Politik

Versuchter AKW-Anschluss an Krim Saporischschja-Betreiber fürchtet Fukushima-Szenario

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Mit sechs Blöcken und einer Leistung von 6000 Megawatt ist das Werk in der Stadt Enerhodar in der Oblast Saporischschja das größte Atomkraftwerk Europas.

(Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

Anscheinend versucht Russland, das besetzte Kernkraftwerk Saporischschja an das Stromnetz der annektierten Halbinsel Krim anzuschließen. Das sei hochgefährlich, warnt der ukrainische Chef von AKW-Betreiber Enerhoatom. Er droht mit einem Militäreinsatz.

Der Chef des staatlichen ukrainischen Kernkraftwerksbetreibers Enerhoatom, Petro Kotin, warnt Russland davor, das besetzte AKW Saporischschja an die annektierte Halbinsel Krim anzuschließen. Dafür müsse man zuerst die bestehenden Stromleitungen des ukrainischen Netzes kappen, sagte Kotin in einem Interview mit der ukrainischen Agentur RBK-Ukrajina. "Zwischen dem 7. und 9. August haben die Russen schon drei Hochspannungsleitungen beschädigt. Derzeit läuft das Werk mit einer einzigen, was ein äußerst gefährlicher Arbeitsmodus ist."

Sobald die letzte Leitung unterbrochen wird, springen nach Angaben von Kotin die Notstromgeneratoren des Kernkraftwerks an. "Dann wird alles von deren Verlässlichkeit und den Treibstoffreserven abhängen", erklärt der Enerhoatom-Chef warnend. Sollte dieser Fall eintreten, befindet sich das AKW Saporischschja seinen Angaben zufolge auf der ersten Vorstufe der Atomkatastrophe Fukushima.

Vorstufe von Fukushima?

In dem japanischen Kernkraftwerk war es 2011 zur Kernschmelze gekommen, nachdem ein schweres Erdbeben die Stromversorgung unterbrochen hatte. Wie geplant, sprangen Notstromaggregate zur Kühlung der Reaktoren ein. Als wenige Minute später ein zum Teil mehrere Meter hoher Tsunami über das AKW-Gelände hineinbrach, wurden sie überschwemmt und fielen binnen weniger Minuten aus.

Nach Angaben von Kotin verfügen die Dieselgeneratoren am AKW Saporischschja über Treibstoff für zehn Tage. Ihm zufolge dürfte es etwa drei Tage dauern, das Kraftwerk vom ukrainischen an das russische Stromnetz der Krim anzuschließen. Aber niemand habe "jemals geprüft, ob die Generatoren wirklich zehn Tage funktionieren", erzählt er in dem Interview.

"Unsere Streitkräfte werden bereit sein"

Die Ukraine und das benachbarte Moldau hatte sich kurz nach Kriegsbeginn vom ehemals sowjetischen Stromnetz abgekoppelt und sich dem europäischen Stromnetzverbund angeschlossen. Sollte Russland das Kernkraftwerk Saporischschja erfolgreich ans Stromnetz der Krim anschließen, könnten anschließend die besetzten Gebiete der Ukraine ebenfalls mit dem russischen Stromnetz synchronisiert werden. Moskau würde dann in weiten Teilen der Ukraine die Energieversorgung kontrollieren.

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Enerhoatom-Chef Kotin geht davon aus, dass das ukrainische Militär eingreift und seinerseits die russischen Stromleitungen zerstört, bevor Russland diesen Plan finalisiert. "Ich denke, unsere Streitkräfte werden dazu bereit sein, wenn es nötig ist", mutmaßt er in dem Interview. Dazu könne es kommen, bevor die russischen Truppen das Kraftwerk final vom ukrainischen Netz abtrennen.

Mit sechs Blöcken und einer Leistung von 6000 Megawatt ist das Werk in der Stadt Enerhodar in der Oblast Saporischschja das größte Atomkraftwerk Europas. Russische Truppen hatten die Anlage Anfang März besetzt. Danach wurde das Kernkraftwerk von ukrainischem Personal weiterbetrieben, aber von russischen Nuklearspezialisten überwacht.

Quelle: ntv.de, chr/dpa

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