Politik

Nasse Füße und nackte BäumeSo ändert der Winter die Kriegsstrategien der Russen und Ukrainer

07.02.2026, 16:53 Uhr verstlVon Lea Verstl
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"Der Winter birgt große Herausforderungen für die Soldaten. Sie müssen aufgrund der Kälte und der Nässe viel mehr Aufmerksamkeit darauf lenken, die persönliche Kampfkraft zu erhalten", sagt Reisner. (Foto: picture alliance / abaca)

Drohnen können schnell Soldaten erspähen, wenn die Bäume kein Laub mehr tragen. Nur ein Beispiel dafür, wie der Winter die Kämpfe in der Ukraine beeinflusst. Kiews Truppen bleibt der Rückgriff auf Innovation, um sich gegen die strategische Initiative der Feinde zu wehren.

Das frostige Wetter ist eine Katastrophe für die ukrainische Zivilbevölkerung. Denn der russische Terror hält an. Moskaus Truppen bomben die Menschen aus ihren Häusern, bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Die kurze Feuerpause, die der Kreml US-Präsident Donald Trump zugesagt hatte, war eine reine PR-Aktion, die kaum etwas gebracht hat. "Das kurze Innehalten der Russen hat nur für Kiew gegolten, die Angriffe auf andere Städte sind unvermindert weitergegangen. Im gesamten Januar gab es jeden Tag Angriffe, meistens von mindestens 100 Drohnen", sagt Markus Reisner, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer, ntv.de.

Russland verfolgt also nach wie vor das Ziel, die Ukrainer zu zermürben. Dabei hilft die Kälte. Allerdings werden auch die Russen von den Witterungsbedingungen im harten ukrainischen Winter beeinflusst – und passen ihre Strategie entsprechend an.

"Der Winter birgt große Herausforderungen für die Soldaten. Sie müssen aufgrund der Kälte und der Nässe viel mehr Aufmerksamkeit darauf lenken, die persönliche Kampfkraft zu erhalten", sagt Reisner. Deswegen versuchten russische und ukrainische Soldaten bereits im Spätsommer Stellungen zu erreichen, die wintertauglich sind. Wer im zickzackförmigen Schützengraben auf offenem Gelände steht, bekommt schnell nasse Füße, wenn der Schnee fällt. Städte und Dörfer sind deshalb beliebt. Keller seien besonders gefragt - sogar in zerstörten Häusern – da sich die Truppen darin relativ ungestört auf die kalte Jahreszeit vorbereiten könnten, sagt Reisner.

"Verletzte haben viel geringere Überlebenschancen"

Dass die Bäume im Winter keine Blätter mehr tragen, beeinflusst die Kämpfe erheblich, da der Krieg zu einem großen Teil mit Drohnen geführt wird. Diese Drohnen fliegen dort, wo der Gegner vermutet wird, um Truppenbewegungen aufzuklären. "Ohne das schützende Laubdach gibt es kaum Bewegungen, die nicht direkt von Drohnen entdeckt werden. Allerdings sind die russischen Kommandeure wesentlich kompromissloser als die ukrainischen: Sie schicken relativ viele Soldaten im umkämpften Gebiet vor, wohl wissend, wie ungeschützt die Männer dann sind", sagt Reisner.

Das ist seit Beginn der Invasion bezeichnend für die russische Kriegsführung: Der Kreml hat kein Problem damit, Soldaten als Kanonenfutter zu missbrauchen. Aber auch Moskau verfügt nicht über unendliches Personal für sein Militär. Die Russen versuchten deshalb, Tarnumhänge zu entwickeln, die Wärmeabstrahlung verhindern sollen, sagt der österreichische Oberst. Drohnen erspähen Soldaten aufgrund der Körperwärme.

Generell zielten beide Kriegsparteien darauf, bei einem Vorstoß so wenig Soldaten wie nötig auf einer möglichst großen Fläche zu verteilen - in der Hoffnung, der eine oder andere könnte so zu den Gegnern vordringen. Meist geschieht dies jedoch auf offenem Gelände, was zur Folge hat, dass viele Soldaten erfrieren, weil sie keine winterfeste Stellung erreichen. Hinzu kommt die schwierige Sanitätsversorgung. "Verletzte haben in der kalten Jahreszeit viel geringere Überlebenschancen, weil sie sofort auskühlen und dann, wenn sie nicht geborgen werden können, der Tod rasch eintritt", sagt Reisner.

"Ukraine kommt nicht aus Abnutzungslogik heraus"

Der Winter lähmt also das Kriegsgeschehen, zumindest mit Blick auf Bodenoffensiven. In der Luft toben die Kämpfe aber weiter - und die Russen behalten die Oberhand. "Die russischen Streitkräfte sind unverändert in der strategischen Initiative - und das seit der erfolgreichen ukrainischen Herbstoffensive im Jahr 2022", sagt Hendrik Remmel, Militäranalyst bei der Bundeswehr-Denkfabrik German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS). "Das bedeutet: Dieses Abnutzungskalkül, also ein hoher Kräfteansatz mit hohen Feuerraten, der zwar eigene Verluste in Kauf nimmt, aber vor allem Verluste bei dem Gegner generiert, ist probat, weil die Ukrainer derzeit kein Gegenmittel haben, um aus dieser Abnutzungslogik herauszukommen", so Remmel gegenüber ntv. Die Ukraine habe nur begrenzten Spielraum, aber dennoch Möglichkeiten, die russischen Truppen weiter in Schach zu halten.

Zuvorderst muss die Ukraine laut Remmel versuchen, den Russen möglichst viele und schmerzhafte Verluste zuzufügen und die eigenen zugleich gering zu halten. Zudem sollte sie den Abstand zu den personell überlegenen Russen ausbauen, um eine Verzahnung zu vermeiden. Je mehr Distanz hergestellt wird, desto besser können ukrainische Streitkräfte auf neue Angriffsachsen der Russen reagieren. Auch die Präzision der russischen Treffer sinkt mit dem Abstand.

Remmel zufolge kann die Ukraine auch ihre technische Innovationskraft weiter ausschöpfen. "Es kommt darauf an, im Bereich der Infanterie, Logistik, Kampfführung, Aufklärung sowie der Minenverlegung und -entschärfung so umfassend wie möglich an autonome oder zumindest unbemannte Systeme abzugeben", so Remmel. Ihm schwebt etwa ein autonomes oder unbemanntes System für den Einsatz von Maschinengewehren im Grabenkampf vor. Das könnte der Ukraine den Umgang mit ihrem Personalproblem erleichtern, indem sie ihre Soldaten vermehrt schonen kann.

Quelle: ntv.de

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