Politik
Auf dem Rücken der Bestie: Migranten aus Honduras warten auf den nächsten Zug, der sie an die Grenze der USA bringen soll.
Auf dem Rücken der Bestie: Migranten aus Honduras warten auf den nächsten Zug, der sie an die Grenze der USA bringen soll.(Foto: Issio Ehrich)
Samstag, 21. April 2018

Migranten in Mexiko reagieren: Trumps Politik wirkt

Von Issio Ehrich, Nogales und Tenosique

US-Präsident Trump wird gern als twitternder Dampfplauderer belächelt. Geht es um das Thema Zuwanderung, schafft er in Mexiko allerdings neue Realitäten. Einige sind erwartbar, andere ziemlich überraschend.

Als Donald Trump US-Präsident wurde, kaufte Juan Francisco Loureiro Gift gegen Ungeziefer. Er kaufte viel. Seine Vorräte sollten bis Dezember 2018 reichen. Loureiro besorgte auch kistenweise Shampoo und frische Bettlaken. Er baute einen neuen Lagerraum, um alles verstauen zu können.

Loureiro betreibt in der mexikanischen Grenzstadt Nogales eine Notunterkunft für Migranten. Die Aussicht auf Trumps neue Migrationspolitik besorgte ihn so sehr, dass er sich auf dramatisch steigende Zahlen von Abschiebungen vorbereitete. Er vereinbarte Rabatte mit den lokalen Lebensmittelhändlern, um den Hunger der Neuankömmlinge stillen zu können. Er traf sogar Vorsorge für den Fall, dass Nogales unter dem Ansturm der hilfsbedürftigen Abgeschobenen aus dem Norden kollabieren würde. Loureiro sagt, er habe sich von allen Gouverneuren der mexikanischen Bundesstaaten Unterstützung zusichern lassen.

Juan Francisco Loureiro blickt auf die Bilder der Überwachungskameras der Juan-Bosco-Unterkunft für Migranten. Viele Menschen bekommt er dort nicht zu sehen.
Juan Francisco Loureiro blickt auf die Bilder der Überwachungskameras der Juan-Bosco-Unterkunft für Migranten. Viele Menschen bekommt er dort nicht zu sehen.(Foto: Issio Ehrich)

Jetzt sitzt Loureiro, ein bulliger Typ mit Oberlippenbart und väterlichem Auftritt, in seinem Büro und starrt auf einen Monitor. Auf einem Karree aus Überwachungsbildern ist fast jeder Raum seiner Unterkunft zu sehen. Loureiro blickt auf leere Flure, unberührte Betten. Und er versichert: Der neue Lagerraum ist berstend voll mit seinen Vorräten.

Vor Trumps Amtsantritt lebten rund 200 Menschen in der Unterkunft Juan Bosco. Loureiro bereitete sich nach dem Machtwechsel in Washington auf 500 vor. Doch die Menschen kamen nicht. "Wir haben gerade 40 Gäste", sagt Loureiro.

Diese Entwicklung beschränkt sich nicht auf das Zentrum in Nogales. Im Fiskaljahr 2016, also vor Trumps Amtszeit, schickten die USA knapp 150.000 Migranten zurück nach Hause. 2017 waren es 130.000.

Trump gilt als Maulheld, der an einem Tag etwas sagt, was er am nächsten schon wieder vergessen hat. Doch wer glaubt, die großspurigen Ankündigungen des US-Präsidenten zur Migrationspolitik verpuffen, irrt. Die Zahl der Abschiebungen allein sagt nicht viel aus.Trump schiebt zwar nicht mehr Menschen nach Mexiko ab. Aber er schiebt andere ab. Und das ist nur ein Teil eines komplexen Trump-Effekts auf die Migration.

Abgeschoben in ein fremdes Land

An einer vielbefahrenen Straße in Nogales hält ein weißer Van. Die Scheiben des Fahrzeugs sind nicht nur verdunkelt, hinten sind sie durch Gitternetze verstärkt. Eine Tür öffnet sich, eine Frau in blauer Uniform steigt aus. Es ist die Uniform der Grupos Beta (deutsch: Beta-Gruppen), einer staatlichen Migrationsbehörde. Die Frau blickt zurück in den Van und winkt jemanden hinter sich her. Zwei andere Frauen und ein Mann tapsen unsicher auf den Asphalt. Sie wurden gerade aus den USA abgeschoben. Sean Carroll hat neue Kundschaft.

