"Putin braucht Trump"Selenskyj setzt auf US-Druck für Verhandlungsfenster im Herbst

Russland fühlt sich im Angriffskrieg gegen die Ukraine im Vorteil, Moskau will das Nachbarland im Winter weiter zermürben. Doch nach der diplomatischen Initiative der USA vom Wochenende eröffnet sich in den Augen von Präsident Selenskyj eine Chance für Verhandlungen noch vor der großen Kälte.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht nach der jüngsten Reise der US-Vermittler nach Moskau und Kiew ein mögliches Fenster für Friedensverhandlungen noch vor dem Winter. Zwar rechne Kremlchef Wladimir Putin mit einem neuen brutalen Winter, um die Ukraine zu schwächen, doch wolle der russische Staatschef US-Präsident Donald Trump nicht vor den Zwischenwahlen Anfang November verärgern, sagte Selenskyj im Interview mit dem US-Nachrichtenportal Axios. "Mein Gefühl sagt mir, dass Putin Trump braucht, er will ihn nicht verärgern."
Putin und Selenskyj hatten am Wochenende die US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner zu Gesprächen über eine mögliche Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen zwischen Moskau und Kiew empfangen. Konkrete Ergebnisse wurden zunächst nicht genannt. Nun erklärte Selenskyj, die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner hätten ihm mitgeteilt, dass "die Russen zu Verhandlungen bereit sind". Es seien US-Vorschläge zu Energieanlagen, Getreidelieferungen sowie Öl- und Gasexporten zur Sprache gekommen. Weitere Einzelheiten nannte er nicht.
Er gehe zwar davon aus, dass Moskau den Winter nutzen wolle, um die Ukraine weiter unter Druck zu setzen. "Russland denkt wirklich, dass ihnen dieser Winter helfen könnte, uns niederzuringen", sagte Selenskyj. Damit solle Kiew gezwungen werden, mehr Bereitschaft zu Kompromissen zu zeigen. Er warnte, dass auch die Ukraine wirtschaftlichen Druck auf Russland ausüben könne: "Als sie unsere Stromversorgung angriffen, haben wir ihre Möglichkeiten zum Verkauf von Öl und Gas blockiert."
Selenskyj: "Wir haben den September und Oktober"
Allerdings wolle die Ukraine den diplomatischen Verhandlungsprozess neu starten. "Wir haben den September und Oktober, um zu reden", sagte Selenskyj. "Ohne Dialog kann es kein Ergebnis geben." Er gehe davon aus, dass Trump einen Weg finden werde, um den Verhandlungsprozess noch vor dem Winter zu starten.
Am Wochenende waren die beiden US-Gesandten Kushner und Witkoff nach Russland und erstmals auch in die Ukraine gereist, um beiden Seiten neue Vorschläge für eine Beendigung des Konflikts vorzulegen. Die beiden Sondergesandten von US-Präsident Trump trafen sich am Samstag in Moskau mit Russlands Staatschef Putin und tags darauf mit dem ukrainischen Staatschef Selenskyj in Kiew. Zudem brieften sie die in Kiew anwesenden Vertreter Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens.
Witkoff bezeichnete die Gespräche in Moskau und Kiew über eine Beendigung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine am Montag als erfolgreich. Zudem stellte er die Möglichkeit neuer trilateraler Friedensgespräche in Aussicht. Die USA versuchen seit Trumps Wiedereinzug ins Weiße Haus, ein Ende des seit mehr als viereinhalb Jahren andauernden Ukraine-Kriegs zu erreichen. Bisherige Gesprächsrunden unter Beteiligung von Unterhändlern der USA, Russlands und der Ukraine brachten jedoch keinen Durchbruch.
