"Völlig sinnlose Entscheidungen"Stimmung unter russischen Eliten um Putin wandelt sich angeblich

Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine und kein Ende in Sicht: Im Umfeld des russischen Präsidenten wächst einem Bericht zufolge die Unzufriedenheit. Putin soll jedoch weiter entschlossen sein, den gesamten Donbass zu erobern. Unklar ist, welchen Einfluss möglicherweise geschönte Militärberichte haben.
Der Krieg in der Ukraine stockt und die russische Wirtschaft steht unter Druck: Der britische "Guardian" schreibt, angesichts dessen gebe es eine zunehmende Enttäuschung innerhalb der Elite, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin umgibt. "Die Stimmung unter den Eliten hat sich in diesem Jahr definitiv gewandelt (…) es herrscht tiefe Enttäuschung über Putin", wird ein gut vernetzter Wirtschaftsführer zitiert. Das Gefühl wachse, "dass eine Art Katastrophe bevorsteht", fügt er hinzu. "Niemand glaubt, dass morgen plötzlich alles zusammenbrechen wird", so die Quelle. "Aber es wächst die Erkenntnis, dass immer wieder völlig sinnlose, selbstzerstörerische Entscheidungen getroffen werden. Menschen, die Putin einst verteidigten, tun dies nicht mehr. Jegliches Gefühl für eine Zukunft ist verschwunden."
Auch Kreml-freundliche Militärblogger äußerten zuletzt verstärkt Kritik, zudem sanken Putins Zustimmungswerte in der Bevölkerung nach russischen Erhebungen.
Derweil sollen Putins Kriegsziele, zu denen die Eroberung des Donbass gehört, unverändert sein. Dem "Guardian" zufolge sagen zwei Quellen mit Zugang zum russischen Präsidenten, dass dieser deutlich gemacht habe, Russland könne bis Ende des Jahres die gesamte Donbass-Region einnehmen. "Putin ist auf den Donbass fixiert und wird nicht vorher aufhören", erklärt eine der Quellen.
Einen anderen Eindruck zur Lage an der Front vermitteln Experten-Analysen aus den vergangenen Monaten, wonach es Jahre dauern könnte, bis Russland den gesamten Donbass erobert hat. Davon ging etwa die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) in einer Analyse von Ende November 2025 aus. Die russischen Bemühungen zur Eroberung des Gebiets Donezk bedeuteten einen "jahrelangen Kampf", der Russland erhebliche Verluste an Personal und Material kosten würde, hieß es.
"Sie belügen ihn"
Ein ukrainischer Geheimdienstmitarbeiter zeigt sich überzeugt, russische Militärs würden Moskau ein geschöntes Lagebild vermitteln: "Erfundene Berichte werden die Befehlskette hinaufgeschleust, in denen behauptet wird, der Sieg stehe unmittelbar bevor." Der "Guardian" zitiert zudem eine nicht näher bezeichnete Quelle, die mit den Diskussionen im Kreml vertraut sei, mit den Worten: "Natürlich zeichnen Beamte und das Militär dem Präsidenten ein rosiges Bild", so die Quelle. "Sie belügen ihn. So funktioniert das System, das Putin aufgebaut hat."
Dem Bericht des "Guardian" zufolge bleibt unklar, inwieweit Militär und Sicherheitsdienste Putin ein übermäßig optimistisches Bild vermitteln und welchen Einfluss solche mutmaßlich geschönten Berichte auf ihn haben. "Auch falls viele in seinem Umfeld die Realität der Lage verstehen, wissen wir immer noch nicht, was Putin selbst davon versteht, sagt ein hochrangiger europäischer Geheimdienstmitarbeiter der Zeitung zufolge. "Das ist das Schwierigste daran."