Sicherheitskonferenz in München"Die Vance-Rede vom letzten Jahr war kein Ausrutscher"

Mehr als 60 Staats- und Regierungschefs werden auf der diesjährigen Munich Security Conference (MSC) erwartet, die am Freitag beginnt. Die Organisatoren der Konferenz warnen vor einer Zerstörung der Weltordnung. Die schade allerdings auch den USA, sagt MSC-Direktor Tobias Bunde.
"Das wahrscheinliche Szenario ist nicht, dass die Amerikaner ihre erweiterte Abschreckung von einem auf den anderen Tag komplett einstellen", sagt Bunde im Interview mit ntv.de über den Schutz Europas durch die USA. "Eher ist das Problem, dass die Zweifel zunehmen könnten, dass die USA tatsächlich willens sind, Europa im Zweifel auch mit Nuklearwaffen zu verteidigen."
ntv.de: Vor einem Jahr traf die Rede von US-Vizepräsident JD Vance Europa wie ein Gewittersturm. Wurde in den letzten zwölf Monaten genug als Reaktion darauf unternommen?
Tobias Bunde: In Europa hat man mittlerweile verstanden, dass diese Rede kein Ausrutscher war. Vor wenigen Wochen haben wir gesehen, dass die Nationale Sicherheitsstrategie, die die Vereinigten Staaten veröffentlicht haben, im Wesentlichen viele Motive dieser Rede aufgenommen hat.
Beim MSC Munich Leaders Meeting im Mai 2025 in Washington wurden von amerikanischer Seite jedoch andere Töne angeschlagen, etwa die Möglichkeit, mit der Trump-Regierung in bestimmten Bereichen auch konstruktiv zusammenzuarbeiten. Insofern ist es aus meiner Sicht weiterhin richtig, dass wir eine Doppelstrategie fahren.
In diesem Jahr führt Außenminister Marco Rubio die US-Delegation. Sehen Sie darin ein Signal aus Washington, die harten Kanten abzurunden?
Vor einem Jahr hat niemand von uns damit gerechnet, dass sich die Rede von JD Vance so stark auf innenpolitische, identitätspolitische Fragen Europas fokussieren würde. Rubio ist der US-Chefdiplomat und wird möglicherweise etwas sanftere Töne anschlagen. Doch auch Rubio hat bei seinem Confirmation Hearing im US-Senat [der Bestätigungsanhörung vor Amtsantritt als Minister] sehr deutlich gesagt, dass die internationale Ordnung der letzten Jahre nicht im Interesse der Vereinigten Staaten sei und inzwischen zu einer Waffe geworden sei, die gegen die USA eingesetzt werde.
Es ist jedoch wichtig, auch darauf zu achten, was die anderen Teilnehmer aus den USA mitbringen. In diesem Jahr sind viele US-Gouverneure, eine riesige Delegation aus dem Kongress sowie eine ganze Reihe von Akademikern und Thinktankern dabei. Die transatlantischen Beziehungen, die immer im Fokus der Münchner Sicherheitskonferenz standen - und auch weiterhin stehen werden - sind breiter als die Beziehungen zur Trump-Regierung.
Im Munich Security Report 2026 taucht der Begriff "Demolition Men" auf - "Abrissmänner", die ihr Versprechen, bestehende Institutionen niederzureißen, für den eigenen politischen Aufstieg genutzt haben. Werden die kurzfristigen Gewinne dieser Zerstörungspolitik in den USA die langfristigen Verluste an Stabilität überwiegen?
Wir sehen zwar, dass es sich für Akteure wie die USA und andere durchaus lohnen kann, durch Disruption vielleicht kurzfristig mehr für sich rauszuholen. Langfristig liegt dies jedoch nicht im Interesse Washingtons. Sie wollen ein funktionierendes System mit Regeln unterminieren, von dem sie über viele Jahrzehnte profitiert haben. Man könnte etwas überspitzt sagen: Sie wollen weiterhin von den Vorteilen einer wohlwollenden Hegemonie profitieren, ohne gleichzeitig auch die Kosten dieser Hegemonie zu tragen.
Dass die Lastenteilung unfair war, mag richtig sein - es gibt viele sehr berechtigte Kritikpunkte an den Europäern. Aber die spezielle amerikanische Position in diesem System hat den USA ebenfalls sehr große Vorteile bereitet. Meine Voraussage wäre, dass der gegenwärtige Umgang, insbesondere mit den Bündnispartnern weltweit, langfristig dazu führen wird, dass die USA ihre größten Stärken untergraben.
