Politik

Bomben bei AKW Saporischschja Sorge vor "größter Atomkatastrophe der Geschichte" wächst

309987053.jpg

Russische Angriffe in der Nähe des AKW Saporischschja hinterließen große Krater.

(Foto: picture alliance / Photoshot)

Die Ukraine, Deutschland und der UN-Sicherheitsrat sind in Sorge ob neuer Kämpfe in der Umgebung des von russischen Truppen besetzten Atomkraftwerks Saporischschja. Die Atomenergiebehörde IAEA erkennt eine "sehr reale Gefahr". Kiew und Moskau machen sich gegenseitig für die Angriffe verantwortlich.

Im Ukraine-Krieg wächst die Sorge vor einer nuklearen Katastrophe im von russischen Truppen besetzten Atomkraftwerk Saporischschja. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte, Russland könne in Saporischschja "die größte atomare Katastrophe in der Geschichte" verursachen - mit noch schlimmeren Folgen als bei der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986. Aus der Gegend um Saporischschja wird seit Tagen heftiger Beschuss gemeldet. Der UN-Sicherheitsrat berief deshalb eine Krisensitzung ein, die am Abend (Ortszeit) in New York stattfinden soll.

Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für die Angriffe am AKW Saporischschja im Süden der Ukraine verantwortlich. Selenskyj sagte in einer Videoschalte zum Auftakt einer Geberkonferenz in Kopenhagen, Russland sei ein "terroristischer Staat", der das Atomkraftwerk im Ukraine-Krieg als "Geisel" nehme und zur "Erpressung" nutze.

In der Nacht zum Mittwoch waren bei Bombenangriffen in der Umgebung des AKW nach ukrainischen Angaben 14 Menschen getötet worden. In der Nacht zum Donnerstag seien in der Stadt Nikopol, die etwa hundert Kilometer von dem AKW entfernt am anderen Ufer des Dnipro liegt, drei Menschen durch russische Raketenangriffe getötet worden. Auch aus dem ostukrainischen Donbass wurde massiver russischer Beschuss gemeldet. Nach Angaben des Gouverneurs der Region Donezk, Pawlo Kyrylenko, wurden dabei binnen 24 Stunden elf Zivilisten getötet, darunter sechs in Bachmut und drei in der Nachbarstadt Soledar.

Nach Angaben der russischen Besatzer war das AKW am Donnerstag erneut unter Beschuss geraten. Das Kraftwerk sei mit schwerer Artillerie und Raketenwerfern angegriffen worden, teilte der Vertreter der Besatzungsbehörden, Wladimir Rogow, am Nachmittag im Nachrichtenkanal Telegram mit. Geschossen werde aus Ortschaften, die unter ukrainischer Kontrolle stünden. Überprüfbar waren die Angaben nicht.

"Sehr reale Gefahr einer nuklearen Katastrophe"

Angesichts der Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine hat auch UN-Generalsekretär António Guterres vor einer Atomkatastrophe gewarnt. Vor der von Russland beantragte Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zu Saporischschja äußerte sich Guterres "zutiefst besorgt". "Bedauerlicherweise gab es in den letzten Tagen keine Deeskalation, sondern Berichte über weitere zutiefst besorgniserregende Vorfälle. Wenn sich diese fortsetzen, könnte dies zu einer Katastrophe führen." Russland ist neben China, Frankreich, Großbritannien und den USA ständiges Mitglied im Sicherheitsrat und besitzt dort Vetorecht - eine Verurteilung Moskaus ist damit ausgeschlossen.

Bei der Sitzung wollte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, die 15 Mitgliedstaaten des Sicherheitsrates über die Lage an dem Atomkraftwerk informieren und sich dabei auch zu Fragen der atomaren Sicherheit äußern. Er wollte nach Angaben der IAEA auch auf Bemühungen eingehen, "so bald wie möglich" eine Expertenmission zu dem Atomkraftwerk zu schicken. Am Wochenende hatte sich die IAEA bereits "alarmiert" über die Lage vor Ort gezeigt und vor einer "sehr realen Gefahr einer nuklearen Katastrophe" gewarnt.

Auch die für nukleare Sicherheit zuständige Bundesumweltministerin Steffi Lemke forderte eine Inspektion des AKW durch die IAEA. "Für ein objektives Bild von der tatsächlichen Sicherheitslage vor Ort" müssten unabhängige Sachverständige der IAEA Zugang bekommen, sagte die Grünen-Politikerin Lemke den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Lage in Saporischschja sei "unübersichtlich und gefährlich", urteilte Lemke. Es fehlten konkrete und belastbare Informationen zur Situation in dem Atomkraftwerk. Die IAEA müsse "schnellstmöglich" eine Mission dorthin starten können. "Zudem muss das Atomkraftwerk wieder vollkommen der ukrainischen Kontrolle unterstellt werden und es müssen jegliche Kriegshandlungen rund um das AKW eingestellt werden", forderte Lemke.

"Gezielter Völkermord am ukrainischen Volk"

Die im Süden der Ukraine gelegene Anlage ist das größte Atomkraftwerk Europas und verfügt über sechs der insgesamt 15 ukrainischen Atomreaktoren. Sie ist seit Anfang März von der russischen Armee besetzt. Die G7-Staaten hatten Russland am Mittwoch nachdrücklich aufgefordert, seine Armee vom Gelände des Kernkraftwerkes zurückzuziehen. "Es ist Russlands fortdauernde Herrschaft über das Kernkraftwerk, welche die Region gefährdet", erklärten die G7-Außenminister in einer gemeinsamen Mitteilung.

Am Dienstagabend hatte der ukrainische Betreiber Energoatom der russischen Seite vorgeworfen, sie wolle das Atomkraftwerk an das Stromnetz der besetzten Halbinsel Krim anschließen. Dazu würden Stromleitungen der Anlage beschädigt, die mit dem ukrainischen Stromnetz verbunden seien.

Das lettische Parlament stufte Russland wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine unterdessen als "Terror unterstützenden Staat" ein. Die Abgeordneten verabschiedeten eine Entschließung, in der die Gewalt gegen Zivilisten als Terrorismus und "gezielter Völkermord am ukrainischen Volk" verurteilt wird. Konkret verwiesen die Abgeordneten etwa auf den Einsatz von geächteter Streumunition im Ukraine-Krieg.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sieht keine großen Gefahren für Deutschland durch die Kämpfe um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja. Das Risiko für Deutschland im Falle einer nuklearen Katastrophe in Saporischschja sei "relativ gering", sagte der Leiter der Abteilung Radiologischer Notfallschutz im BfS, Florian Gering, gegenüber "ZDFheute.de". Einer älteren Untersuchung zufolge könne "glücklicherweise nur in 17 Prozent aller Wetterlagen überhaupt kontaminierte Luft nach Deutschland gelangen", führte Gering aus. "Natürlich kann es aber auch passieren, dass bei einer Freisetzung der Wind so steht, dass kontaminierte Luft nach Deutschland käme."

Quelle: ntv.de, dbe/AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen