Politik

Der Wahlkampf und das "Corona-V" Trump geht über 100.000 Gräber hinweg

62463f002e691a4c1c0c345571bc2eaf.jpg

Vier weitere Jahre? Donald Trump stellt sich inmitten der Pandemie zur Wiederwahl.

(Foto: AP)

Eine sechsstellige Zahl an Toten - die hatten die USA das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg zu beklagen. Wie geht Präsident Trump damit um? Er macht Wahlkampf. Die Aussichten bescheren manchen Demokraten schon jetzt schlaflose Nächte.

Misst man Donald Trump an seiner Aussage, er sei ein "Kriegszeitpräsident", dann schneidet er als wahrhaft miserabler Oberkommandeur ab. In der Covid-19-Krise in den USA hat die Totenstatistik die 100.000er Marke überschritten. Die Zahl bestätigt all jene Ärzte, Virologen und andere Experten in ihren schlimmsten Befürchtungen. Schon im März waren viele ernst zu nehmende Stimmen von einer solchen Mindestzahl an Opfern ausgegangen. Die Zwischenbilanz bei den Corona-Toten widerlegt nebenbei auch Trump, der die tödliche Gefahr durch das Virus immer wieder kleinreden wollte. Es sind diese Toten, diese Gräber, die seine Präsidentschaft in der Erinnerung der US-Amerikaner prägen wird. Wie geht er damit um?

*Datenschutz

Trump war von Anfang an ein höchst umstrittener "Commander in Chief", dafür brauchte es kein Corona. Er selbst provozierte, wo es nur ging; Minderheiten, Mitarbeiter, politische Gegner und die Presse. Trotz der Gefahr durch Sars-CoV-2 setzt er dies fort. Er nutzt zudem Kriegsrhetorik, handelt aber, als stünde er nur auf einer Bühne; er führt keinen generalstabsmäßig durchdachten Anti-Corona-Feldzug an, sondern versucht lieber die Wahrheit zu verbiegen. Alle rechtzeitig ausgesprochenen Warnungen vor der heranrollenden Pandemie-Gefahr ließ er ungehört. Und selbst jetzt noch, da mehr als 100.000 seiner Landsleute gestorben sind, ignoriert er öffentlich drängende Empfehlungen seiner eigenen Seuchenschutzexperten.

Beispiele dafür gibt es genug: Anthony Fauci etwa, das Gesicht der "Corona Task Force" im Weißen Haus, sagte im Beisein Trumps, man könne zur Wirkung des Anti-Malaria-Medikaments Hydroxychloroquin keine definitive Aussage treffen. Trump widersprach sogleich. Er sei ein "großer Fan" des Medikaments, habe schon "tolle Dinge" gesehen und behauptete schließlich sogar, er nehme das Mittel vorsorglich selbst. Das ist mehr als nur fragwürdiges Verhalten: Unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht Hydroxychloroquin überaus kritisch. Ein echter Nutzen des Wirkstoffs im Kampf gegen das Coronavirus ist alles andere als erwiesen. Stattdessen könnte er, heißt es, möglicherweise zu schweren Herzproblemen oder sogar zum Tod führen.

Trump hatte auch schon vorgeschlagen, das Coronavirus mit starken Lichtquellen oder Bleichmitteln zu bekämpfen und allen Ernstes im Beisein führender Pharma-Bosse nachgefragt, ob eine ordentliche Grippe-Impfung gegen Covid-19 helfen könnte. Die Antwort lautete nein. Sein Führungsversagen, sein Problem mit wissenschaftlich belegten Fakten und seine Neigung zur Nebelkerzen-Taktik kosten die Vereinigten Staaten Menschenleben in historischem Außmaß.

Opferzahlen im sechsstelligen Bereich hatten die USA in ihrer bisherigen Geschichte nur wenige Male zu verkraften. Jedes Mal hinterließen diese Ereignisse bis heute sichtbare, tiefe Narben. Der große Bürgerkrieg der Union gegen die Südstaaten war eines dieser epochemachenden Ereignisse. Der Erste und der Zweite Weltkrieg die beiden anderen. Seither musste die US-Öffentlichkeit nie wieder um Tote in dieser Größenordnung trauern - nicht beim großen Trauma von Vietnam, als auf amerikanischer Seite in mehr als zehn Kriegsjahren 58.209 Tote zu beklagen waren; nicht bei der Zeitenwende 9/11 und all den Folgen dieser Anschläge. Schon jetzt sind Sars-CoV-2 fast so viele Menschen zum Opfer gefallen wie in allen US-Kriegen seit dem Jahr 1945 zusammen. Schon in den kommenden Tagen wird diese Marke überschritten.

