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Das Bremer CDU-Experiment Carsten Meyer-Wie-Bitte?

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Sein Status als Quereinsteiger ist Meyer-Heders Vorteil und sein Pferdefuß.

(Foto: picture alliance / Carmen Jasper)

Der Bremer CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder will versuchen, "ein paar Leute abzuholen, die in ihrem Leben noch nie CDU gewählt haben". Ganz themensicher ist er noch nicht. Aber das ist nicht der Punkt.

Bei allen Veränderungen und Umwälzungen der letzten Jahre gab es doch eine Gewissheit, an der Wähler und Journalisten sich festhalten konnten: In Bayern regiert die CSU und in Bremen die SPD. Der zweite Teil dieses Satzes wankt.

Für die Bürgerschaftswahl in Bremen, die zeitgleich mit der Europawahl am 26. Mai stattfindet, hat sich die dortige CDU einen Frontmann gesucht, dessen Biografie und Auftreten alles andere als typisch christdemokratisch sind: Carsten Meyer-Heder. Bereits im Mai 2018 wählte die Bremen-CDU den IT-Unternehmer zum Spitzenkandidaten. Parteimitglied war er da gerade mal seit zwei Monaten.

"Ich war ja früher ganz links", sagt Meyer-Heder im Interview. Dass es nicht ungewöhnlich gewesen wäre, wenn langjährige CDU-Mitglieder ihm mit Skepsis begegnet wären, hätte er nachvollziehen können. "Ist aber nicht passiert. Ich bin mit 99 Prozent zum Spitzenkandidaten und mit 100 Prozent auf Platz eins gewählt worden. Mehr geht eigentlich nicht."

Seine für CDU-Verhältnisse ungewöhnliche Biografie ist schnell zusammengefasst. Er hat studiert, eher halbherzig, vor allem war er Musiker. Mit Ende zwanzig erkrankte er an Krebs. Nach seiner Genesung machte Meyer-Heder eine Umschulung zum Programmierer und fand darin gewissermaßen seine Bestimmung. Mit Anfang dreißig gründete er ein IT-Unternehmen, das heute 1200 Mitarbeiter hat. Ach ja, und er ist zum dritten Mal verheiratet.

"Dafür ist Annegret viel besser"

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Unten auf den CDU-Plakaten in Bremen steht "Carsten Meyer-Wer?"

(Foto: imago images / Eckhard Stengel)

Seine Homepage erreicht man über die URL carsten-meyer-wer.de, eine Anspielung auf seinen noch ausbaufähigen Bekanntheitsgrad. Dort findet sich auch ein Bild von ihm, dass ihn zu seinen "Hippie-Zeiten" zeigt: lange Haare, Bart, jonglierend. Heute hat er eine Glatze, trägt meist Jeans, T-Shirt und Jackett sowie einen breiten, silbernen Ring an der rechten Hand. Er weiß noch, dass es Zeiten gab, in denen es uncool war, Mitglied der Jungen Union zu sein. Und dass die JU auch heute noch gelegentlich eine Außenwirkung hat, die selbst CDU-Wähler verschreckt. Als Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, hat er sich gefreut. "Wir versuchen hier in Bremen gerade ein paar Leute abzuholen, die in ihrem Leben noch nie CDU gewählt haben. Einen Friedrich Merz würden die eher nicht wählen. Dafür ist Annegret viel besser - ein bisschen moderater, nicht so polarisierend."

"Annegret" - den Vornamen zu benutzen, könnte Prahlerei mit der Nähe zu neuen Parteichefin sein. Sie war schon vor einem Jahr dabei, als Meyer-Heder zum Spitzenkandidaten gewählt wurde. Wahrscheinlicher ist, dass es seine Art ist, über Leute zu reden, die er duzt. Bei der Fahrt mit dem "Startup-Taxi" sprach er von "Lars, Fabian, Dirk" und anderen, denen er das operative Geschäft seines Unternehmens übertragen habe.

Nach dem Interview mit n-tv.de fährt Meyer-Heder zu einer Podiumsdiskussion in ein Bremer Gymnasium. Zwischen den Lehrern fällt er nur auf, weil er so groß ist. In der Vorstellungsrunde sagt er über sich: "Ich bin jetzt irgendwie Spitzenkandidat der CDU." So sprechen Spitzenpolitiker normalerweise nicht über sich.

