Politik

Biografin über Neu-Kanzler Kurz "So viel Show und so wenig Substanz"

Die Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ ist festgezurrt, an diesem Montag erlebt Sebastian Kurz den Höhepunkt seiner beispiellos steilen Karriere: Mit nur 31 Jahren wird er als Kanzler die Regierung in Österreich übernehmen. Gerade noch pünktlich hat die Journalistin Nina Horaczek vom Wiener Wochenblatt "Falter" gemeinsam mit ihrer Kollegin Barbara Tóth eine Biografie über den "Wunderwuzzi" vorgelegt. Ohne ein Gespräch mit dem kommenden Kanzler, aber mit Stimmen aus seinem Umfeld und fundierter Hintergrundanalyse. Im Interview mit n-tv.de erzählt Horaczek, was Kurz' Weigerung, an der Biografie mitzuarbeiten, über ihn aussagt - und warum sie nicht glaubt, dass ein Politiker wie er Deutschland weiterhelfen würde.

n-tv.de: Wer sich wie Sie mit den politischen Anfängen von Sebastian Kurz beschäftigt, landet unweigerlich beim "Schwarz macht geil"-Wahlkampf 2010 in Wien, in dem er mit dem "Geilomobil" herumfuhr. Haben Sie damals schon damit gerechnet, dass aus diesem "Hofnarr der ÖVP", wie Sie das im Buch formulieren, mal ein Minister oder gar Kanzler werden kann?

Nina Horaczek: Die Frage ist ein bisserl unfair, er war damals noch so jung, da denkt man nicht in solchen Kategorien. Er fiel mir auf, als er 2011 Integrationsstaatssekretär wurde, da hat er sehr fleißig und geschickt gearbeitet. Da habe ich gemerkt:  Der traut sich sehr viel zu, der will was und weiß, wie er da hinkommt. Vorher war er zwar im Wiener Gemeinderat, aber völlig unauffällig, er galt nicht als die große Hoffnung der ÖVP. Deswegen landete er nach dem wirklich schlechten Geilomobil-Wahlkampf auch völlig überraschend in der Ziehung als Staatssekretär. Aber er kann gut netzwerken und sich sehr gut mit der Macht stellen.

War das auch der entscheidende Faktor für seinen sehr schnellen Aufstieg vom Vorsitzenden der ÖVP-Nachwuchsorganisation und Staatssekretär zum Außenminister und dann 2017 Parteichef und Kanzlerkandidaten?

Da kamen verschiedene Dinge zusammen. Das eine ist der miserable Zustand der Konservativen in Österreich. Die Partei hat sich selbst aufgegeben für einen Parteichef Kurz - das macht man nur, wenn man keine Alternative sieht. Dazu kommt der Zustand der Politik. Wenn einer nur mit dem Slogan "Zeit für Neues" so mobilisieren kann, zeigt das eine gewisse Sehnsucht nach einfachen Lösungen. Sein Verdienst war: Er hat sich ein sehr gutes, sehr professionelles Team zusammengestellt und immer sehr strategisch gedacht. Kurz ist ja keiner, dessen Herz für ein Thema brennt. Er hat immer geschaut: Wie punkte ich wann am besten? Das kann man nennen wie man will: geschickt oder auch ideologiebefreit.

Sie haben es angesprochen: Als Integrationsstaatssekretär fiel er in Österreich erstmals auf - und zwar mit durchaus progressiven Ansichten. Er forderte unter anderem eine bessere Willkommenskultur. Das deutsche Publikum lernte ihn spätestens im März 2016 kennen, aber ganz anders: Da saß er als Außenminister bei Sandra Maischberger und griff die Kanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik an. Wann kam es zu diesem Sinneswandel?

Mit dem Wechsel ins Außenministerium 2013 und dem Beginn seiner Bemühungen, Kanzler zu werden. Die Flüchtlingsbewegung 2015 hat ihm da sehr geholfen, in seinen Strategiepapieren steht ja: Wir müssen Wähler von der FPÖ abwerben, ihr also die Themen wegnehmen. Und er hat sehr geschickte Scheingefechte geführt: etwa gegen Angela Merkel, mit der es keine direkte Konfrontation gab. Bei den Brüsseler Gipfeln hatte sie mit Kanzler Christian Kern zu tun, und der Kurz hat von außen geschossen. Das hat ihm in Österreich medial viel gebracht: Aha, der starke Mann Kurz setzt sich durch und zeigt es sogar der Merkel. Gleichzeitig war es realpolitisch heiße Luft.

Was haben Sie sich denn gedacht, als sie gemerkt haben: Der Kurz setzt plötzlich auf eine harte Linie bei Flüchtlingen und in der Integration?

Dass es ihm um die Macht geht. Es stellt sich dann ja die Frage: Wie substanziell war das, was vorher war? Er hat als Staatssekretär etwas geschafft: Integration war ursprünglich negativ besetzt, nur die FPÖ hat darüber geredet. Kurz hat sie neutraler gebrandet. Auch wenn man sein Mantra "Integration durch Leistung" falsch finden kann, weil nicht alle Leistungsträger sein können und man strukturelle Fragen nicht mehr stellt. Aber immerhin hat er erreicht, dass man Menschen, die nach Österreich kommen, auch positiv sehen kann.

Im Wahlkampf hat er genau das Gegenteil gemacht, an allem waren die Ausländer schuld: an der Kriminalität, an der schlechten Lage der Sozialkassen, an der Bildungsnot. Was glaubt er denn nun wirklich? Wo steht dieser Mann?

