US-Wahl 2020

Präsidentschaftswahl ohne Ende Darum zählen die USA so lange

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Auf einem Plakat stellt ein Trump-Anhänger infrage, dass Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl auf fairem Wege die meisten Stimmen erhalten hat.

(Foto: REUTERS)

Eine Wahlnacht wird zur Wahlwoche: In etlichen Bundesstaaten ist das Rennen zwischen Donald Trump und seinem demokratischen Gegner Joe Biden so knapp, dass am Ende wenige Tausend Stimmen entscheiden. Mehrere Neuauszählungen sind bereits absehbar.

Als die Auszählung der US-Präsidentschaftswahl beginnt, scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten: Donald Trump führt in den meisten Swing States und scheint das Weiße Haus für die Republikaner zu verteidigen. Doch als immer mehr Stimmen von Brief- und Frühwählern eintrudeln, schmilzt sein Vorsprung. Herausforderer Joe Biden holt auf und übernimmt in mehreren umkämpften Staaten die Führung.

Überraschend ist dieser Umschwung allerdings nicht, in vielen Bundesstaaten ist die Auszählung so geregelt, dass zuerst die Stimmen vom Wahltag gezählt werden. Erst danach sind jene Stimmen dran, die im Vorfeld abgegeben wurden - zum Beispiel per Briefwahl. Innerhalb der Wählerschaft sind die Präferenzen für die unterschiedlichen Abstimmungsmöglichkeiten klar verteilt: Die Demokraten haben ihre Wähler im Vorfeld immer wieder dazu aufgerufen, wegen der Coronavirus-Pandemie per Brief zu wählen. Mehr als 65 Millionen US-Amerikaner haben das gemacht.

"Es war abzusehen, dass republikanische Wähler eher ins Wahllokal gehen und demokratische Wähler eher das sogenannte 'Early Voting' nutzen, also die Vorabwahl", sagt David Sirakov, Politikwissenschaftler und Direktor der Atlantischen Akademie in Kaiserslautern, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Das sei auch Trump und den Republikanern bewusst gewesen.

Neuauszählung absehbar

Und sehr offensichtlich haben sie diesen Umschwung in ihrer Nachwahlstrategie einkalkuliert, denn als sich viele anfangs republikanisch rote Staaten auf den Wahlgrafiken der US-Medien zunehmend demokratisch blau färben, präsentiert sich Trump als Autokrat. Ohne jeglichen Beweis spricht er vor laufenden Fernsehkameras und auf Twitter von Wahlbetrug, erklärt sich zum Sieger und fordert: Stop the Count! Stoppt das Auszählen! Erfolglos, in allen Staaten wurde und wird weitergezählt. Spätestens seit Biden auch in der Republikaner-Hochburg Georgia führt, ist den Demokraten der Sieg kaum noch zu nehmen.

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Wenn es so kommt, ist dafür auch eine historische Wahlbeteiligung verantwortlich. Mehr als 143 Millionen US-Amerikaner haben bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimme angegeben, knapp 74 Millionen von ihnen für Biden. Das war auch dringend nötig, denn nicht nur die Demokraten haben im Vergleich mit 2016 deutlich zugelegt, sondern auch Trump: Fast 70 Millionen US-Amerikaner hätten ihn gerne für vier weitere Jahre im Weißen Haus gesehen und damit 7 Millionen mehr als bei seinem Überraschungssieg gegen Hillary Clinton.

Aber je mehr Stimmen abgegeben werden, desto länger dauert auch die Auszählung. Erst recht, wenn es knapp wird und jede Stimme zählt. In mehreren Bundesstaaten klagt Trump auf eine Neuauszählung, aber die dürfte es ohnehin geben. In Wisconsin zum Beispiel, wo Biden mit 0,7 Prozent Vorsprung gewonnen hat, kann der unterlegene Kandidat bei einem Prozent oder weniger Rückstand eine Nachzählung verlangen. In Georgia, wo es noch knapper zugeht, geht das bei einem Unterschied von 0,5 Prozent oder weniger. In Pennsylvania ist eine Nachzählung in so einem Fall sogar gesetzlich verpflichtend.

Einfach nicht vorbereitet

In dem wichtigen Ostküstenstaat zieht sich die Auszählung aktuell besonders lang hin. Das liegt auch daran, weil noch immer Stimmen eingehen können, wie Politologe Sirakov bei "Wieder was gelernt" erklärt: "In Pennsylvania ist es so, dass Briefwahlunterlagen, die einen Poststempel des Wahltages haben, bis zum 6. November postalisch bei der Wahlbehörde eingehen können und noch gezählt werden. Dadurch zieht sich das Auszählen natürlich in die Länge."

Um das Prozedere zu vereinfachen, hatte die demokratische Staatssekretärin Kathy Boockvar das Parlament im umkämpften Bundesstaat Pennsylvania sogar vor Monaten gebeten, die Wahlgesetze anzupassen, damit die Zählung der Millionen Briefwahlstimmen eher beginnen könne. Die Republikaner blockierten diese Initiative.

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Das Problem sei absehbar gewesen, sagt David Sirakov. Die Wahlbehörden in Battleground States wie Pennsylvania, Georgia, Arizona und Nevada seien auf so eine immense Flut an Briefwählern personell und finanziell einfach nicht vorbereitet. Deshalb sei es wichtig, Geduld zu bewahren, erklärt der Experte: "Es wird ein Ergebnis geben, aber dieses Ergebnis wird sicherlich juristisch angefochten, dann wird in manchen Bundesstaaten nachgezählt."

Joe Biden scheint sich dessen bewusst zu sein. "Es ist klar, dass wir gewinnen werden", hatte der Trump-Herausforderer seinen Anhängern in seiner letzten Botschaft hoffnungsvoll mitgeteilt. "Aber erst, wenn alle Stimmen gezählt sind. Zählt alle Stimmen!"

Quelle: ntv.de