Politik

Bund und Länder weiter uneins Steuern Schulen auf Lockdown zu?

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Maskenpflicht im Unterricht - gilt derzeit unter anderem in Bayern und Schleswig-Holstein.

(Foto: picture alliance/dpa)

An vielen Schulen steigen die Zahlen der Corona-Infektionen. Aber sind sie deshalb Treiber der Pandemie? Jedes Bundesland scheint eine andere Strategie zu fahren, doch manche gefährden damit das Ziel: Die Schulen offen zu halten.

Als in einer Berliner Schulklasse ein Corona-Fall auftritt, bietet ein Elternteil an, ein praktischer Arzt, Kinder und Angehörige bei Bedarf zu testen. In der Klasse gibt es Familien mit Risikopatienten. Die Schulleitung lehnt dankend ab mit dem Hinweis, das Gesundheitsamt werde sich schon kümmern, so sei ja die Regel. Das Gesundheitsamt kümmert sich tatsächlich - und zwar nach anderthalb Wochen. Da versendet es ein Infoblättchen zu Quarantäneregeln, drei Tage bevor die Quarantänezeit endet. Wenn die Verbandschefin der Gesundheitsdienste, Ute Teichert, am Dienstag im WDR sagt, den Gesundheitsämtern stehe das "Wasser bis zum Hals", dann ist der Berliner Fall dafür ein Beispiel.

Teichert hätte es darum sehr gefreut, hätten sich Bund und Länder am Montag auf eine gemeinsame Strategie einigen können, besonders im Hinblick auf die Lage an deutschen Schulen. Einheitliche Beschlüsse wären "für uns sehr hilfreich gewesen", so die Gesundheitsexpertin, die noch darauf verweist, dass viele Lehrer und Eltern "sehr verunsichert" seien. Für den Bundeselternrat ist das Ergebnis der Bund-Länder-Runde am Montag schlicht "keine Lösung". Es sei politisch gewollt, dass die Schulen offen bleiben, sagt dessen Vizechef Stefan Teltzrow ntv.de. "Alles andere wird auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern ausgetragen."

In der Tat konnte von einer Lösung am Montag keine Rede sein. Der Bund hatte schon am Abend vor der Konferenz zwischen Kanzlerin und Länderchefs seine Pläne durchsickern lassen: eine generelle Maskenpflicht auch im Schulunterricht und die Teilung von Klassen, um den Schutzabstand zu ermöglichen. Es wirkt inzwischen wie einem Muster folgend: Angela Merkel prescht öffentlichkeitswirksam vor, die Ministerpräsidenten geraten in Zugzwang. Doch in der ohnehin überschaubaren Ergebnisliste der Konferenz taucht das Thema Schule nicht auf: Die Länder lehnten Angela Merkels Vorschläge zu einer einheitlichen Corona-Strategie ab. Das Konzept der Kanzlerin ist vorerst gescheitert, in zehn Tagen wird neu verhandelt.

Die Regierenden lassen sich viel Zeit, um sich auf ein Konzept zu einigen für einen Bereich, in dem manche Interessenvertreter bereits von "explodierenden" Zahlen sprechen. Doch eine Folge des bisherigen Mangels an Einheitlichkeit im Umgang mit dem Infektionsrisiko ist: Es gibt eigentlich gar keine bundesweiten Zahlen, zumindest keine, die miteinander vergleichbar wären. Explodiert es in den Schulen tatsächlich?

90 Prozent "ohne Beeinträchtigung"

Das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz weist für Montag 1126 Infektionsfälle unter insgesamt 521.000 Schülern aus - etwa 0,2 Prozent. Von 41.000 Lehrern sind aktuell 136 infiziert, das macht 0,3 Prozent. Das Land Hessen macht keine Mitteilung über Infektionsfälle, sondern hat lediglich Zahlen zur Quarantäne: 16.151 Kinder dürfen derzeit nicht am Unterricht teilnehmen, von 62.500 Lehrern sind 1284 in Quarantäne. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien sieht "keinerlei Anzeichen dafür, dass Schulen in dieser Situation Infektionstreiber sind". 90 Prozent der Schulen liefen zuletzt im Corona-Regelbetrieb ohne Beeinträchtigung.

Die 300.000 bundesweiten Quarantänefälle unter Schülern, die in der vergangenen Woche vom Lehrerverband gemeldet und dann heftig diskutiert wurden, speisen sich aus Angaben von Schulen, die teilweise ganze Klassen in Quarantäne schicken, wenn ein Covid-Fall registriert wird, teilweise aber auch nur die Sitznachbarn in unmittelbarer Nähe zum infizierten Kind. Eine Schulklasse in Quarantäne gibt keinen Anhaltspunkt dazu, ob dort ein Kind mit Sars-CoV-2 infiziert ist oder sieben. Daher sagen solche Zahlen auch nichts darüber aus, wie viele Schüler tatsächlich infiziert sind - und welche Rolle die Bildungseinrichtungen überhaupt für das Infektionsgeschehen spielen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht derzeit davon aus, dass Kinder und Jugendliche nicht die Treiber der Pandemie sind - denn offenbar infizieren sie sich seltener als Erwachsene. Und je jünger die Kinder sind, desto weniger empfänglich scheinen sie für das Virus. "Nach den bisherigen Daten scheinen insbesondere bei jüngeren Kindern Infektionen mit Sars-CoV-2 seltener als bei Erwachsenen zu sein, ältere Kinder ab etwa zwölf bis 14 Jahren unterscheiden sich nicht mehr von Erwachsenen", sagt Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Bei Kindern und Jugendlichen verlaufen die meisten Fälle ohne oder nur mit milden Symptomen, weshalb sie allerdings auch leicht übersehen werden können. Eine erst vor kurzem veröffentlichte Antikörper-Studie aus Bayern brachte ans Licht, dass im April sechsmal so viele Kinder mit Sars-CoV-2 infiziert waren, wie aus offiziellen Fallzahlen bekannt war. Ob infizierte Kinder das Virus allerdings auch seltener weitergeben, ist weiterhin nicht geklärt.