Um die Souveränität Europas zu stärken, wirbt EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius für einen Europäischen Sicherheitsrat. Der grüne Europaabgeordnete Sergey Lagodinsky hält diesen über einen zwischenstaatlichen Vertrag für möglich. Würden Sie dies als eine tragfähige Lösung ansehen?
In gewisser Weise ist es eine typisch europäische Debatte - dass man auf ein politisches Problem erst mal mit der Schaffung einer neuen Institution reagiert. Auch die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dies schon einmal ins Spiel gebracht. Ich sehe diese Debatte eher als Ausdruck der Frustration über die bestehenden Institutionen, würde die Möglichkeit einer Reform der bestehenden EU-Formate erst mal nicht komplett aufgeben. Es ist gut, dass über solche Probleme nachgedacht wird, doch ich fürchte, viele der politischen und strategischen Fragen, die damit verknüpft sind, werden sich durch eine neue Institution nicht lösen lassen - wie etwa die Sorgen mittelgroßer Länder, die keine dauerhaften Entscheidungsbefugnisse hätten.
Europa nimmt die USA zunehmend als weniger verlässlichen Partner wahr. Inwiefern ist die europäische nukleare Abschreckung aus Ihrer Sicht eine Option?
Es ist ohne Frage so, dass Plan A - also die erweiterte nukleare Abschreckung durch die USA - weiterhin die beste Option für Europa wäre, weil sie zum einen die militärisch glaubwürdigste gegenüber Russland wäre, und zum anderen auch verhindert hat, dass noch mehr europäische Staaten selbst Atomwaffen entwickelt haben. Aber die Frage steht im Raum, wie verlässlich Plan A heute noch ist. Das wahrscheinliche Szenario ist nicht, dass die Amerikaner ihre erweiterte Abschreckung von einem auf den anderen Tag komplett einstellen. Eher ist das Problem, dass die Zweifel zunehmen könnten, dass die USA tatsächlich willens sind, Europa im Zweifel auch mit Nuklearwaffen zu verteidigen.
Insofern bleibt den Europäern nichts anderes übrig, als über andere Optionen nachzudenken. Doch diese Debatte hat tatsächlich noch gar nicht richtig begonnen. Bislang ging es in der Öffentlichkeit vor allem um scheinbar einfache Lösungen, die weder militärisch glaubwürdig noch politisch oder finanziell durchführbar sind. Oft herrscht der Irrglaube vor, man bräuchte nur ein paar Sprengköpfe, und damit sei dann Abschreckung quasi automatisch hergestellt.
In Schweden gibt es den Vorschlag eines gemeinsamen nordischen Atomwaffenprogramms, möglicherweise zusammen mit Deutschland.
Ich würde diese ganzen Debatten in erster Linie wiederum als Ausdruck einer gewissen Verzweiflung sehen. Mechanismen, auf die man sich lange verlassen hat, stoßen an ihre Grenzen. Dass nun ausgerechnet in einem Land, das jahrzehntelang die nukleare Abrüstung stark unterstützt hat, nun über ein Atomwaffenprogramm nachgedacht wird, zeigt uns, wie sehr sich die Debatte verschoben hat.
Unsere "European Nuclear Study Group," die sich mit den verschiedenen nuklearen Optionen für Europa beschäftigt, veröffentlicht im Rahmen der Konferenz ihren Bericht. Wir kommen zum Schluss, dass keine Option attraktiv ist, dass wir aber nicht darum herumkommen, sie ernsthaft zu prüfen und die Kompetenzen aufzubauen, um eine europäische strategische nukleare Debatte erfolgreich führen zu können. Wir können das vertiefte Nachdenken über nukleare Abschreckung nicht mehr delegieren. Ich wünsche mir, dass wir von dieser oft oberflächlichen Diskussion, die vor allem Scheinlösungen gewissermaßen als Wunderpille verkauft, zu einer fundierteren politischen Auseinandersetzung gelangen, in dem die unterschiedlichen Optionen mit ihren jeweiligen Risiken genauer in den Blick genommen werden.
In diesem Jahr nimmt Friedrich Merz zum ersten Mal als Bundeskanzler an der MSC teil.
Merz war in seiner vorherigen Rolle immer wieder in München. Doch nun wird er zum ersten Mal als Bundeskanzler eine Grundsatzrede zur deutschen Außenpolitik halten.
Deutschland wird in den kommenden Jahren mehr als doppelt so viel für sein Militär ausgeben wie Frankreich. In Paris und Polen ist manchmal zu spüren, dass die Sorge vor deutscher Dominanz wieder hochkommt. Wie sollte Merz damit umgehen?