Wer kritisiert, fliegt

Mit diesen Zahlen im Rücken bemüht sich Trump um eine zweite Amtszeit. Die Corona-Krise stellt alle anderen Themen in den Schatten. Trump reagiert und schart wissenschaftliche Expertise um sich, widerspricht seinen Fachleuten aber immer wieder. Das ist scheinbar paradox, aber möglicherweise eine Mischung aus Kalkül und Impulsivität: Trump braucht einerseits ihr fachliches Gewicht, will sich aber andererseits nicht unterwerfen und präsentiert sich als starker Mann, der eigene Lösungen sucht. Doch missliebige Stimmen werden aus dem Weißen Haus entfernt, sobald sich der Präsident angegriffen fühlt; auch als Warnung an andere.

Eine ganze Reihe von Ressortchefs hat seit 2017 bereits ihre Posten verloren, ebenso hochrangige Köpfe in den Behörden, Nachtreten inklusive: Ex-Justizminister Jeff Sessions etwa, der sich in den Ermittlungen zur Russland-Affäre für befangen erklärt hatte und damit in den Augen Trumps nicht loyal verhielt, muss dafür noch immer büßen. Sessions sei eben geistig nicht in der Lage gewesen, sein Amt auszuführen, tönte Trump vergangene Woche. Sprich: Sessions sei zu dumm.

*Datenschutz

Auch Spezialisten und Führungskräfte, die jahrelange Erfahrung im Amt mitbringen, bekommen Trumps Zorn schnell zu spüren. Als Ende März ein Prüfbericht eklatante Mängel in landesweit mehr als 300 Krankenhäusern feststellte, die eine angemessene Reaktion auf Covid-19 und den erwartbaren Ansturm von Infizierten verhindern würde, nannte Trump das missliebige Dokument schlicht ein "Fake-Dossier" und behauptete: "Es stimmt nicht." Kurze Zeit später war die verantwortliche Prüferin ihren Job los. Sie hatte weit mehr als 20 Jahre Erfahrung im Staatsdienst.

Die Show-Oberfläche ist Trump wichtiger als die Wirklichkeit. Zuletzt gab das Weiße Haus Richtlinien an Bundesstaaten heraus, wann und wie die Corona-Auflagen wieder zurückgefahren werden können. Richtschnur ist dabei offenbar nicht das Ansteckungsrisiko, sondern das Motto "Opening America". Die Staaten sollen so schnell wie irgend möglich wieder zum Normalzustand zurückkehren. Politische Führung oder Koordination darüber hinaus fehlt. Im ganzen Land lockern Gouverneure nun auf eigene Faust die Beschränkungen. Nicht alle halten sich an Trumps Richtlinien. In mehreren Bundesstaaten steigen die Fallzahlen wieder an.

*Datenschutz

Trump schießt sich zudem seit Tagen auf Joe Biden ein, seinen voraussichtlichen Konkurrenten im anstehenden Präsidentschaftswahlkampf. Sein Wahlkampfteam versucht Biden dabei als Teil des "Sumpfes" in Washington darzustellen. Zugleich laufen Kampagnen in mehreren umkämpften Bundesstaaten. Trump versucht auch in der Krise vor allem seine eigene Klientel zu bedienen, anstatt die US-Amerikaner hinter sich zu einen, wie es anderen Präsidenten in großen Krisen gelang - sei es Franklin D. Roosevelt im Zweiten Weltkrieg, John F. Kennedy in der Kuba-Krise oder George W. Bush nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001. Trump bemüht sich nicht einmal darum, die US-Amerikaner zum Zusammenhalt aufzurufen.

Er macht stattdessen das, was er schon 2016 tat: er polarisiert. So attackierte er beispielsweise New York für seine angeblich übertriebenen Totenzahlen. Wählerstimmen wird ihn das dort kaum kosten: New York City, Trumps frühere Heimat, ist unangefochtenes Territorium der oppositionellen Demokraten. Der Präsident ist dort vielleicht so unbeliebt und verlacht wie nirgendwo sonst im Land. In Umfragen seit März haben höchstens 33 Prozent der Befragten im gesamten Bundesstaat New York angegeben, Trump wählen zu wollen. Zugleich sagten mindestens 55 Prozent, sie würden sich für den voraussichtlichen Herausforderer Joe Biden entscheiden.