Abgeschoben und abgeladen: Die mexikanische Migrationsbehörde Grupos Beta bringt Menschen, die gerade deportiert wurden, zu einer privaten Suppenküche.
Abgeschoben und abgeladen: Die mexikanische Migrationsbehörde Grupos Beta bringt Menschen, die gerade deportiert wurden, zu einer privaten Suppenküche.(Foto: Issio Ehrich)

Carroll ist ein katholischer Pfarrer aus den USA und der Direktor der Kino Border Initiative, die hier an dieser Verkehrsstraße eine Suppenküche betreibt. Anders als in vielen europäischen Staaten kümmert sich in Mexiko nicht der Staat um Hilfsbedürftige. Die Grupos Beta sammelt Migranten, die nach Nogales abgeschoben wurden, am Grenzübergang ein und lädt sie bei Carroll ab.

Der Pfarrer empfängt seine neuen Gäste, danach nimmt er sich ein wenig Zeit, um die Situation, die Trump geschaffen hat, zu schildern. Es ist kompliziert, deshalb nimmt er seine Hände zur Hilfe. Carroll ahmt eine völlig aus dem Lot geratene Waage nach. Die rechte Hand hängt hoch in der Luft. Sie steht für die Zahl der Menschen, die die US-Amerikaner abschieben. Er lässt sie langsam von Kinn auf Brusthöhe sinken. Soll heißen, die Zahl der Menschen, die in ihre Heimat zurück müssen, sinkt. Carrolls linke Hand steht für einen bestimmten Teil dieser abgeschobenen Menschen. Er steht für illegale Einwanderer, die schon Jahre, manchmal Jahrzehnte, unbemerkt in den USA gelebt haben. Die linke Hand schnellt nach oben. "Trump hat diese Entwicklung ausgelöst", sagt Carroll. Er verweist auf einen Paradigmenwechsel im Vollzug der US-amerikanischen Migrationspolitik. Und der entfaltet auch hier in seiner Suppenküche seine Wirkung.

Unter dem früheren US-Präsidenten Barack Obama konzentrierten sich die Beamten der US-Border Patrol und der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement)darauf, illegale Einwanderer zu stellen, die gerade über die Grenze gekommen waren. Im Inland stürzten sie sich in der Regel nur auf Migranten, die schwere Straftaten begangen hatten. Diesen Fokus auf die akuten Problemfälle ließen die Behörden auf Trumps Wunsch hin fahren. Border Patrol und ICE greifen jetzt immer häufiger sogenannte "non criminal aliens" auf, Menschen, die ein ziemlich normales, unauffälliges Leben in den USA geführt haben. Anlass für eine Festnahme und den Beginn des Abschiebungsprozesses kann sein, dass sie zu schnell auf der Autobahn unterwegs waren, vergessen haben, sich ein Busticket zu kaufen oder ihre Bierflasche nicht in eine Papiertüte gewickelt haben. Einige Beamte fühlten sich zu einer grundsätzlichen Jagd auf illegale Einwanderer aufgerufen. Im Jahr 2017 nahmen sie rund 40 Prozent mehr solcher Einwanderer fest als im Jahr zuvor.

"Diese Menschen wieder zu integrieren, ist viel schwieriger", sagt Pfarrer Carroll. "Viele Abgeschobene sprechen kein Spanisch, sie haben hier keine Familie, keine Anknüpfungspunkte."

"Das ist nicht mehr das Land, das ich aus meiner Kindheit kenne"

Nur ein paar Meter von Carroll entfernt sitzt Heriberto, ein großer Kerl mit unendlich traurigen Augen. Heriberto kommen noch immer die Tränen, wenn er an seine Abschiebung denkt - eine Abschiebung nach 18 Jahren in den USA.

Heriberto hatte sich eingerichtet in den USA. Er hatte Arbeit als Gärtner und eine Freundin, mit der er mittlerweile seit 15 Jahre eine liebevolle Beziehung führt. Heriberto zeugte mit der Nordamerikanerin einen Sohn. Die kleine Familie kaufte sich Hunde. Sie träumte von einem neuen, eigenen Haus. Dann kam der 24. Oktober.

