Politik

Lob für Umgang mit Corona-Krise? So urteilt das Ausland über Deutschland

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Kanzlerin Angela Merkel kommt bei vielen im Ausland gut an.

(Foto: via REUTERS)

Wie schlägt sich Deutschland im internationalen Vergleich mit der Pandemie? Im Ausland heißt es: Gut. Besonders Kanzlerin Merkel erhält viel Lob. Doch nicht alles haben die Deutschen in den Augen der Nachbarländer richtig gemacht.

Deutschland zählt mit rund 70.000 bestätigten Corona-Infektionen zu den Ländern, die neben Italien und Spanien in Europa am stärksten von der Pandemie betroffen sind. Vergleichsweise wenige Menschen sind bisher an den Folgen der Krankheit gestorben. Mit einer Sterberate von einem Prozent liegt die Zahl in Deutschland weit unter der von Italien (11,4 Prozent), Spanien (8,7 Prozent) und Frankreich (6,8 Prozent). Das hat im Ausland für Verblüffung gesorgt, mehrere Medien haben darüber berichtet. Aber nicht nur damit überzeugt Deutschland in Zeiten von Corona. Anerkennung gibt es vor allem für das Krisenmanagement von Kanzlerin Angela Merkel.

"Die Kanzlerin wird im Ausland vor allem für ihre Ruhe und Unaufgeregtheit gelobt", sagt Martin Bialecki, Chefredakteur der Zeitschrift "Internationale Politik" und Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, ntv.de. Merkels Erfahrung als Krisenmanagerin aus mehr als 14 Jahren an der Regierungsspitze werde ihr zugute gehalten. In den USA, Frankreich und Großbritannien ernte sie vor allem Anerkennung für ihre große Professionalität.

Gelobt werde sie auch für ihre Faktentreue, zitiert Bialecki ausländische Medien. Hinzu komme in vielen Berichten der Hinweis, dass Merkel ausgebildete Wissenschaftlerin sei, was ihre Glaubwürdigkeit erhöhe. "Im Gegensatz zu anderen vermeidet sie außerdem strikt jede Rhetorik à la Krieg gegen das Virus, sondern orientiert sich an dem aus ihrer Sicht Notwendigen und Begründbaren; das wird von vielen sehr positiv aufgenommen."

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Zahl der Intensivbetten "beeindruckend"

Deutlich zeigte sich das nach Merkels Rede an die Nation am vergangenen Mittwoch. Die britische Zeitung "Independent" würdigte diese als "sachlich und ruhig, eher argumentierend als mitreißend, eine Botschaft, die ins Schwarze trifft." Mit dem Ausbruch des Coronavirus bekräftige Merkel ihre "traditionellen Stärken und prägt die Innenpolitik nach zwei Jahren, in denen ihr Stern zu verblassen schien," heißt es in dem Bericht. Der ehemalige britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt fand ebenfalls lobende Worte für den deutschen Umgang mit der Pandemie. Dieser sei vorbildlich, so Hunt. Großbritannien solle sich ein Beispiel daran nehmen, die Bevölkerung mehr auf den Erreger Sars-CoV-2 zu testen.

Auch das deutsche Gesundheitssystem genießt im Ausland einen guten Ruf. "Es wird von allen Seiten sehr gelobt", sagt Bialecki. "Vor allem von den Amerikanern, was nicht verwunderlich ist. Das deutsche System ist für jeden da, so etwas existiert in den USA ja gar nicht. Andere beschreiben als großen Vorteil, wie dezentralisiert das deutsche System ist." Im Vergleich zu anderen Ländern werde Deutschlands Gesundheitssektor als herausragend ausgebaut beschrieben, vor allem was die Anzahl der Intensivbetten angehe. Deutschland stehen laut DKB-Präsident Gerald Gaß mittlerweile 30.000 Intensivbetten zur Verfügung. Osteuropäische Länder nennen die Zahl "beeindruckend" - auch weil es in Europa kein anderes Land mit vergleichsweise großer Kapazität gibt.

