung eigentlich nicht betroffen sein dürften. "Solche Auswüchse sind absolut inakzeptabel. Und ich halte es für absolut richtig, dass sie eine scharfe Reaktion in der Gesellschaft auslösen", schrieb sie auf Telegram. Wjatscheslaw Wolodin, der Vorsitzende des Unterhauses der Duma, wiederum erklärte, dass Fehler, sollten sie gemacht worden sein, korrigiert werden müssten. "Behörden auf allen Ebenen sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein."

Russland meldet 50 Prozent abgegebene Stimmen bei Scheinreferendum

Derweil meldete die russische Militärverwaltung in den besetzten ukrainischen Gebieten für die Oblast Luhansk abgegebene Stimmen von 50 Prozent der Bevölkerung bei dem derzeit laufenden Schein-Referendum. In den Städten Lyssytschansk, Sjewjerodonezk und Rubizne wollen die Besatzer 41 bis 46 Prozent der Bevölkerung bereits befragt haben. Nachdem im Zuge der russischen Eroberung der Gebiete viele Menschen fliehen mussten, gibt es jedoch keine Informationen, wie viele Bewohnerinnen und Bewohner überhaupt noch vor Ort sind. Die russischen Truppen haben die Städte weitgehend zerstört.

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Quelle: ntv.de, chf/dpa/AFP/rts

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