In der Suppenküche der Kino Border Initiative: Heriberto wurde nach 18 Jahren in den USA abgeschoben.
In der Suppenküche der Kino Border Initiative: Heriberto wurde nach 18 Jahren in den USA abgeschoben.(Foto: Issio Ehrich)

Als Heriberto gerade zur Arbeit fuhr, stoppte ihn die ICE. Die Mitarbeiter hielten ihn zwei Monate lang in Abschiebehaft fest, bevor sie ihn in Nogales aussetzten. Dort angekommen, brachte Grupos Beta ihn mit einem ihrer weißen Vans zu Pfarrer Carroll. Seine Familie hat er seit Monaten nicht gesehen. Ihm bleibt nur das Telefon. Heribertos einzige Hoffnung auf eine Rückkehr zu seinem alten Leben ist eine Hochzeit mit seiner Freundin.

Geschichten wie die von Heriberto sprechen sich herum. Und das wirkt sich auf die Migrationsströme aus.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass schon unter US-Präsident Bill Clinton eine Grenzschutzstrategie der "Prevention Through Deterrence" etabliert wurde, eine Politik der Abschreckung. Es gilt als unmöglich, die komplette US-Grenze zu sichern. Seit Mitte der Neunziger, so der Vorwurf, setzen die Grenzschützer deshalb darauf, Migranten durch gezielte Kontrollen in besonders unwegsames Gelände zu drängen. Zum Beispiel die Wüste Arizonas. Wer es in die USA schaffen will, muss einen lebensgefährlichen Marsch durch die Ödnis wagen. Tausende zahlten beim Versuch, in die USA zu kommen, bereits den höchsten Preis.

Trump fügt dieser Form der Abschreckung eine weitere Facette hinzu: nicht nur mit dem geplanten Bau der Mauer. Er sendet noch ein weiteres Signal: Selbst wer die vielfältigen Gefahren auf sich nimmt und es irgendwie in die USA schafft, wird sich dort niemals sicher fühlen können.

Zahl der Migranten bricht ein

2500 Kilometer südöstlich von Nogales liegt der Ort Tenosique, ein Kaff am Usumacinta, dem wasserreichsten Fluss Mittelamerikas. Und ein Kaff, an dem "die Bestie" vorbeirollt. So heißen die berüchtigten Güterzüge, auf die Flüchtlinge aus Zentralamerika und Mexiko klettern, um kostenlos an die Grenze der USA zu kommen. In Tenosique ist wie an keinem zweiten Ort zu spüren, wie Trumps Abschreckungsstrategie wirkt.

Im La 72: Die Unterkunft im Süden Mexikos liegt an der Strecke der "Bestie".
Im La 72: Die Unterkunft im Süden Mexikos liegt an der Strecke der "Bestie".(Foto: Issio Ehrich)

Ramón Márquez ist so dünn, man könnte meinen, vor lauter Fürsorge für andere komme er selbst nicht mehr zum Essen. Der Spanier leitet hier in der Nähe der Grenze Guatemalas die Flüchtlingsunterkunft "La 72". Márquez sagt: "Im Jahr 2017 gingen die Migrationsströme hier um 40 Prozent zurück." Er berichtet von 7950 Personen, die bei ihm auf dem Weg nach Norden Unterschlupf suchten - ein neuer Tiefpunkt. Eine Entwicklung, die sich auch über die Unterkunft "La 72" hinaus belegen lässt. Die US Border Patrol fasste im Fiskaljahr 2017 rund 310.000 illegale Einwanderer beim Grenzübertritt. Der niedrigste Wert seit 1971. Diese Entwicklung hat schon lange vor Trump begonnen, doch der neue US-Präsident hat sie kräftig befeuert.