Bildungseinrichtungen kein "Treiber"

Doch was bedeutet das für geöffnete Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Kitas? Aus Daten des RKI geht hervor: Steigt die Inzidenz im Land, steigt auch die Zahl der positiv Getesteten in allen Altersgruppen. Das Infektionsgeschehen werde in die Einrichtungen hineingetragen, hatte RKI-Experte Walter Haas Mitte Oktober erklärt. "Das folgt der Situation in der Bevölkerung, aber es ist eben nicht ein Treiber, der dem vorausgeht."

Erfahrungen aus anderen Ländern geben ein unterschiedliches Bild: In Schweden wurden etwa bei Grundschulkindern keine vermehrten Infektionen und Antikörperraten nachgewiesen, obwohl die Schulen nie geschlossen wurden. Aus Israel wurden Ausbrüche in weiterführenden Schulen gemeldet, Studien aus Australien, Irland und Frankreich berichten hingegen nur wenige Ansteckungen. Bei einer Studie über einen Schulausbruch in Chile berichten die Autoren vor allem von Übertragungen in Mittel- und Oberstufe - die jedoch oft von Lehrern oder Elternversammlungen ausgegangen seien. Laut der "Gurgelstudie" aus Österreich gibt es an Schulen verhältnismäßig wenig Infektionen und Schüler und Lehrer sind in etwa gleichermaßen betroffen.

Eine Besonderheit bei Sars-CoV-2 scheint zu sein, dass die vergleichsweise häufige physische Nähe zwischen Kindern und Jugendlichen zu keiner starken Ausbreitung in den Bildungseinrichtungen führt. So gibt es laut Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Hinweise, dass in der Corona-Pandemie "die Übertragung innerhalb von Schulen gering ist".

Mehrere Ämter für eine Schule zuständig

Dennoch geht Mikolajczyk davon aus, dass die Hygienekonzepte deutlich zur Reduktion des Risikos an Schulen beitragen können. Allerdings orientiert sich derzeit keines der 16 Bundesländer konsequent an den Präventionsmaßnahmen, die das RKI für Schulen empfiehlt. Jedes Bundesland hat sein eigenes Konzept. Der Umgang mit Infektionsfällen kann sich sogar innerhalb einer Schule von Fall zu Fall unterscheiden. Je nachdem, wo der Wohnort des infizierten Kindes liegt, und welches Gesundheitsamt deshalb zuständig ist.

Die Forscher des RKI empfehlen, ab einem Inzidenzwert von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner, dass die Maskenpflicht auch im Unterricht herrscht und die Klassen halbiert und im Wechsel unterrichtet werden. Diese Empfehlung wird in keinem Bundesland vollständig umgesetzt. Im Land Berlin etwa mit einer aktuellen 7-Tage-Inzidenz von 227 mussten Schulkinder bislang ihre Masken nur außerhalb der Klassenräume tragen. Im Unterricht sitzen bis zu 32 Kinder eng beieinander, einzige weitere Schutzmaßnahme: lüften.

Als Anfang des Monats die nordrhein-westfälische Stadt Solingen bei einer Inzidenz von 283 Fällen pro 100.000 Einwohner in Eigeninitiative ein Hybridmodell einführen wollte, wurde sie vom Bildungsministerium des Landes zurückgepfiffen. Die Stadt hatte Schulen mit Digitalgeräten für bedürftige Kinder ausgestattet, insgesamt waren 3500 verteilt worden. Kollegien hatten Pläne erstellt, wie die Teilung der Klassen und der versetzte Unterricht umzusetzen wäre. Doch die Landesregierung spielte nicht mit. Der Solinger Weg widerspreche "einem gleich gerichteten Vorgehen innerhalb des Landes", hieß es aus dem Ministerium.

Droht ohne Maßnahmen ein zweiter Lockdown?

Die Bildungsgewerkschaft GEW sieht Deutschland auf Schulschließungen zusteuern, weil derzeit nicht genug getan werde, um Infektionen zu verhindern. Die Vorsitzende Marlis Tepe fordert bundesweit den vom RKI empfohlenen Wechselunterricht und strengere Quarantäneregeln. "Wir fürchten, dass uns ohne solche Maßnahmen ein zweiter Lockdown wie in Österreich bevorsteht", sagte Tepe im ntv.de-Interview. Doch genau solche strengeren Maßnahmen wurden am Montag von den Länderchefs abgelehnt. 

Das Land Berlin wiederum reagiert ab Mittwoch auf die hohen Infektionszahlen in der Hauptstadt: Dann müssen Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse auch im Unterricht Masken tragen. Der Schulbeginn wird zeitlich versetzt, um das Dicht-an-dicht in öffentlichen Verkehrsmitteln zu entzerren. Maskenpflicht im Unterricht gilt in Schleswig-Holstein schon seit den Herbstferien. Bildungsministerin Prien meldete am Sonntag, die Infektionszahlen aus den Schulen seien seit einer Woche rückläufig. Eine Zwischenbilanz, die sich manch anderes Bundesland wohl wünschen würde. Ganz sicher aber die Kanzlerin.

Quelle: ntv.de