Politik
Ratko Mladic vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal.
Ratko Mladic vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 21. November 2017

"Charismatischer Mörder": Srebrenica-Schlächter wartet auf sein Urteil

Von Wolfram Neidhard

Ratko Mladic steht für das schlimmste Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg - das Massaker von Srebrenica. Seit mehr als sechs Jahren steht er vor dem Haager UN-Kriegsverbrechertribunal. Jetzt fällt das Urteil.

Mehr als 22 Jahre dauerte die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic, denn bereits am 24. Juli 1995 war er vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und zahlreicher Kriegsverbrechen angeklagt worden. An diesem Mittwoch soll nun endlich ein Schlussstrich im Fall Mladic gezogen werden, wenn das UN-Kriegsverbrechertribunal sein Urteil gegen den 75-Jährigen verkündet.

Richard Holbrooke über Mladic: "Eine dieser fürchterlichen Gestalten, die die Geschichte hervorbringt."
Richard Holbrooke über Mladic: "Eine dieser fürchterlichen Gestalten, die die Geschichte hervorbringt."(Foto: picture alliance / dpa)

Mladic ist das lebende Symbol für das Blutvergießen im zerfallenden Jugoslawien der 1990er-Jahre. Am heftigsten wütete der Krieg in Bosnien-Herzegowina. Von 1992 bis zum Friedensabkommen von Dayton/Ohio im November 1995 starben in der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik etwa 100.000 Menschen.

"Hollywood könnte keinen überzeugenderen Darsteller für einen Kriegsverbrecher finden", sagte der 2010 verstorbene Bosnien-Beauftragte der USA, Richard Holbrooke, über den Angeklagten: "Er ist eine dieser furchtbaren Gestalten, die die Geschichte immer wieder hervorbringt: ein charismatischer Mörder."

Es dauerte lange bis zur Verhaftung von Mladic, dem die schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zur Last gelegt werden. Fast 16 Jahre lang war er auf der Flucht, ehe er am 26. Mai 2011 auf dem Grundstück eines Verwandten im nordserbischen Lazarevo festgenommen und nur einen Tag danach nach Den Haag überführt wurde - ein Belgrader Gericht hatte der Überstellung in die Niederlande umgehend zugestimmt, obwohl Mladics Anhänger in seiner Heimat protestierten.

Zwischenrufe im Gerichtssaal

Mladic mit Radovan Karadzic (1993).
Mladic mit Radovan Karadzic (1993).(Foto: picture alliance / dpa)

Für Serbien war Mladic das Faustpfand für eine etwaige Beschleunigung der EU-Beitrittsverhandlungen. Die Regierung in Belgrad hatte zuletzt sogar umgerechnet 10 Millionen Euro für seine Ergreifung ausgesetzt. Mit der Verhaftung ereilte Mladic das gleiche Schicksal wie seinen langjährigen Weggefährten Radovan Karadzic. Der langjährige politische Kopf der bosnischen Serben war bereits 2008 festgenommen worden und am 24. März 2016 zu insgesamt 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Bis zum Schluss zeigte Karadzic keine Reue.

In den Jahren des Prozesses war auch Mladic weit davon entfernt, Schuldgefühle für die Zehntausenden Opfer zu zeigen. Im Gegenteil: Bereits am zweiten Prozesstag wurde der General von Richter Alphons Orie wegen ungebührlichen Betragens des Saales verwiesen. Mladic hatte die Anhörung durch Zwischenrufe mehrmals gestört.

Massaker von Srebrenica

Schwere Verbrechen werden mit Mladic, der aus dem ostbosnischen Dorf Bozanovici stammt, in Verbindung gebracht. Dazu gehört der Beschuss Sarajevos durch die Serben. Unter Mladics Befehl war die Bevölkerung der bosnischen Hauptstadt Scharfschützen ausgesetzt.

Trauer um die Opfer von Srebrenica (2016).
Trauer um die Opfer von Srebrenica (2016).(Foto: picture alliance / dpa)

Sein Name steht aber vor allem das Massaker von Srebrenica, bei dem 8000 muslimische Männer und Jungen hingerichtet wurden. Im Juli 1995 hatten bosnisch-serbische Truppen die UN-Enklave eingenommen, die dort stationierten niederländischen Soldaten waren völlig überfordert und übergaben den Serben die Stadt.

"Bitte haben Sie Geduld. Wer hierbleiben will, kann bleiben. Wer gehen will, kann gehen. Es wird genug Busse und Lastwagen geben, um Sie nach Gledanje zu bringen", rief Mladic den verängstigten Menschen zu.

