Politik

Krankenhäuser in Corona-Krise "Situation ist entspannter als vor einem Jahr"

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Deutschlandweit sind 11.245 von 26.457 Intensivbetten frei.

(Foto: imago images/Markus van Offern)

In Deutschlands Krankenhäusern werden etliche Intensivbetten für Corona-Patienten vorgehalten - und bleiben leer. Von einem Notzustand ist vielerorts nichts zu spüren. Mediziner wollen zurück zum Normalbetrieb, um andere Schwerkranke zu retten.

Mitte März bereiteten sich Deutschlands Krankenhäuser auf Horrorszenarien wie in Italien oder Spanien vor. Die derzeitige Situation sieht aber anders aus. Die Infektionszahlen hat man im Griff. Und die Krankenhäuser stehen für Notfälle bereit - mehr als das: Mediziner beklagen, dass Intensivplätze vermehrt frei bleiben. Diese müsste man nun aber für andere Patienten nutzen und den regulären Klinikbetrieb schrittweise wieder hochfahren - denn sonst sind unabhängig von Covid-19 Menschenleben in Gefahr.

Laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sind deutschlandweit 11.245 von 26.457 Intensivbetten frei (Stand 16. April 12 Uhr), Reservebetten noch nicht mitgezählt. "Bis auf wenige Ausnahmen besteht keine Notsituation mehr. Wir haben in allen Bundesländern freie Kapazitäten", sagt der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, gegenüber ntv.de. Die freien Betten seien "eine sehr gute Reserve im Verhältnis zu Covid-Patienten, die beatmet werden müssen". 1945 von 2614 in Krankenhäusern behandelten Covid-Patienten benötigen laut DIVI derzeit Beatmungsanlagen.

"Entspannte Situation in den Krankenhäusern"

Italienische Verhältnisse? Im Gegenteil. Es gäbe lediglich "punktuelle Hot-Spots", so Gaß. Wenn einzelne Krankenhäuser derzeit ausgelastet seien, dann läge das daran, dass sich in der Nähe beispielsweise ein betroffenes Seniorenzentrum befinde oder viele Krankenhausmitarbeiter erkrankt seien. "Abgesehen davon haben wir eine entspannte Situation in den Krankenhäusern. Sogar entspannter als vor einem Jahr zum gleichen Zeitpunkt", sagt der DKG-Präsident.

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Gähnende Langeweile herrsche im Krankenhaus zwar nicht. Aber über die verschiedensten Fachdisziplinen gäbe es flächendeckend einen Rückgang an Patienten und damit weniger zu tun. "Die Chirurgen stehen normalerweise im OP und operieren Patienten", so Gaß. "Wenn diese jetzt aber nicht da sind, herrscht jetzt eine objektive Unterbeschäftigung bei den Chirurgen." Man hätte den Aufbau der Intensivkapazitäten und Beatmungsplätze und das Umorganisieren seit Februar, in dem beispielsweise Mitarbeiter in Schulungen geschickt, Dienstzeiten neu reguliert und Patienten abbestellt wurden, erfolgreich abgeschlossen. Deshalb müsste nun "eine schrittweise Wiederaufnahme der Regelversorgung" erfolgen.

"Sonst gefährdet man Menschenleben"

Denn die entspannte Lage in den Krankenhäusern besteht aus einem besorgniserregenden Grund: Die Aufrufe von Kanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Jens Spahn und den Ministerpräsidenten an die Krankenhäuser, Leistungen, die medizinisch nicht dringend notwendig sind, jetzt nicht durchzuführen, hätten laut Gaß dazu geführt, "dass viele Patienten auf den Wartelisten stehen oder nicht ins Krankenhaus kommen wollen - aus Sorge vor Infizierungen oder weil sie Covid-Patienten keinen Platz wegnehmen wollen." Beispielsweise 30 bis 40 Prozent weniger Fälle mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall kämen derzeit in die Kliniken.

Thomas Münzel, Chefarzt am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz, erklärt gegenüber ntv.de, wie bedrohlich diese Situation ist: "Menschen, die an einem drohenden Herzinfarkt oder Schlaganfall leiden, haben zwar ihre Beschwerden, aber stellen diese hinten an." So würden dringende Symptome nicht ernst genug genommen, und die Leute kämen folglich erst zu spät ins Krankenhaus. "Aber bei diesen Patienten zählt jede Minute", warnt Münzel. In seiner Klinik gäbe es nun vermehrt Komplikationen durch das Zuspätkommen, Herzscheidewände würden einreißen oder Patienten eine Herztransplantation benötigen. "Die, die kommen, bei denen ist das allerhöchste Eisenbahn. Das ist schon dramatisch. Insofern sollten wir jetzt Kapazitäten freigeben und den Regelbetrieb etwas hochfahren."

