Politik

André Wüstner im Interview"Wir erleben den schwierigsten Umbau der Bundeswehr"

01.02.2026, 18:30 Uhr
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Januar 2026, Bundeswehrsoldaten der Panzerbrigade Litauen (Foto: picture alliance / photothek.de)

André Wüstner, Chef des Bundeswehrverbands, vermisst klare Worte aus der Politik - zu Trump, zu Putin und zur Bedeutung der Bundeswehr. Warum Soldaten oft gegen Regeln verstoßen müssen, und was Wüstners Oma mit alldem zu tun hat, erklärt er ntv.de.

ntv.de: Herr Wüstner, inzwischen beraten Vertreter der USA, Grönlands und Dänemarks über ein Abkommen. Hätten Sie US-Präsident Donald Trump die angedrohte Annexion auch zugetraut?

André Wüstner: Ich pflege auf unterschiedlichen Ebenen den Austausch – national sowie international. Aus diesen Gesprächen hatte ich schon vor zwei Wochen gefolgert, dass Trump in Davos nicht mehr militärisch drohen würde. Immerhin gab es auch in den USA viele Akteure, auch im Kongress, die sich gegen Trumps Grönland-Politik stark gemacht haben. Die Geschlossenheit der Europäer, die Reaktion auf den Finanzmärkten und schließlich die Umfragen in den USA haben die US-Administration zurecht nachdenklich werden lassen.

Somit können wir uns wieder hinlegen?

Sicher nicht. Zur Wahrheit gehört leider, dass man nie weiß, was Präsident Trump tatsächlich macht. Trump agiert erratisch und vor allem disruptiv. Unsere Herausforderung wird sein, einen Umgang damit zu finden. Gerade wir Deutschen sind so geprägt, dass wir uns an Gewohntem orientieren und gerne nach dem Motto leben: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Nicht nur aufgrund des brutalen Angriffskriegs von Wladimir Putin in der Ukraine, sondern auch des Agierens von Donald Trump sollte der Letzte verstanden haben: Unsere Weltordnung erodiert und wir müssen uns neu orientieren. Auch Donald Trump setzt auf knallharte Machtpolitik und damit auf das Recht des Stärkeren. Auf der politisch-militärischen Ebene waren die letzten drei Wochen eine Grenzerfahrung, aber noch verlieren wir die Zuversicht nicht.

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Seit 2013 ist André Wüstner Vorsitzender des Bundeswehrverbands. Der Oberst war mit der Bundeswehr im Kosovo und in Afghanistan im Auslandseinsatz.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Das Agieren des US-Präsidenten hat innerhalb der Nato viel Vertrauen gekostet, und Vertrauen ist die Grundlage für unser Verteidigungsbündnis. Dennoch hat niemand die Nato wirklich in Frage gestellt – und das gilt auch für die nukleare Abschreckung. Auf der militärischen Ebene ist das Bündnis nach meiner Wahrnehmung weiterhin stabil und voll leistungsfähig. Wir müssen dennoch damit rechnen, dass die USA ihre konventionellen Streitkräfte in Europa weiter ausdünnen. Entsprechend müssen wir Europäer selbst bestimmte Fähigkeiten mehr und schneller als bisher erlangen.

Hat Trump bei Grönland einen Punkt in Sachen Sicherheit?

Klar, aber das ist nichts Neues. Die Nato hatte die Bedrohung der Nordflanke schon längst im Auge und auch konzeptionell abgebildet. Wir kennen die Bedrohungslage und sehen, dass beispielsweise Putin nicht nur seine Eisbrecher-Flotte seit Jahren ausbaut und uns an der Stelle voraus ist. Deshalb hat Verteidigungsminister Boris Pistorius bereits mit Kanada, Norwegen und Dänemark eine Sicherheitspartnerschaft gegründet. Durch das Trumpsche Theater ist jedoch mehr als bisher deutlich geworden, dass es nicht nur bei Partnerschaften oder Worten bleiben kann. Die Nato muss zusätzlich in die sichtbare Verteidigungsfähigkeit auch mit Blick auf die Arktis investieren.

Wenn die Bedrohungslage aus dem Blick gerät, zitieren Sie öffentlich gern Ihre Oma.

"Schlimmer geht immer", hat sie gesagt. In diesem Sinne weise ich darauf hin, dass es nach Trump nicht automatisch besser laufen. Wir Europäer müssen verstehen, dass wir nachhaltig in unsere Sicherheitsarchitektur investieren und Abhängigkeiten von den USA reduzieren müssen.

