Politik
Viele der gefälschten Papiere können heutzutage im Internet bestellt werden.
Viele der gefälschten Papiere können heutzutage im Internet bestellt werden.(Foto: dpa)
Dienstag, 04. Oktober 2016

Dokumentation über Passfälschungen: Tausende täuschen bei ihrer Identität

Tausende Flüchtlinge sind ohne Ausweispapiere nach Deutschland gekommen. Andere haben versucht, sich mit gefälschten Pässen registrieren zu lassen. n-tv wirft in einer Dokumentation einen Blick auf das Leben unter falschem Namen.

Ist es möglich, in Deutschland mit einer gefälschten Identität zu leben? Die Antwort von Thomas Simmross lässt wenig Raum für Interpretationen: "Sie legen einen gefälschten Ausweis vor und bekommen eine echte legale Meldeadresse. Damit sind Sie eine amtlich legitimierte falsche Person." Simmross ist Abteilungsleiter im Betrugsdezernat des Landeskriminalamts Berlin. Und er ist einer von vielen Augenzeugen, die in der TV-Dokumentation "Die gestohlene Identität" von n-tv berichten, wie leicht es ist, in der Bundesrepublik unter falschem Namen zu leben und welche Gegenmaßnahmen die Behörden ergreifen.

n-tv-Sendehinweis

Die Dokumentation "Die gestohlene Identität" wird am Dienstagabend um 23.05 Uhr auf n-tv gezeigt. Ab Mittwoch kann man sie auf www.tvnow.de sehen.

Zu einem Problem größeren Ausmaßes wurden gefälschte Identitäten im vergangenen Jahr, als rund 890.000 Flüchtlingen in der Bundesrepublik Schutz vor Krieg und Verfolgung suchten. Nicht alle Flüchtlinge wurden bei ihrer Ankunft registriert. Und bei vielen wurden die angegebenen Daten wie Name und Herkunftsland nicht überprüft. "Wichtig war es zunächst, die Menschen zu versorgen und ihnen eine Unterkunft zu geben. Sie zu registrieren war in diesem Umfang einfach nicht möglich", erklärt der Standortleiter Klaus Dierker von der Erstaufnahmestelle im niedersächsischen Bramsche. Der Großteil der Asylsuchenden hatte auch gar keine Papiere bei sich. Und wenn doch, waren sie nicht immer echt.

So blieben Tausende gefälschte Pässe unentdeckt, vermuten Experten wie LKA-Mann Simmross. Er kennt sich mit den Fälschungen aus und sieht darin ein langfristiges Problem: "Wir vermuten aufgrund unserer Erkenntnisse, dass Betrug und das Ausnutzen von falschen Identitäten eine immer größere Rolle spielen wird", sagt er in der n-tv Dokumentation.

Falsche Identitäten erschweren Terrorermittlungen

Ermittler treibt angesichts der vielen ungeklärten Identitäten auch die Angst vor potenziellen Terroristen um. Der sogenannte Islamische Staat (IS) setzt gezielt darauf, einen Keil zwischen Flüchtlingen und den Gesellschaften, die ihnen Schutz bieten, zu treiben. Deswegen hat er wiederholt versucht, Attentäter nach Europa zu schicken, die sich als Flüchtlinge ausgeben oder Flüchtlinge in Europa für Terrorakte zu gewinnen.

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Traurige Beispiele für diese perfide Strategie gibt es bereits. Der Axt-Attentäter von Würzburg etwa gab sich als ein minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan namens Riaz Khan Ahmadzai aus. Doch an Herkunft, Alter und Name des Mannes kamen schnell Zweifel auf – allerdings erst, nachdem er mehrere Menschen in einem Regionalzug lebensgefährlich verletzt hatte. Niemand hat zuvor die Daten, die er bei seiner Ankunft angab, überprüft. Seine wahre Identität ist der Öffentlichkeit bis heute ein Rätsel. Der IS und seine Anhänger erreichen so vor allem eines: Sie schüren ein pauschale Angst vor Flüchtlingen, die nicht gerechtfertigt ist.

Simmross hat aber nicht nur diesen Fall vor Augen, wenn er von einer angespannten Situation spricht: Die kriminellen Einsatzmöglichkeiten seien vielfältig und reichten von Kontoeröffnungsbetrug bis hin zu schwereren Delikten. Für die meisten Flüchtlinge mit gefälschtem Pass dürfte dagegen ein Motiv im Vordergrund stehen: die Chancen auf Asylanerkennung zu erhöhen.

Identitäten werden gestohlen oder gekauft

Wie funktionieren die Fälschungen? Es gibt echte Dokumente, bei denen nur ein anderes Bild eingeklebt wurde, oder Pässe mit verfälschten Daten. Ein wachsendes Problem stellen neu erstellte Dokumente mit falschen Daten dar.

Während es für Täter immer schwieriger wird, Dokumente authentisch zu verfälschen, hat sich der Kauf von fremden Identitäten vereinfacht. In der Dokumentation erklärt Simmross, wo die Fälschungen herkommen: "Im Ausland, vor allem im asiatischen Raum, gibt es viele fliegende Händler, die auf Marktplätzen neue Papiere und Führerscheine ausstellen. Die größte Herausforderung ist allerdings das Internet. Heutzutage kann man sich die Dokumente einfach bestellen."

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zählte bisher 3311 falsche Pässe. Einige Bundesländer werfen dem Amt vor, viele Papiere nicht ordentlich überprüft zu haben. Das Bamf weist die Vorwürfe von sich. Doch der Betrug ist oft nicht leicht auszumachen. Die Behörden sind darauf angewiesen, dass dem Sachbearbeiter vor Ort Unstimmigkeiten auffallen. Dazu benötigen die Mitarbeiter Spezialwissen, das gerade bei kleineren Gemeinden und Meldebehörden oft fehlt.

Eine Lösung des Problems gibt es derzeit nicht. Es ist zudem eine Frage der Technik. Geräte, die eine Fälschung erkennen würden, sind noch nicht überall vorhanden. Auch sind Mitarbeiter im Umgang mit Straftätern nicht geschult.

Quelle: n-tv.de