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Tote selbst schuld? Tory-Politiker empört Grenfell-Opfer

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72 Menschen starben beim Brand am 14. Juni 2017. 55 von ihnen war geraten worden, in den Wohnungen zu bleiben.

(Foto: REUTERS)

Der Wahlkampf startet in Großbritannien. Und die Tories - ohnehin oft als kaltherzige Partei verrufen - haben ein Problem. Der Grund: Einer ihrer Spitzenleute, Jacob Rees-Mogg, wirft den Opfern der Brandkatastrophe im Grenfell-Tower einen Mangel an "gesundem Menschenverstand" vor.

Der Tory-Abgeordnete Jacob Rees-Mogg provoziert gerne. Erst kürzlich lümmelte sich der Vorsitzende des britischen Unterhauses gelangweilt auf einer Bank im Parlament und labte sich an der anschließenden Empörung. Auch in dieser Woche schaffte es der Brexit-Hardliner wieder, öffentlichen Zorn zu entfachen, allerdings unfreiweillig. In einem Interview am Montag äußerte er sich zu der Londoner Brandkatastrophe im Grenfell-Tower im Juni 2017 und warf den mehr als 70 Opfern indirekt vor, an ihrem Tod mit schuld zu sein.

Im Radio-Sender LBC sagte der schwerreiche Eton- und Oxford-Absolvent Rees-Mogg dem Moderator, dass die Katastrophe verstärkt worden sei durch die Anweisung der Feuerwehr an die Bewohner, in ihren Wohnungen zu bleiben. "Ich glaube, wenn einer von uns von einem solchen Feuer betroffen wäre, würden wir - ganz gleich was die Feuerwehr sagt - das brennende Haus verlassen. Es scheint einfach eine Sache des gesunden Menschenverstandes, und es ist so eine Tragödie, dass dies nicht geschah." Aber, so fügte Rees-Mogg hinzu: Dies habe nichts mit der ethnischen Herkunft oder Klasse zu tun.

Unterstützung bekam Rees-Mogg noch von seinem Brexiteer-Kollegen Andrew Bridgen. Der Abgeordnete deutete an, dass Rees-Mogg die Grenfell-Tragödie überlebt hätte. Schließlich sei er "clever" und hätte das Gebäude trotz der behördlichen Anweisung verlassen.

Tatsächlich hatte ein Untersuchungsbericht erst Ende Oktober der Feuerwehr "systemisches Versagen" vorgeworfen. Im Mittelpunkt der Kritik stand besonders deren Aufforderung, in den Wohnungen zu bleiben - und das zu einem Zeitpunkt, als die Treppen noch begehbar waren. Dies habe zu mehr Todesopfern geführt. Insgesamt starben 72 Menschen, das jüngste Opfer war gerade sechs Monate alt.

Scharfe Kritik an Rees-Mogg

Rees-Moggs Einschätzung kam nicht gut an. Die Betroffenenvereinigung "Gerechtigkeit für Grenfell" nannte dessen Kommentar "abstoßend". Und für die Opposition, die den Tories ohnehin gerne mangelnde Empathie gegenüber sozial Schwachen vorhält, war er ein gefundenes Fressen. Labour-Chef Jeremy Corbyn forderte eine Entschuldigung und fragte auf Twitter: "Was bewegt jemanden, so auf eine völlig vermeidbare Katastrophe wie beim Grenfell-Tower zu reagieren, indem man den Opfern einen Mangel an gesundem Menschenverstand vorwirft? Die Menschen waren in Panik, viele starben beim Versuch sich zu retten."

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Lange galt er vor allem als Exzentriker: Jacob Rees-Mogg.

(Foto: REUTERS)

Immerhin hat offenbar auch Rees-Mogg gemerkt, dass er sich im Ton vergriffen hat. Im "Evening Standard" entschuldigte er sich "zutiefst". "Was ich sagen wollte, ist, dass ich auch den Rat der Feuerwehr befolgt und gewartet hätte", erklärte Rees-Mogg und fügte an: "Ich würde es hassen, die Menschen von Grenfell zu verärgern, falls ich mich mit meinen Kommentaren unklar ausgedrückt habe." Auch sein euroskeptischer Parteikollege Bridgen drückte inzwischen über Twitter sein Bedauern aus. Er wolle in keiner Weise den Schmerz, den dieses tragische Ereignis verursacht habe, verstärken.

Inzwischen hat sich auch der Generalsekretär der Konservativen, James Cleverly, zu Wort gemeldet. Schließlich kommt Rees-Moggs Bemerkung zur Unzeit, am 12. Dezember wählen die Briten mal wieder ein neues Parlament. Cleverly würdigte die Entschuldigung seines Parteikollegen, musste aber auch eingestehen: Der Kommentar habe "viel Schmerz und Leid" verursacht. Kaum einer könne sich wohl vorstellen, welche Entscheidungen man in so einer Situation treffe.

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Quelle: n-tv.de

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