Im tiefsten Inneren ist er ein bürgerlicher Konservativer, aber die Frage ist eher: Wie weit geht er, um die Macht zu erhalten? Er hat großteils wider besseren Wissens das ganze FPÖ-Programm im Bereich Migration abgeräumt, also ist mein Eindruck: sehr weit. Ich frage mich auch, wo seine roten Linien sind. Ich kenne die von Angela Merkel. Bei ihm glaube ich, die reichen in alle Richtungen sehr weit. Er ist ein Konservativer, der sich des Populismus bedient. Kein lupenreiner Populist, aber ich sehe Muster, derer er sich bedient.

Sie haben im Wahlkampf sogar einmal geschrieben, Kurz 2017 klinge wie Haider 1999. Ein harter Vergleich.

Was Haider 1999 über Migration und Ausländer gesagt hat und Kurz 2017 klingt in weiten Teilen identisch. Ich finde den Vergleich nicht hart, Österreich hat sich sehr verändert seit 1999. Das Land hat einen Rechtsruck hingelegt, nicht zuletzt aufgrund der ÖVP/FPÖ-Koalition der Jahre 2000 bis 2006, und Kurz hat seine Partei weiter rechts positioniert. Das ist einfach Fakt.

Sie hätten Kurz sicher gern mit all dem konfrontiert, aber er hat es vorgezogen, nicht mit Ihnen zu sprechen für diese Biographie. Was sagt uns das über Kurz?

Wir hatten ja in der Vergangenheit öfter Gespräche, es gibt keinen generellen Gesprächsbann. Aber er hat gleich mal unsere zentrale These bestätigt: Er ist ein Kontrollfreak. Er hätte auf eine Art Autorisierung bestanden, und wir wollten kein Buch schreiben, wo der Herr Kurz mit dem Rotstift anstreicht, was ihm nicht gefällt. So haben wir halt unsere Fragen aus seinem Umfeld beantwortet bekommen. Der Fürst wollte nicht mit uns sprechen, das hat er seinen Untertanen überlassen. So ist er nicht angreifbar.

Eine Szene, in der Kurz für einen Moment die Kontrolle verlor, ist gleich eine Sternstunde der Satire geworden: Bei der Verabschiedung des Kabinetts Kern äfft Kurz offenbar jemanden nach, ein völlig ungewohntes Bild. Haben Sie ihn früher öfter so unkontrolliert erlebt?

Als er anfing als Integrationsstaatssekretär, da war er einfach ein netter junger Kerl. Gerade mit dem Drang nach der Macht hat er sich mehr kontrolliert. Er hat übrigens auch einen engen Freundeskreis, mit denen kann er unterwegs sein, die halten dicht. Das muss man anerkennend sagen: Anders als viele andere Politiker hat Kurz ein gutes Gespür, wen er um sich lässt.

Behält er vielleicht auch deswegen gern die Kontrolle, weil er ein gebranntes Kind ist? Der "Standard" schrieb bei seinem Antritt als Staatssekretär von "Verarsche".

Schon, wobei: Wer sich mit 24 hinstellt und sagt, ich hab das Studium nicht abgeschlossen, habe keine Berufsausbildung und bin grad mit dem Geilomobil durch die Gegend gefahren, jetzt bin ich Regierungsmitglied, der braucht sich auch nicht wahnsinnig zu wundern, dass er nicht mit Halleluja empfangen wird. Ich verstehe, dass das kränkend war, aber es ist mittlerweile ein bisserl zum Mythos geworden: Alle haben sich lustig gemacht, aber ich habe es Euch gezeigt. Eine Heilandsgeschichte, die er gerne präsentiert.

An diesem Montag wird er vom Bundespräsidenten angelobt, wie die Österreicher sagen, also vereidigt. Sie schreiben, alle Rollen wären in ihm angelegt: Ein Law-and-Order-Kanzler, aber auch ein christlich-sozialer Kanzler. Was halten Sie für wahrscheinlicher?

Was wir bis jetzt vom Koalitionsprogramm wissen, klingt wahnsinnig retro, wie langweilige 1950er-Jahre mit Bösartigkeiten. Die erste ÖVP/FPÖ-Koalition hat sich was getraut, egal wie man das damals fand: eine Pensionsreform gegen große Widerstände, große Strukturmaßnahmen. Aber jetzt: ein Stopp des Rauchverbots in der Gastronomie, Wiedereinführung der Noten für Volksschüler, die Studenten sollen wieder Studiengebühren zahlen. Und den Flüchtlingen nehmen wir Geld weg. Da denkt man sich schon: Das ist alles, was Euch eingefallen ist?

Die Erwartungen sind ja riesig. "Jetzt oder nie", hat Sebastian Kurz plakatiert.

Wenn man so hohe Erwartungen weckt, ist die Gefahr des Scheiterns ziemlich hoch. Gleichzeitig muss man sagen, dass die jüngsten guten Wirtschaftsdaten ihm in die Hand spielen, wenn die halten, hilft ihm das natürlich sehr.

Die Menschen in Österreich erwarten viel von Kurz, und in gewisser Weise auch die Medien in Deutschland: "Warum haben wir nicht so einen?", schrieb die "Bild"-Zeitung nach seinem Wahlsieg. Haben Sie eine Erklärung für solche Schlagzeilen?

Die Medien interessieren sich natürlich für einen jungen, smarten Menschen, der sich gut auf dem Cover verkaufen lässt. Aber ich glaube nicht, dass ein Kurz Deutschland weiterbringen würde. Ich weiß nicht, ob man einem Land das wünschen soll, so viel Show und so wenig Substanz.

Mit Nina Horaczek sprach Christian Bartlau

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Quelle: n-tv.de

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