Politik

Interview mit Syriza-Politiker "Tsipras hat keine 180-Grad-Wende gemacht"

Alexis Tsipras muss ein Sparprogramm durchwinken, das er selbst für schlecht hält. Viele Syriza-Abgeordnete verweigern ihm die Gefolgschaft. Giorgos Chondros, Mitglied im Syriza-Zentralkomitee erklärt, warum Tsipras dennoch großes Vertrauen genießt.

n-tv.de: Alexis Tsipras hat die Reformpläne durch das griechische Parlament bekommen. Dennoch hat er keine Mehrheit mehr in der Koalition, Teile der Syriza-Fraktion folgen ihm nicht mehr. Wackelt Tsipras?

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Giorgos Chondros

(Foto: @ChondrosGiorgos)

Giorgos Chondros: Tsipras ist keineswegs geschwächt. Das griechische Parlament hat mit deutlicher Mehrheit die harten Sparvorschläge angenommen. Insofern ist Tsipras sogar gestärkt. Er hat von allen Parteien Stimmen erhalten, mit Ausnahme der Kommunisten oder der Faschisten.

Wie ist denn die Stimmung in Partei und Fraktion nach der Abstimmung?

Die Stimmung ist bedrückt, aber das ist schon seit dem Gipfeltreffen in Brüssel so. Wir konnten die Erpressung durch die Euro-Partner nicht abwenden. Jene Kräfte, die Griechenland bestrafen wollen, haben in Europa die Oberhand gewonnen. Die große Sorge der Syriza-Fraktion ist: Wie schaffen wir es als Land, Volk und Regierung, aus dieser Falle herauszukommen?

Gibt es in der Syriza-Partei Leute, die Tsipras inzwischen infrage stellen?

Keiner aus Syriza stellt Tsipras infrage.

Aber dennoch haben viele Syriza-Leute ihm bei den letzten Abstimmungen die Gefolgschaft verweigert.

Tsipras hat immer offen mit den Menschen gesprochen. Er hat keine 180-Grad-Wende gemacht, wie es häufig dargestellt wird. Man hat ihm keine andere Möglichkeit gelassen. Das Vorgehen des deutschen Finanzministers Schäuble wird inzwischen weltweit kritisiert. Bis vor kurzem waren wir damit relativ allein, aber jetzt haben es alle verstanden. Gegen Griechenland mag Schäuble gewonnen haben, europaweit hat er verloren und Deutschland in die Isolation geführt.

Gibt es für die Partei eine Art Ausstiegsszenario, also: bis hierhin und nicht weiter?

Dieser Punkt ist, was die Bevölkerung betrifft, längst überschritten. Da Syriza Teil der Bevölkerung ist, ist dieser Punkt auch für die Partei längst erreicht. Aber Syriza ist eine sehr verantwortungsvolle politische Kraft. Wir werden das Land in dieser sehr schwierigen Situation nicht im Stich lassen.

In diesen Tagen will Tsipras seine Regierung umbilden. Wie weit ist er damit?

Es wird auf jeden Fall eine Umbildung der Regierung geben. Zwei Minister sind zurückgetreten. Das Wichtigste wird es dann sein, gleichzeitig das Sparprogramm zu realisieren und jene Teile der Bevölkerung zu schützen, die von Belastungen betroffen sind. Das wird nicht einfach.

Mit Giorgos Chondros sprach Christian Rothenberg

Quelle: ntv.de

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