Politik

Die SPD darf wieder SPD sein Sie lieben ihren "Martin" noch immer

Für die SPD ist das Ergebnis der Bundestagswahl ein Debakel. Mit knapp 21 Prozent fährt sie ein historisch schlechtes Ergebnis ein. Paradoxerweise freuen sich die SPD-Mitglieder aber über den Gang in die Opposition.

Julian Kellermann starrt auf sein Handy. Die Prognosen machen ihm Sorgen, die schon vor 18 Uhr die Runde machen. Demnach könnte die SPD bei der Bundestagswahl noch schlechter abschneiden als gedacht. Trotzdem gibt sich das Parteimitglied optimistisch, wiederholt den Satz, den Martin Schulz auf seiner Wahlkampftour Tausende Male in die Menge gerufen hat: "Noch ist die Wahl nicht entschieden."

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Am Nebentisch sitzen die beiden Jungsozialisten Daniela Sepehri-Fard und Moritz Scholz und diskutieren über die vergangenen Wochen. Schulz wird ihnen später in seiner Rede besonders überschwänglich für ihren Einsatz danken. An Tausende Türen haben sie geklopft, verteilten Flyer und waren an Infoständen präsent. Wahlkampf schweißt zusammen, dabei erlebten sie auch lustige Momente. "Wir sind mit einem riesigen Helium-Ballon und SPD-Logo in die U-Bahn eingestiegen. Die Leute fanden es witzig und haben es gefilmt", sagt Sepehri-Fard. Trotzdem seien sie froh, dass der Wahlkampf vorbei ist. Aber: "Für mich ist es eine Pflicht, jetzt entweder mit der Partei zu weinen oder mich über ein gutes Ergebnis zu freuen", so Scholz.

Ein wenig verloren sitzen drei junge Herren in Anzügen an einem der Biertische vor dem Willy-Brandt-Haus. Dort liegen Hunderte nicht aufgeblasene rote Luftballons und Gummibärchentüten mit Martin-Schulz-Konterfei. Die Anzugträger kommen aus Österreich von der Schwesterpartei SPÖ. Der Blick aus dem Nachbarland auf die jetzt schon sich abzeichnende Misere der SPD ist klar und nüchtern: "Es wäre extrem bitter, wenn die AfD mit ihrem Ergebnis nahe an das der SPD herankäme", sagt Marcus Schober aus Wien. Warum es aber am Ende genauso kommt, kann der Wiener Landtagsabgeordnete jetzt schon erklären: "Die sozialdemokratischen Parteien haben in den letzten zehn Jahren versäumt, auf die Weltwirtschaftskrise zu reagieren. Sie haben keine Geschichte mehr erzählt, sie hinken hinterher", meint Schober. Umso tragischer, weil auch er beim Aschermittwoch in Vilshofen den Schulz-Hype selbst gespürt habe.

"Wir sind das Bollwerk der Demokratie"

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Es ist ein Erdbeben für die Partei, doch SPD-Chef Schulz scheint es unangefochten zu überleben.

(Foto: imago/photothek)

Schulz macht bis heute anscheinend niemand in der SPD für diese historische Niederlage verantwortlich. "Wenn er nachher ans Mikro tritt, wird er sich nichts vorzuwerfen haben", sagt zum Beispiel Immo Braune aus Schleswig-Holstein. Als Schulz um Punkt 18.30 Uhr ans Rednerpult im Willy-Brand-Haus kommt, brandet tatsächlich großer Applaus auf. Dabei ist der rote Balken der Fernsehprognosen bei knapp über 20 Prozent stehengeblieben - ein Schock. "Ich will nicht drumrumreden: Wir haben unser Wahlziel verfehlt", sagt Schulz und kündigt den Gang in die Opposition an. Die Mitglieder klatschen und jubeln erleichtert, so, als ob die SPD erst jetzt endlich wieder SPD sein dürfte.

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Dann sagt Schulz: "Wir werden mit dieser Prozentzahl, die uns nicht freut, für unsere Prinzipien und für unsere Werte der Toleranz, des Respekts und des Gemeinsinns in der nächsten Wahlperiode kämpfen." Hier scheinen die knapp 21 Prozent schon fast vergessen. Noch lauter wird es, als Schulz der AfD den Kampf ansagt. "Wir werden unseren Kampf für Demokratie, für Toleranz, für Respekt, weiterführen, vom heutigen Tag an mit ganzer Kraft, mit Vehemenz und mit Leidenschaft. Und lasst mich hinzufügen: Im Lichte des Wahlergebnisses der extremen Rechten nicht nur mit Vehemenz und Leidenschaft: mit all unserer Kraft. Wir sind das Bollwerk der Demokratie!" ruft Schulz den johlenden Anhängern zu. Jetzt scheinen die SPD-Mitglieder ihren Vorsitzenden wirklich wieder genauso wie damals beim 100-Prozent-Ergebnis zu lieben.

Die SPD-Minister freuen sich weniger

Schulz verspricht auch noch eine Runderneuerung der SPD - unter seiner Führung. Einige rufen jetzt "Martin, Martin, Martin!" Die Begeisterung kennt kaum noch Grenzen, als Schulz die Groko aufkündigt. Spätestens jetzt könnte man vergessen, dass die SPD gerade eine historische Schlappe kassiert hat - wären da nicht die Gesichter in der Runde des SPD-Vorstands, der sich um Schulz herumgruppiert hat. Bei Andrea Nahles zucken zwar hin und wieder die Mundwinkel nach oben, Manuela Schwesig guckt aber versteinert, Malu Dreyer sehr ernst, Heiko Maas hat eine Grabesmiene aufgesetzt. Ganz hinten in der Mitte, kaum zu sehen, steht Sigmar Gabriel. Sein Gesicht ist das finsterste der Runde. Es könnte an der Spitze liegen, die Schulz gegen ihn setzt. "Ich bin angetreten, um die bisherige Regierung und die bisherige Kanzlerin abzulösen. Das ist der Grund, warum ich nicht in diese Regierung eingetreten bin als Minister." Jeder weiß: Gabriel wäre gerne Außenminister geblieben.

Eines hat Schulz mit seiner Ansprache erreicht: Draußen an den Bierbänken wird zwar nicht gefeiert, aber die SPD-ler wirken gefasst. "Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen", gibt Mechthild Rawert, Direktkandidatin für den Berliner Wahlkreis Tempelhof zum Besten. Es sei "in Ordnung", dass Schulz weitermachen wolle. Aber: "Den Prozess, den er angekündigt hat, wollen wir genau definieren."

Das abgesperrte Gelände rund um das Willy-Brandt-Haus leert sich schnell. Dirk Böhning schaut sich noch Merkels Rede auf einer Leinwand an. Am Vormittag ist er noch beim Berliner Marathon dabeigewesen und hatte sich über seine Laufzeit gefreut, jetzt sei er "schockiert", so der 50-Jährige. Von dem Wechsel in die Opposition hält er trotzdem nichts. "Die SPD hat immer noch knapp über 20 Prozent der Stimmen bekommen und kann sich jetzt nicht einfach aus der Regierungsverantwortung ziehen", sagt der Berliner. Auch Moritz Scholz macht sich bereits auf den Weg nach Hause. Das Juso-Mitglied wirkt gefasst, aber in Partystimmung ist er nicht mehr. Vorher will der Gymnasiast noch schnell in den Wahlkreis nach Schönefeld fahren. "Nur um zu wissen, ob es wenigstens die Direktkandidatin in den Bundestag geschafft hat."

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Quelle: n-tv.de

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