Also zwei Baustellen – westlich und östlich?

Trotz aller Probleme und Verluste in der Ukraine gibt es keine Anzeichen, dass Putin von seinen imperialen Zielen ablässt. Seine Kriegswirtschaft sowie die Rekrutierung neuer Soldaten laufen auf Hochtouren, er baut parallel zum Krieg gegen die Ukraine wieder enorme Reserven auf. Wenn man den Ausbau des Propagandaapparats, der Geheimdienste oder die militärische Prägung der Jugend sieht - Stichwort Fahnenappelle und vormilitärische Ausbildung an den Schulen etwa - dann ist klar: Er bereitet sich auf einen langanhaltenden Konflikt mit dem Westen vor. Insbesondere wir in der EU sind für ihn der Feind, das sollten alle verstehen.

Zugunsten von mehr Beinfreiheit im Budget für Verteidigung hat Dänemark einen Feiertag gestrichen. Wäre das in Deutschland auch denkbar?

Seit 2022 spricht sich eine Mehrheit der Deutschen in Umfragen dafür aus, mehr in Sicherheit und Verteidigung zu investieren. Das heißt aber noch nicht, dass man auch bereit ist, persönlich dafür Abstriche zu machen. Der Politik ist es noch nicht gelungen, ausreichend zu erklären, was dieser fundamentale Wandel in der internationalen Ordnung bedeutet.

Speziell für Deutschland?

Gerade wir als Exportnation sind von einer guten Sicherheitsarchitektur und der daraus erwachsenden Stabilität mit Blick auf unseren Handel abhängig. Im Kern muss verstanden werden, dass wir Europäer bezogen auf Russland, China, Indien und die USA jetzt selbst mehr tun müssen. Jeder Einzelne von uns, auch in Deutschland. Und das bedeutet, dass es in der individuellen Wohlstandsentwicklung auch aufgrund der schwächelnden Wirtschaft vorerst nicht vorwärts, sondern vermutlich rückwärts geht. Selbst hervorragende politische Maßnahmen mit Blick auf unsere Volkswirtschaft werden Zeit benötigen, bis sie greifen. Da fehlt es mir noch an einer wirklich guten Kommunikationsstrategie. Allgemein, aber im Besonderen auch bezogen auf unsere Wehrhaftigkeit.

Inwiefern?

Wer die hybride sowie konventionelle Bedrohung beschreibt, sollte auch verständlich vermitteln, was dagegen zu tun ist - nicht nur mit Blick auf den Bevölkerungs- und Katastrophenschutz. Das eine sind Gesetze und Strukturen, die man anpassen muss. Anderseits geht es im Sinne unserer Resilienz sowie Gesamtverteidigungsfähigkeit um die Verantwortung eines jedes einzelnen Bürgers. Nicht zuletzt geht es um Personal für die Blaulichtorganisationen und für die Bundeswehr.

Das Interesse der Deutschen an ihrer Armee hat sich enorm gesteigert. Hilft das?

Es ist ein Unterschied, ob man der Bundeswehr nur freundlich gesinnt ist oder tatsächlich den Dienst als Freiwillig Wehrdienstleistender oder gar Soldat auf Zeit antritt. Auch Eltern ringen verständlicherweise um ihre Auffassung zum Dienst ihrer Kinder in der Bundeswehr. Ich bemerke in meinen Gesprächen, dass viele noch nicht erkannt haben, dass es mit dem Dienst in der Bundeswehr aktuell nicht darum geht, morgen Krieg zu führen. Vielmehr wollen wir abschrecken. Andere sollen es gar nicht erst wagen, über einen Angriff nachzudenken. Der bekannte Grundsatz lautet: Wer verteidigungsfähig ist, schreckt ab. Wer dies nicht ist, lädt ein. Und was die Frage nach dem Feiertag betrifft: Wenn eine Mehrheit unsere Lage, das Was, Wie und Wofür versteht, dann gehen Menschen auch entsprechende Einschnitte mit, vielleicht auch die Streichung eines Feiertags. Dazu müsste Politik parteiübergreifend jedoch klarer als bisher unsere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage erläutern und letztlich mutig entscheiden.

Kommt das Bewusstsein von Dringlichkeit auch in der Truppe an?

