Politik

"Hinter der Front geblieben"Trump: Europäer haben sich in Afghanistan zurückgehalten

23.01.2026, 12:38 Uhr
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Im afghanischen Camp Marmal gab es ein Ehrenmal für gefallene Nato-Soldaten. (Foto: picture alliance/dpa)

Viele Menschen in Europa haben die Ansprüche des US-Präsidenten Trump auf Grönland, die drohende Implosion der Nato noch gar nicht verdaut, da setzt Trump schon an zum nächsten Hieb: Er sagt, die Verbündeten hätten sich in Afghanistan nur hinter der Frontlinie herumgedrückt.

US-Präsident Donald Trump stuft den Beitrag anderer Nato-Staaten im Afghanistan-Krieg als nicht substanziell ein. In einem Interview mit dem Sender Fox News sagte er, man habe die Truppen der Verbündeten in Afghanistan nie gebraucht. "Sie werden sagen, sie würden Truppen nach Afghanistan schicken oder so und das haben sie gemacht", sagte Trump wörtlich und fügte hinzu: "Sie blieben immer etwas weiter hinten, ein wenig hinter der Frontlinie". Man habe die Nato nie um etwas gebeten.

Tatsächlich hatten die USA nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 bei der Nato die Ausrufung des Bündnisfalls beantragt. Wenig später rief das Verteidigungsbündnis diesen aus, der Krieg in Afghanistan war die Folge.

Dutzende Nato-Staaten schickten Soldaten. Insgesamt starben etwa 3600 Soldaten der von den USA angeführten Koalition. Unter den Opfern waren unter anderem 2420 US-Soldaten, 457 britische Militärangehörige, 159 kanadische, 90 französische, 53 italienische, 44 dänische und 59 deutsche. Außerdem starben 3 deutsche Polizisten in Afghanistan.

"Wie kann er nur?"

Trumps Äußerungen zeigen die zunehmende Entfremdung der USA von der Nato. Trumps Ansprüche auf Grönland hatten die in den vergangenen Wochen weiter verstärkt. Die britische Labour-Politikerin Emily Thornberry nannte Trumps jüngste Aussagen eine "absolute Beleidigung". In einer Sendung der BBC fragte sie: "Wie kann er es wagen, zu sagen, wir wären nicht an der Front gewesen? Wie kann er nur?" Sie sei "stolz" darauf, dass Großbritannien sich Trumps Grönland-Ambitionen widersetzt habe.

Auch in Dänemark dürften Trumps Aussagen nicht gut ankommen. Denn dass Trump Dänemark dessen Staatsgebiet streitig machen will, hatte in den vergangenen Tagen bei vielen dänischen Veteranen für Unmut gesorgt. Der US-Sender ABC etwa zitierte am Mittwoch einen 46-jährigen Dänen Martin Tamm Andersen mit den Worten: "Als Amerika uns nach dem 11. September brauchte, waren wir da." Dass Trump jetzt einen Teil Dänemarks übernehmen wolle, mache ihn traurig. "Das ist ein Verrat an der Loyalität unserer Nation gegenüber den USA und unserem gemeinsamen Bündnis", so Andersen. Dänemark hatte 12.000 Soldaten nach Afghanistan geschickt, gemessen an der Bevölkerungsgröße des Landes hatte es die höchsten Verluste zu verkraften.

Die USA wollten gemocht und respektiert werden, sagte Trump. Man komme mit der Nato gut aus, aber er habe immer gefragt: "Werden sie je da sein, wenn wir sie brauchen?" Während der dänische Veteran Andersen diese Frage bejaht, legt Trump die Sache anders aus. "Ich denke, wir haben 100 Prozent der Nato-Kosten bezahlt", sagte er, die Nato sei bisher eine Einbahnstraße gewesen.

"Vielleicht sollten wir die Nato testen", schrieb Trump wenige Stunden nach seinem Interview auf Truth Social. Man könnte den Artikel 5 geltend machen, schlug er vor, die Nato dazu zwingen, die Südgrenze der USA vor der "weiteren Invasion durch illegale Einwanderer zu schützen". So würden enorme Kapazitäten an Grenzbeamten frei.

Trumps Aussagen werden in britischen Medien und von britischen Politikern immer wieder in Zusammenhang mit dessen eigener Militärvergangenheit gerückt: Trump war während des Vietnamkriegs wehrpflichtig, wurde aber wegen seines Studiums mehrmals zurückgestellt. 1968 wurde er schließlich wegen eines Fersensporns als "dienstuntauglich" eingestuft und ausgemustert. Laut dem US-Sender CNN sagten die Töchter des Arztes, der damals das Attest ausstellte, später aus, ihr Vater habe Trumps Vater einen Gefallen getan. Belege dafür gibt es nicht.

Es ist nicht das erste Mal, dass Trump vorgeworfen wird, gefallenen Soldaten zu wenig Achtung entgegenzubringen: Bei einem Besuch Frankreichs im Jahr 2018 soll er es abgelehnt haben, den US-Militärfriedhof Aisne-Marne bei Paris zu besuchen. Dem Magazin "The Atlantic" zufolge, das sich auf mehrere Zeugen berief, hat Trump damals seine Mitarbeiter gefragt: "Warum sollte ich diesen Friedhof besuchen? Er ist gefüllt mit Verlierern." Trump dementierte den Bericht, das Weiße Haus bezeichnete die Anschuldigungen als "ekelhafte, groteske und verwerfliche Lügen".

Quelle: ntv.de, lwe

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