Wer sich auf dem Gelände von "La 72" umhört, trifft auf Männer wie José Luis. In seiner Heimat El Salvador wurde der Kleinunternehmer von der Gang Mara Salvatrucha (MS13) um Schutzgeld erpresst. Sie kidnappten ihn, schlugen ihn, drohten, ihn zu ermorden. Einen seiner Mitarbeiter erschossen sie. José Luis floh nach Mexiko. Und er will dort bleiben. Nicht wegen Trump, sagt er. Er sagt aber auch: "Hier kann ich Papiere bekommen, hier kann ich frei sein." Wenn er dagegen in den USA erwischt würde, müsste er einen hohen Preis zahlen. An dieser Stelle schließt sich der Kreis ein wenig: Trumps Drohungen schrecken Migranten tatsächlich ab. Und wenn sich weniger Menschen auf den Weg in die USA machen, ist es kein großes Wunder, dass auch die Zahl der Abschiebungen zurückgegangen ist, obwohl der US-Präsident eine härtere Politik angekündigt hat. Statt Leuten, die über die Grenze kommen, geht es nun zusehends um Leute, die schon im Land sind. Zurzeit zumindest.

Im "La 72" gibt es auch andere Stimmen als die von José Luis.  Marvin sitzt am Rande des Fußballfeldes im Innenhof. Für seine 35 Jahre sieht er unfassbar alt aus. Ein Zeichen der Armut? Marvin sagt:  "Das wird ein wilder Ritt." Der Mann aus Guatemala spricht über die Fahrt auf der "Bestie". "Ich habe keine Angst", fügt er hinzu. Er will in die USA und ist bereit, alle Risiken in Kauf zu nehmen, auch die der Abschiebung, wenn er den Treck überlebt hat. Marvin ist jedes Mittel recht, um seine Frau und zwei Kinder in der Heimat irgendwie durchzubringen. Und er ist derzeit bei Weitem nicht der einzige, der so denkt.

Neuer Hass

"La 72"-Direktor Márquez erinnert die Situation an das Jahr 2014, als die mexikanische Regierung ihre Abschottungspolitik mit dem Programm Frontera Sur (Südgrenze) verschärfte. Polizei und Migrationsbehörden nahmen mehr Menschen im Inland fest, die Zahl der Abschiebungen stieg. Mexiko erzwingt seither häufiger die Rückkehr von Migranten aus Zentralamerika in ihre Heimat als die USA. Zugleich sorgte die Regierung dafür, dass der Zug, das Hauptverkehrsmittel von Migranten, mehr Tempo macht. Die Zahl der Toten und Verstümmelten schnellte hoch, die der Migranten ging zurück. Aber nur vorübergehend. Der Schock über die neuen, noch brutaleren Zustände war schnell verdaut und die Situation in den Herkunftsländern verbesserte sich nicht.

Ähnlich sei das jetzt mit Trump, sagt Márquez und beschreibt einem neuen Trend, der sich gerade erst entfaltet. Nach dem Rückgang im vergangenen Jahr bemerkte er in den ersten Monaten dieses Jahres wieder einen drastischen Anstieg der Besucherzahlen im "La 72". Mehr von ihnen wollten auch wieder in die USA.  Allein im ersten Quartal klopften halb so viele Menschen bei Márquez an wie im gesamten Vorjahr. Es könnte also sein, dass Trump die Migrationsströme nur kurzzeitig beeinflussen konnte.

Und trotzdem kann kaum die Rede davon sein, dass Trumps Politik verpufft. Márquez schüttelt den Kopf. "Viele Mexikaner hassen Trump", sagt er, die brachiale Rhetorik des US-Präsidenten verfange trotzdem bei ihnen. Márquez' Gäste berichten ihm immer häufiger von Diskriminierung und Rassismus. Und Marquéz erlebte es selbst, dass die Bewohner im kleinen Ort Tenosique Migranten anfeindeten. "Sie nennen sie 'verdammte Maras'", sagt Marquéz. "Maras" steht für Mitglieder der Mara Salvatrucha. Die Gang, die auf großen Teilen des Kontinents wirkt, ist eines von Trumps beliebtesten Argumenten, wenn es darum geht, seine harte Migrationspolitik zu rechtfertigen. Er bezeichnete sie als "Tiere", die "den Tod vieler unschuldiger Menschen zu verantworten hätten". Oft unterschied er nicht zwischen brutalen Kriminellen und harmlosen Einwanderern, die nur auf ein besseres Leben hoffen. Zum Trump-Effekt in Mexiko gehört auch: Der US-Präsident sät neuen Hass.

Quelle: n-tv.de