In der Diskussion wird schnell deutlich, dass Meyer-Heder noch nicht ganz trittsicher ist. Und dass er direkte Konfrontationen vermeidet. Ohne die SPD zu nennen, sagt er, wenn eine Partei 73 Jahre lang die Schulbehörde geleitet habe, dann könne man schon fragen, ob es da einen Zusammenhang gebe, dass Bremen "seit dreißig Jahren auf dem letzten Platz bei Pisa" stehe. Aggressiver wird es bei ihm nicht.

"Ich werde auch viele Fehler machen"

Neben Meyer-Heder sitzt die Bremer Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt, die bis 2015 für das Bildungsressort zuständig war. Sie wirft ein, dass es die Pisa-Studien noch keine dreißig Jahre gebe. Meyer-Heder entgegnet, er sei ja Quereinsteiger. "Irgendwann ist man dabei", sagt Quante-Brandt.

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Annegret Kramp-Karrenbauer, damals noch Generalsekretärin, gratulierte im Mai 2018 zur Wahl als Spitzenkandidat.

(Foto: picture alliance / Carmen Jasper)

Sein Status als Quereinsteiger ist Meyer-Heders Vorteil und sein Pferdefuß. Er habe keine Altlasten, keine alten Seilschaften und keine alten Probleme, sagt er im Interview. "Ich kann jedem völlig offen begegnen."

Die FDP-Fraktionsvorsitzende Lencke Steiner, die ebenfalls an der Podiumsdiskussion teilnimmt, weiß, wie man ein Publikum anspricht. Als sie fordert, jede Schule solle einen 3-D-Drucker bekommen, geht ein Raunen durch den Saal. Ähnlich spektakuläre Versprechen macht Meyer-Heder nicht. Sein Projekt, Bremen zum digitalen Vorzeige-Bundesland zu machen, würde im Wahlkampf vermutlich durchaus als gut verkäufliches Großprojekt taugen. Sein Argument, Bremen sei so klein, dass das zu schaffen sei, ist auch nicht von der Hand zu weisen.

Aber Meyer-Heder geht anders vor. Für ihn ist die Digitalisierung in der Aufzählung seiner politischen Ziele nur eines von mehreren. Im Interview mit n-tv.de benutzt er mehrfach das Wort "vielleicht". Auf die Frage, ob er konservative Positionen habe, guckt er zunächst leicht irritiert, findet dann aber schnell eine Antwort. Seine Botschaft ist nicht: Platz da, ich kann das. Sondern: Ich werde auch viele Fehler machen. Ich hoffe aber, ich mach' mehr richtig als falsch. Er sagt das wörtlich, im "Startup-Taxi".

Im Bremer Gymnasium sagt er über die Klimaschutz-Demonstrationen unter dem Label "Fridays For Future", er habe früher auch demonstriert, "kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen". In der Migrationspolitik fordert er, anders als die CDU, einen Spurwechsel, der es abgelehnten, aber gut integrierten Asylbewerbern ermöglichen würde, in Deutschland zu bleiben. Auf die Frage eines Schülers, ob der Islam zu Deutschland gehöre, sagt er: "Wir sind ein weltoffenes Land und der Islam gehört natürlich dazu." Sogar den Ausdruck "multikulturell" benutzt er, und zwar nicht als Kampfbegriff. Als aus Berlin angereister Zuhörer ist man geneigt zu sagen: Wie bitte?

Letzte Frage an Meyer-Heder, nach der Diskussionsveranstaltung. Denkt er eigentlich manchmal darüber nach, ob das, was er sagt, mit CDU-Positionen vereinbar ist? "Nein", antwortet er spontan. Und lacht dann. "Zu wenig wahrscheinlich."

Es ist ein Experiment, was die CDU da gerade in Bremen macht. Es könnte schiefgehen. Die letzte Umfrage sieht die Union knapp vor der SPD. Es könnte auch klappen. Dann wäre wieder eine Gewissheit gefallen.

Quelle: ntv.de