Aber er und seine Soldaten waren auf Vergeltung aus, denn Srebrenica war Ausgangspunkt von Offensiven der bosnischen Moslems gewesen, bei denen viele Serben getötet worden waren. Mladic wollte in Srebrenica zudem "Rache an den Türken" nehmen, wegen der von den Serben verlorenen Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389. Das Blutbad von Srebrenica war auch möglich, weil der serbische Machthaber Slobodan Milosevic von Belgrad aus Bosniens Serben unterstützte und Karadzic und Mladic freie Hand ließ.

Präsident Kostunica unternahm nichts

So war es auch kein Wunder, dass Mladic trotz Anklage nach dem Friedensschluss von Dayton unbehelligt blieb. Er spielte Katz' und Maus mit der damaligen Haager Chefanklägerin Carla del Ponte. Er konnte das, denn sowohl in Serbien als auch im serbischen Teil von Bosnien-Herzegowina, der Republik Srpska, funktionierte der Militärapparat des Netzwerks von Mladic noch lange Zeit.

Daran änderte auch Milosevics Sturz im Jahr 2000 nichts, denn sein Nachfolger, der Nationalist Vojislav Kostunica, und einige Minister deckten den General, so dass dieser sich unbehelligt in Serbien bewegen konnte. So sagte der von 2007 bis 2012 amtierende Verteidigungsminister Dragan Sutanovac, dass Kostunica Kenntnis davon hatte, dass sich Mladic lange Zeit in einem Belgrader Militärgefängnis versteckt gehalten habe. Dort soll er sich einer Hüftoperation unterzogen haben.

Ermordung von Ministerpräsident Djindjic

Vojislav Kostunica (l.) und Zoran Djindjic auf einer Kundgebung in Belgrad im Jahr 2000.
Vojislav Kostunica (l.) und Zoran Djindjic auf einer Kundgebung in Belgrad im Jahr 2000.(Foto: picture alliance / dpa)

Anders verhielt sich der prowestliche Ministerpräsident Zoran Djindjic, der 2002 Milosevic an das Haager Tribunal ausliefern ließ. Er versprach Chefanklägerin del Ponte, auch Mladic dingfest zu machen. Der Regierungschef bezahlte das mit dem Leben. Er wurde am 12. März 2003 von einem Scharfschützen erschossen. Den Täter vermutet man im Dunstkreis ehemaliger Milosevic-Getreuer.

Auch der damalige serbische Geheimdienstchef Goran Petrovic schritt 2001 zur Tat und ließ drei Kriegsverbrecher verhaften. Er beklagte später, dass er bei seiner Arbeit massiv behindert worden sei. Petrovic, ein während der Milosevic-Herrschaft entlassener Beamter, musste seinen Dienst quittieren.

Die Jagd nach Kriegsverbrechern wurde erst wieder 2008 intensiviert, als eine neue Regierung ihre Arbeit aufnahm. Sie betrieb eine Annäherung des Landes an die Europäische Union. Mladic musste wieder untertauchen. Drei Jahre später wurde er dann gefasst.

"Er ist ein so kultivierter General"

Mladic selbst sieht sich nicht als Kriegsverbrecher. Er bezeichnet sich als Verteidiger der bosnischen Serben. Bereits zu Kriegszeiten hatte er sich rasenmähend als volksnah inszeniert. "Wir arbeiten für das Überleben des serbischen Volkes", äußerte Mladic, in seinen Händen eine Sense haltend. Seine Frau Bosiljka sagte über ihren Mann: "Wenn ich anfange (Mladic zu beschreiben - d.V.), kann ich gar nicht mehr aufhören. Er ist so ein sympathischer, charmanter und kultivierter General - mit seinen schönen blauen Augen."   

Der Prozess gegen Mladic dauerte lange - auch weil gesundheitliche Probleme Mladics den medizinischen Dienst des Haager UN-Untersuchungsgefängnisses zum Handeln bewogen. Bereits zu Prozessbeginn hatte Mladics Anwalt Milos Saljic darauf hingewiesen, dass sein Mandant während der Zeit seiner Flucht schwer erkrankt gewesen sei. So soll Mladic zwei Herzinfarkte und drei Hirnschläge erlitten haben.

Mit dem Urteil gegen Mladic wird ein weiteres Kapitel der juristischen Aufarbeitung des Bosnienkrieges geschlossen. Die Anklage fordert lebenslange Haft, die Verteidigung Freispruch. Höchstwahrscheinlich wird Mladic den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.

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Quelle: n-tv.de

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