Insider: Regierung plant VorstoßTausende fliehen aus dem Umland von Aleppo

Syrien kommt nicht zur Ruhe. Der Übergangspräsident liegt mit der kurdischen Regionalverwaltung über Kreuz, tausende Menschen fliehen, weil sie Kämpfe fürchten. Genau auf die scheint sich die syrische Armee im großen Stile vorzubereiten.
Tausende Menschen sind nach syrischen Behördenangaben aus dem östlichen Umland der Millionenstadt Aleppo geflohen. Sie wollen weiteren Kämpfen zwischen Regierungstruppen und der überwiegend kurdisch geprägten Miliz SDF (Syrian Democratic Forces) ausweichen. Den Angaben zufolge sollen 4.000 Menschen aus den Ortschaften Deir Hafir und Maskana geflüchtet sein.
Insidern zufolge bereitet sich die syrische Armee auf Angriffe gegen kurdisch kontrollierte Städte im Norden und Osten des Landes vor. Ziel sei es, die nach Autonomie strebenden Kurden in den festgefahrenen Verhandlungen mit der Zentralregierung zu Zugeständnissen zu zwingen, sagten mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen.
Der drohende Militäreinsatz verdeutlicht die wachsenden Spannungen zwischen der Regierung von Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa und der kurdischen Regionalverwaltung. Al-Scharaa hat angekündigt, das Land nach 14 Jahren Bürgerkrieg unter einer Führung wiederzuvereinigen.
Bereits in der vergangenen Woche war es zu schweren Kämpfen in kurdisch kontrollierten Stadtteilen Aleppos gekommen. Die Übergangsregierung brachte die kurdischen Stadtviertel Aleppos schließlich militärisch unter ihre Kontrolle. Nun sollen die SDF-Kämpfer weiter nach Osten gedrängt werden. Dort kontrollieren sie weite Teile des Landes.
Türkei stellt sich hinter Damaskus
Mehr als hunderttausend syrische Soldaten könnten an der Offensive in den Provinzen Aleppo und Deir al-Sor teilnehmen, sagte ein hochrangiger Militärvertreter, der an den Planungen beteiligt ist. Truppen seien bereits in die Stadt Deir Hafer, westlich des Euphrat, verlegt worden. Sollte der militärische Druck die Kurden nicht an den Verhandlungstisch zurückbringen, erwägt die Regierung in Damaskus dem Militärvertreter zufolge eine Großoffensive.
Die SDF galten während des Bürgerkriegs in dem Land als wichtigster Verbündeter der USA im Kampf gegen die Terrormiliz IS und beendeten deren Herrschaft in Syrien. Ein Abkommen über ihre Eingliederung in die staatlichen Streitkräfte nach dem Sturz von Langzeitherrscher Baschar al-Assad wurde bisher nicht umgesetzt.
Die USA mahnen zur Zurückhaltung. Der US-Gesandte Tom Barrack erklärte, Washington arbeite ununterbrochen daran, eine Eskalation zu verhindern und die Parteien zu Integrationsgesprächen zurückzubringen. Der türkische Außenminister Hakan Fidan stellte sich indes hinter Damaskus. Er hatte am Donnerstag gesagt: Wenn Probleme nicht durch Dialog gelöst würden, sei Gewalt eine Option für die syrische Regierung.
Syrischer Präsident in Berlin erwartet
Die Regierungstruppen hatten einen "humanitären Korridor" für mehrere Ortschaften östlich von Aleppo eingerichtet, um Zivilisten die Flucht zu ermöglichen. Die Frist dafür lief am Nachmittag ab. SDF-Kämpfer hinderten die Menschen teilweise am Verlassen der Gebiete, wie Augenzeugen einem Reporter vor Ort bestätigten.
Die Übergangsregierung von Präsident Ahmed al-Scharaa wirft der SDF vor, Assad-Anhänger und Mitglieder der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in ihren Reihen zu dulden. Die Kurden wiederum misstrauen den Versprechen des früheren Anführers der Islamistengruppe HTS, al-Scharaa, ihre Rechte zu gewährleisten. Sie warnen zudem vor einem Wiedererstarken des IS.
Seit dem Umbruch ist es mehrfach zu Gewaltwellen durch Kämpfer der neuen Machthaber und deren Unterstützer gegen Minderheiten gekommen. Hunderte Menschen, darunter viele Zivilisten, wurden getötet, etwa bei Auseinandersetzungen mit Drusen im Süden oder Alawiten an der Küste.
Al-Scharaa wird am Montag in Berlin zu seinem ersten Besuch in der Bundesrepublik erwartet. Er trifft dabei Bundeskanzler Friedrich Merz von der CDU. Die Rückführung syrischer Flüchtlinge in ihre Heimat dürfte zu den Hauptthemen gehören.