Merz hat nach meinem Dafürhalten in den vergangenen Monaten immer wieder betont, dass Deutschland ohne Europa keine Chance hat, sich in dieser Welt zu behaupten. Er hat auch klargemacht, dass deutsche Außenpolitik immer auch europäische Außenpolitik sein muss und dass es darum gehen kann, deutschen Einfluss zu nutzen, um Europa zu stärken. Ich glaube, er weiß sehr genau, dass eine Dominanz Deutschlands in einem schwächer werdenden Europa nicht im deutschen Interesse ist. Ein neuer Nationalismus wäre die größte Bedrohung für Deutschland. Daher tut Berlin gut daran, behutsam vorzugehen und auf seine Partner Rücksicht zu nehmen.
Bei der MSC wird in diesem Jahr ein neues Format für Kiew gestartet: das Ukraine House. Was will man mit dieser Plattform erreichen?
Es geht uns darum, gerade nachdem in den letzten Wochen und Monaten das Leiden der ukrainischen Zivilbevölkerung in diesem schrecklichen Winter zugenommen hat, den Fokus darauf zu legen, dass dieser Krieg nicht vergessen wird. Gleichzeitig möchten wir unseren ukrainischen Partnern und Regierungsvertretern aus der Ukraine eine Möglichkeit zum Austausch bieten, und zwar in verschiedenen Formaten - insbesondere durch zusätzliche Seitenveranstaltungen, Diskussionsrunden und eine Fotoausstellung.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die USA hätten eine Juni-Frist für Kiew und Moskau gesetzt, um den Krieg zu beenden - eine Aussage, die Matthew Whitaker, der US-Botschafter bei der Nato, beim MSC Kick-off zurückgewiesen hat. Glauben Sie nicht, dass ein Waffenstillstand ohne entsprechende Sicherheitsgarantien die Gefahr eines russischen Angriffs auf die östlichen Nato-Länder sogar noch erhöhen könnte?
Es kann nicht darum gehen, zu sagen, die Ukrainer sollten bitte weiterkämpfen, nur weil es für uns dann weniger gefährlich wäre. Aber es stimmt, dass die Ukraine gerade zwischen uns und Russland steht. Natürlich haben Europa - und bis vor Kurzem auch die USA - die Ukraine in den letzten Jahren mit erheblichen wirtschaftlichen Kosten unterstützt. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite muss man unserer Bevölkerung sehr deutlich sagen, dass die Ukraine Europa die ganze Zeit unterstützt hat, indem sie stellvertretend für Europa gekämpft hat. Denn Russlands Präsident hat weiterreichende Pläne für eine russische Einflusssphäre in Europa, die eben nicht in der Ukraine endet.
Die Befürchtung, die hier in Deutschland einige hegen - und auf die Wolfgang Ischinger ebenfalls hingewiesen hat - ist, dass man nach einem Friedensabkommen sofort wieder zum normalen Modus Operandi zurückkehrt. Dabei könnte die größte Gefahr für Europa dann jedoch erst drohen, wenn zu viele Menschen fälschlicherweise denken, dass die Gefahr mit einem Waffenstillstand gebannt sei.
Sie haben ein Zitat von Winston Churchill als Teil Ihres Profils auf X. Welche Botschaft hätte Churchill der Münchner Sicherheitskonferenz heute mitgegeben?
Das bekannte Zitat von Churchill zu den Vereinigten Staaten, bei denen man sich immer darauf verlassen könne, dass sie das Richtige tun, nachdem sie alles anderes ausprobiert haben, habe ich auf Deutschland umgemünzt, nachdem bei uns mal wieder eine Entscheidung sehr lange dauerte. Die Deutschen brauchen zwar oft mehr Zeit für die Entscheidungen, sind dann aber in vielerlei Hinsicht verlässlicher als viele andere.
Wir leben jedoch in einer Zeit der Krisen, an denen man aber auch wachsen kann. Gerade jetzt brauchen wir politische Entscheidungsträger, die glaubhaft verkörpern, dass wir einen klaren Plan haben und konkrete Schritte unternehmen, um wieder das Gefühl zu gewinnen, dass wir in der Lage sind, unser eigenes Schicksal zu gestalten. Insofern geht es auch darum, dieses Selbstbewusstsein zurückzugewinnen - das wäre eine starke Botschaft aus München.
Mit Tobias Bunde sprach Ekaterina Venkina