Momentan kann zwar niemand sagen, ob das reicht. Doch noch sind Deutschlands Kapazitäten in Krankenhäusern nicht so ausgelastet wie in anderen Ländern. Mehrere Bundesländer haben sich deshalb dazu bereiterklärt, Patienten aus anderen Ländern aufzunehmen - unter anderem aus dem französischen Krisengebiet Elsass. Der ostfranzösische Regionalratspräsident Jean Rottner sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", er sei "unendlich dankbar für die schnelle und unbürokratische Hilfe aus Deutschland. Die Solidarität ist beeindruckend! Die Bewohner der Region Grand Est werden diese nachbarschaftliche Hilfe nie vergessen."

Kritik kommt aus Frankreich und Italien

Doch neben lobenden Worten in Medienberichten kommen auch kritische Stimmen aus der Politik. In einem offenen Brief, der in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschienen ist, appellieren italienische Politiker an Deutschland, sich der gemeinsamen Ausgabe von Eurobonds nicht zu versperren. Sie verlangen Solidarität, um den EU-Ländern, die am schwersten von der Krise gebeutelt sind, wirtschaftlich unter die Arme zu greifen. Solidarität, die den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg entgegengebracht worden sei, als ihnen die Hälfte der Staatsschulden erlassen wurden. Die Erinnerung daran solle Merkel helfen, die richtige Entscheidung zu treffen. "Wir können nun alle beweisen, dass Europa stärker ist, stärker als diejenigen, die Europa schwächen wollen."

Schon zuvor gab es in Frankreich Kritik, dass Deutschland auch finanziell solidarischer sein müsse. "Von Deutschland wird erwartet, dass es als reichstes Land der Europäischen Union und das mit den größten Kapazitäten anderen Staaten hilft", sagt Bialecki. Dass Deutschland Kranke aus anderen Ländern aufgenommen habe, sei ein "wichtiges, überfälliges Zeichen gewesen", das aber lange auf sich habe warten lassen. "Als die Corona-Problematik in Italien und Spanien schon richtig losgebrochen war, war in Deutschland ja noch nicht viel los."

Die Erwartungen an Deutschland in der Krise seien groß. "Nicht nur wegen der wirtschaftlichen Stärke des Landes, sondern auch, weil Deutschland ja immer wieder zu Recht die Vorteile einer Europäischen Einigkeit betont." Als es dann zu brennen begann, habe Deutschland aus Sicht vieler europäischer Länder nicht an vorderster Front der Helfer gestanden, sondern zuerst an sich gedacht. Anfang März hatte die Bundesregierung einen Export von Schutzmasken ins Ausland untersagt. Erst später wurde das Verbot wieder aufgehoben. "Deutschlands Haltung wird von manchen beschrieben wie beim Sicherheitscheck im Flugzeug", so Bialecki. "Wenn es ein Problem gibt, helfen sie sich erstmal selber - und erst dann ihren Mitpassagieren." Auch an der Größe des Rettungsschirms, den die Bundesregierung für die deutsche Wirtschaft aufspannt, gab es Kritik, vor allem aus Italien, gepaart mit etwas Neid, sagt Bialecki.

"Unterm Strich", sagt Bialecki, "heißt es zwar von fast allen Seiten, dass Deutschland bisher doch recht gelassen und bemerkenswert gut mit der Krise umgehe." Dennoch gebe es viele Hinweise darauf, dass auch Deutschland in der Corona-Krise erst am Anfang einer Erkrankungswelle stehen könnte und man abwarten müsse, wie sich Neuinfektionen und schwere Verläufe auf die Kapazitäten in den Kliniken auswirken. Als Zwischenfazit, so Bialecki, attestieren viele Berichte den Deutschen einen vergleichsweise souveränen Umgang mit Corona.

Quelle: ntv.de