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Besonders über die Praxen würden wenige Patienten eingeliefert, weil diese teilweise geschlossen seien oder auch dort die Patienten weniger hingingen, sagt der Kardiologe: "Die Menschen warten jetzt, bis es nicht mehr geht und irgendwann der Notarzt kommen muss." Er würde am liebsten eine Aufmerksamkeits-Kampagne von der Politik sehen, die der Gesellschaft mitteilt: Wenn ihr Brustschmerzen habt, wartet nicht ab, sondern kommt sofort. Die Ärzte sind da und kümmern sich. "Es wäre jetzt ein Fehler, für die medizinischen Bereiche, wo Zeit ein wichtiger Faktor ist, die freien Kapazitäten nicht zu nutzen", mahnt Münzel. "Sonst gefährdet man Menschenleben."

"Schieben eine Bugwelle von Patienten vor uns her"

Andere, die unter der derzeitigen Lage leiden, sind Krebspatienten. Normalerweise gibt es für sie in Deutschland keine Wartezeiten. Das funktioniert heute in dem Maße nicht mehr. "Wenn entschieden wird, dass es nicht so ein schnell wachsender Krebs ist, wird die Behandlung schon mal Wochen oder Monate zurückgestellt", sagt DKG-Präsident Gaß. "Für den Patienten ist das auch psychisch eine dramatische Lage und eine hohe Belastung." Er hofft deshalb dringlich auf ein Signal aus der Politik.

Aber die Weisungen und Verordnungen von Bund und Ländern, in denen die Krankenhäuser aufgefordert werden, nicht unbedingt notwendige Behandlungen derzeit nicht durchzuführen und Kapazitäten freizuhalten, gelten weiterhin. Über die Öffnung von Geschäften und Schulen wird zwar diskutiert, aber die Kliniken fasst die Politik derzeit nicht an. Ein Fehler? "Wir schieben eine Bugwelle von Patienten vor uns her, die irgendwie abgearbeitet werden muss", warnt Gaß. Eine Welle von zu behandelnden Fällen, die nichts mit dem Coronavirus zu tun haben - die aber auch geschwächt werden muss, damit die Krankenhäuser nicht irgendwann überfordert werden.

Wann handelt die Politik?

Für den Fall, dass es wieder deutlich steigende Infektionszahlen mit dem Coronavirus geben sollte, könnte schnell darauf reagiert werden. "Wir wissen, dass wenn die Infektionszahlen morgen ansteigen würden, wir dann im Zeitversatz von zwei Wochen steigende Patientenzahlen in den Krankenhäusern hätten", sagt der DKG-Präsident. So lange dauert es, bis ein Infizierter so schwer erkrankt, dass er ins Krankenhaus muss - falls das überhaupt nötig ist. "Es ist nicht so, dass morgen die Infektionszahlen hochgehen und übermorgen die Patienten in die Krankenhäuser kommen."

Dieser Zeitversatz würde den Kliniken ermöglichen, bei einer neuen Corona-Welle den Normalbetrieb wieder zurückzuführen und auf die Ausnahmesituation von heute zurückzuschwenken. Mit dem Rauswurf aus Intensivbereichen müssten Nicht-Covid-Infizierte dann auch nicht rechnen, weil es laut Gaß "in den Krankenhäusern eine Durchschnittsverweildauer von sieben Tagen gibt". Führte man einen Aufnahmestopp von regulären Patienten wieder ein, hätte man sukzessive auch wieder die freien Kapazitäten für die Covid-Infizierten zur Verfügung.

Handele die Politik jetzt nicht, so DKG-Präsident Gaß, nehme man weiter "Kollateralschäden in Kauf". Das sei Mitte März richtig gewesen, weil man Bilder aus Italien vor Augen gehabt habe. "Jetzt wissen wir aber, dass wir die Infektionszahlen im Griff haben und damit die Behandlungsnotwendigkeit im Krankenhaus unter Kontrolle", sagt er. Die anderen Patienten dürften jetzt schlichtweg nicht mehr ignoriert, sondern müssten versorgt werden. "Man muss jetzt eine andere Risikoabwägung treffen. Wir haben die Kapazitäten, die muss man jetzt auch nutzen." Von den 11.000 freien Intensivbetten könnte man 5000 frei lassen. "Aber die Krankenhäuser jetzt weiter im Stand-by zu lassen, finde ich der Situation nicht angemessen."

Quelle: ntv.de