In der Truppe haben alle verstanden, worum es geht. Wir müssen aus einer nahezu entkernten Armee, die 2011 mit Aussetzung der Wehrpflicht reduziert und nur noch für die Kontingentstellung in Einsätzen wie Afghanistan oder Mali optimiert wurde, wieder schnelle, starke Streitkräfte aufbauen. Voll fähig zur Landes- und Bündnisverteidigung. Der dafür notwendige Fähigkeitsaufbau ist auch angesichts der angestiegenen Aufträge im Bündnisgebiet enorm anspruchsvoll. Es braucht gute Führung, damit uns die Truppe nicht um die Ohren fliegt. Wir erleben gerade den schwierigsten, aber dringend notwendigen Umbau unserer Bundeswehr.

Was passiert konkret?

Unabhängig von den bereits angestoßenen Maßnahmen wird gerade die Verteidigungs- und Friedensaufstellung er- und überarbeitet. Diese werden weiteren Veränderungsbedarf aufzeigen. Es muss zwingend auch der Übergang zu einer Wehrpflichtarmee geplant werden - ob und wann man sich dazu politisch entscheidet, wird man sehen.

Der freiwillige Wehrdienst reicht aus Ihrer Sicht nicht?

Vorerst reicht er bestimmt. Für den schnelleren Aufwuchs fehlt es ja auch noch an einer Menge Infrastruktur, welche allerdings bis 2028 geschaffen werden soll. Blicke ich aber auf die Nato-Zusagen und die damit verbundenen Personalbedarfe, dann kann ich mir ein reines Setzen auf Freiwilligkeit nach wie vor nicht vorstellen.

Warum nicht?

Aus kurzdienenden Wehrdienstleistenden gewinnen wir in erster Linie künftige Reservisten. Für eine starke Armee kommt es aber darauf an, mehr Zeit- und Berufssoldaten zu gewinnen. Sie sind es, die junge Rekruten ausbilden, zulaufendes Material aufnehmen, Innovation vorantreiben, komplexe Waffensysteme bedienen und die Fähigkeiten unterfüttern, die wir an der Bündnisgrenze schon heute brauchen. Für den Aufwuchs bei den Berufssoldaten reicht Freiwilligkeit, so fürchte ich, nicht aus.

Um junge Freiwillige für die Berufsarmee zu begeistern, hilft es ja sehr, wenn die Panzer rollen, die Funkgeräte funken, und jeder ein eigenes Gewehr hat.

Die Truppe ist verständlicherweise ungeduldig. Boris Pistorius weiß um den Zeitdruck. Für die Soldatinnen und Soldaten bedeutet das: improvisieren. Das lernt man als Soldat vom ersten Tag an. Übertriebene Zentralisierung und Bürokratisierung bremsen noch enorm, die müssen schnellstmöglich abgebaut werden. Glücklicherweise kennt die Truppe den sogenannten "kleinen Dienstweg" und weiß sich zur Not auch mal im Handlungsfeld der "brauchbaren Illegalität" zu bewegen. Das heißt, zur Zielerreichung mal abseits von aus der Zeit gefallenen Vorschriften zu agieren. In einzelnen Bereichen ist das der einzige Weg, um tatsächlich optimal und schnell die Einsatzbereitschaft zu steigern.

Schafft Boris Pistorius die Mammutaufgabe Bundeswehr?

Nicht allein, sondern nur mit Unterstützung der gesamten Bundesregierung und des Parlaments. Auch wenn ich aus meiner Rolle heraus stets auf die noch enormen Defizite hinweisen muss, wurden in den letzten zwei Jahren viele wichtige und richtige Entscheidungen getroffen. Ob Boris Pistorius mit Blick auf die Bundeswehr erfolgreich sein wird, hängt davon ab, ob er mutig die richtigen Schlüsse aus der veränderten Lage, Stichwort Trump, und der im zweiten Quartal zu erarbeiteten Verteidigungssaufstellung zieht und diese nicht nur mit Blick auf das Personal gesetzlich angeht.

Hat der Minister die Unterstützung des Kanzlers?

Die muss er haben, schließlich hat Friedrich Merz das Ziel ausgegeben, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas auszubauen. Der sicherheitspolitische Kompass der Regierung ist intakt. Ich hoffe, dass es gelingt, den europäischen Partnern noch mehr als bisher die Dringlichkeit zur Stärkung unserer Sicherheitsstruktur aufzuzeigen und sie für gemeinsame Anstrengungen zu motivieren. Denn wenn ich hier von Defiziten in unserer Bundeswehr spreche, sind diese bei einigen unserer Bündnispartner noch weitaus größer. Vermutlich ist das einzig Positive an der aktuellen Situation, dass die Europäer zunehmend verstehen, was die Stunde geschlagen hat – und ihre Streitkräfte nachhaltig stärken.

Mit André Wüstner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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