Politik

Wachstumseinbußen seit 2016 So trifft der Brexit Deutschland

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Britische Unternehmen haben 2019 so viele neue Jobs in Deutschland angemeldet wie noch nie.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Brexit ist besonders für Deutschland mit einem wirtschaftlichen Einschnitt verbunden. Mit Großbritannien geht eine der größten Volkswirtschaften in der EU. Die deutsche Wirtschaft ist gezwungen, sich neue Märkte zu erschließen. Doch Experten prognostizieren auch positive Folgen.

Das Vereinigte Königreich ist in den vergangenen drei Jahren seit dem Brexit-Referendum 2016 von Platz fünf auf Platz sieben der wichtigsten Handelspartner Deutschlands gerutscht und wurde etwa von Polen überholt. "Insbesondere bei den Exporten ist in dem Zeitraum ein deutlicher Rückgang von minus sechs Prozent zu verzeichnen, während die Ausfuhren in die anderen Länder Europas um fast sieben Prozent gestiegen sind", erklärt der DIHK.

2015 - dem Jahr vor dem Referendum - wurden noch Waren im Rekordwert von 89 Milliarden Euro auf die Insel geliefert. Seither geht es kontinuierlich bergab. Für 2019 zeichnet sich ein erneuter Rückgang auf etwa 80 Milliarden Euro ab - offizielle Daten dafür liegen erst im Februar vor.

Die langwierigen Unsicherheiten über den Austrittszeitpunkt und die Modalitäten des Brexit haben das deutsche Wachstum seit dem Referendum um durchschnittlich 0,2 Prozentpunkte jährlich niedriger ausfallen lassen. Das ergaben Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Insgesamt belaufen sich die Wachstumseinbußen somit auf etwa 0,8 Prozentpunkte seit Juni 2016", fasst das Institut zusammen. So hat das Brexit-Hickhack nicht nur den Exporteuren das Geschäft verdorben, sondern auch viele Investitionen gebremst.

Deutsche Jobs gefährdet?

In Deutschland sind laut DIHK rund 750.000 Arbeitsplätze vom Export nach Großbritannien betroffen. Zudem beschäftigen deutsche Unternehmen 400.000 Mitarbeiter in Großbritannien in 2500 Niederlassungen. "Durch den Austritt werden Wertschöpfungsketten unterbrochen, Unternehmen im Unklaren gelassen", warnt der DIHK vor ungewissen Folgen."160 Milliarden Euro Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in Großbritannien befinden sich in der Schwebe." Die aktuell anberaumten zehn Monate Übergangszeit für ein notwendiges Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien sieht der Verband "eng bemessen für die Vielzahl der anstehenden, abstimmungsbedürftigen Themen".

Die Bundesagentur für Arbeit äußerte sich dagegen weniger skeptisch. Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU werde sich allenfalls leicht und zeitlich begrenzt auf den Jobmarkt auswirken. "Keine Panik, was den Brexit auf dem deutschen Arbeitsmarkt angeht", sagte BA-Chef Detlef Scheele.

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Im Zuge des britischen EU-Abschieds gibt es aber auch neue Stellen in der Bundesrepublik. Vor dem nahenden Brexit haben britische Unternehmen 2019 so viele neue Jobs in Deutschland bei der bundeseigenen Agentur für Standortmarketing angemeldet wie noch nie. Bei 23 Neuansiedlungen sollen 680 Arbeitsplätze geschaffen werden - mehr als in den beiden Vorjahren zusammen, sagt der Geschäftsführer von Germany Trade and Invest (GTAI), Robert Hermann. Bei den Wirtschaftsfördergesellschaften der 16 Bundesländer sehe der Trend ähnlich positiv aus, doch lägen konkrete Zahlen für die Gesamtentwicklung erst im Frühjahr vor.

Londoner Finanzfirmen wechseln nach Frankfurt

Zu einem Teil gehe das gesteigerte Interesse der britischen Unternehmen am Standort Deutschland auf den EU-Abschied am Freitag zurück. "Für viele Firmen geht es aber nicht darum, Lager hier aufzubauen, um drohende Zölle zu umgehen", sagte Hermann. So komme rund ein Drittel der Unternehmen aus der Branche für Unternehmens- und Finanzdienstleistungen sowie knapp ein Viertel aus dem Software- und IT-Bereich.

Mehr als 30 ausländische Banken kommen wegen des Brexit nach Frankfurt, wie eine Untersuchung der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) zeigt. "Da kann kein anderer Bankenplatz mithalten", sagt Helaba-Analystin Ulrike Bischoff. Finanzfirmen, die bislang in London arbeiten, müssen wegen des britischen EU-Austritts auch ein Standbein in Kontinentaleuropa aufbauen, damit sie künftig noch ihre Dienstleistungen anbieten können. Wegen des Brexit dürften in den Frankfurter Bankentürmen bis Ende 2021 etwa 3500 neue Stellen entstehen, so die Helaba. Parallel zur Verlagerung von Finanzgeschäften weg aus London gebe es aber auch Neueröffnungen von Büros in der Finanzmetropole an der Themse. Unter dem Strich dürfte die britische Hauptstadt aber erst einmal mehr Stellen verlieren als neue hinzugewinnen.

Quelle: ntv.de, Rene Wagner, rts