Auf die Krise folgt der Boom?

Legt man die Daten der Corona-Toten auf der Landkarte mit den Parteipräferenzen übereinander, wird sichtbar: Die Hochburgen der Demokraten, vor allem Städte, sind wie alle wirtschaftlich aktiven und international verflochtenen Regionen der Welt besonders stark von der Ansteckungswelle betroffen. Trumps Basis lebt dagegen tendenziell auf dem Land. Dort bekommen die Menschen von Corona weniger mit. Warum also sollte Trump seine bislang stets so erfolgreiche Strategie ändern? Schließlich haben ihn poltern, verdrehen und stumpfe Wiederholungen schon einmal ins Weiße Haus gebracht. Trump siegte 2016 entgegen den Vorhersagen von Meinungs- und Wahlforschern. Der "Sumpf", das sind für die Republikaner meist die Städte; New York City ohnehin. Dort wählten vor vier Jahren schwindelerregende 79 Prozent Trumps Konkurrentin Hillary Clinton, Trump dagegen nur 19 Prozent.

Vor Corona war die Wirtschaft das mit Abstand stärkste Argument der Republikaner, um Wähler zu überzeugen. Nun erleben die Vereinigten Staaten den stärksten Anstieg der Arbeitslosigkeit seit Beginn der Statistik. Bis Anfang des Monats stellten mehr als 30 Millionen Menschen einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe, so viele wie noch nie in der Geschichte der USA. Von 50 Bundesstaaten meldeten 43 für April ihre höchsten jemals gemessenen Arbeitslosenquoten. Schon werden Räumungsklagen verhandelt, weil Menschen ihre Mieten nicht mehr zahlen können. Es drohen Bilder wie in der Finanzkrise, als ganze Zeltstädte mit neuen Obdachlosen entstanden.

Zugleich rückt der fest eingeplante Wahltermin immer näher. Um sich eine zweite Amtszeit zu sichern, will Trump das Ruder so schnell wie möglich herumreißen. In Sachen Wirtschaft vertrauen die Wähler laut Meinungsforschern derzeit tatsächlich Trump etwas mehr als Biden. Jedoch sagen nur 71 Prozent unter den Anhängern der Republikaner, die USA hätten mindestens gut auf die Corona-Bedrohung reagiert. Die Bevölkerungsgruppe über 65 Jahre, in der besonders viele Todesopfer zu beklagen sind, sieht den Präsidenten viel kritischer als vorher. Das würde eigentlich mindestens ein Kopf-an-Kopf-Rennen versprechen.

Es gibt jedoch etwas, das führenden Demokraten schlaflose Nächte bereitet. In TV-Spots sagt der Präsident, er habe die beste US-Wirtschaft aller Zeiten erschaffen und er werde es wieder tun. Sogar eingefleischte Demokraten beschreiben diesen "Rebound"-Effekt in aller Öffentlichkeit. "Wir werden die besten Wirtschaftsdaten in der Geschichte dieses Landes sehen", prophezeit etwa ein Ökonom aus dem Team von Trumps Vorgänger Barack Obama schon seit Wochen. Die Kurve, sagt er, werde "wie ein V aussehen". Er geht wie die Republikaner nach dem schlechtesten zweiten Jahresquartal von einem unfassbaren Boom im dritten aus, also direkt vor den Präsidentschaftswahlen.

Noch rollt die erste Welle der Pandemie durch die USA. Wie es im Herbst weitergeht und wie die Wirtschaftsdaten dann aussehen, das steht noch in den Sternen. Die große Frage bleibt am Wahltag ohnehin, wie die Masse der Wähler die Lage bewertet. Sehen die Amerikaner Trump als den Mann, der entscheidende Mitschuld daran trägt, dass mehr als 100.000 Menschen zu Tode kamen? Dann wird die Präsidentschaftswahl im Herbst für Biden ein Durchmarsch. Aber Trump könnte auch - trotz aller tödlicher Versäumnisse in der Corona-Krise - eine Mehrheit von sich überzeugen.

Quelle: ntv.de