US-Wahl 2020

Biden wird nächster Präsident Es ist Morgen in Amerika

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Joe Biden wird der 46. Präsident der Vereinigten Staaten.

(Foto: picture alliance/dpa)

In vielen US-Städten strömen die Menschen auf die Straßen, sie feiern den Wahlsieg von Joe Biden. Vier Jahre Trump liegen hinter ihnen, Erleichterung greift um sich. Und Trump fährt mit voller Kraft fort, sich vollends zu demontieren.

Was für eine Woche, was für ein Jahr, was für eine Ära. Seit Donald Trump am 20. Januar 2017 das Amt des US-Präsidenten antrat, verging kaum ein Tag ohne Schlagzeilen, ohne Tabubruch, ohne Lügen. Der Mann, der als der mächtigste der Welt gilt, hielt diese Welt mit Beleidigungen seiner Gegner in Atem, mit irritierender Herzlichkeit für Wladimir Putin und Kim Jong Un sowie Halbwahrheiten, verdrehten Fakten und offenen Lügen zu jedem beliebigen Thema. Zuletzt befürchtete man sogar, er könnte eine Art Putsch versuchen und die amerikanische Demokratie aushebeln. CNN-Kommentator Van Jones schluchzte unter Tränen, nun sei es wieder einfacher, ein Vater zu sein. Nun könne man seinen Kindern wieder sagen, dass Charakter wichtig ist. Dass es sich rächt, wenn man lügt oder etwas Falsches tut.

Es ist einer dieser Momente, an den sich viele für immer erinnern werden. Wo warst du, als Joe Biden die Wahl gewann? Trump selbst war, wie so oft, auf dem Golfplatz. Seine Niederlage erkannte er freilich noch nicht an, das war bei ihm auch nicht zu erwarten. Er will weiter kämpfen, glaubt, er könne es noch irgendwie schaffen, greift nach jedem juristischem Strohhalm, den ihm Getreue wie sein Anwalt Rudy Giuliani hinhalten. Doch Neuauszählungen in den verlorenen Staaten Wisconsin und Pennsylvania werden kaum die große Wende bringen. Allenfalls ein paar Hundert ungültige Stimmen könnten so gefunden werden, meint der Wahlexperte Chuck Todd vom TV-Sender NBC News. Und eine offenkundig saubere Wahl lässt sich wohl kaum vor Gericht anfechten.

Es ist also wirklich vorbei. Selbst Fox News wendet sich ab. Wie CNN und die großen Sender ABC, NBC und CBS rief das langjährige Sprachrohr Trumps dessen Kontrahenten Biden am Vormittag zum Gewinner aus. Zuvor war deutlich geworden, dass dieser doch noch Pennsylvania gewonnen hatte. Damit endete eine verrückte Woche, die kaum hätte spannender sein können. Erst die große Überraschung am Mittwochmorgen, als Trump in mehreren entscheidenden Bundesstaaten mit gewaltigem Vorsprung in Führung lag. Dann Bidens unglaublich anmutende Aufholjagd, die keine war, weil die Millionen von Briefwahlstimmen ja schon da waren. Der Moment, als er Wisconsin und Michigan drehte, in Georgia in Führung ging, schließlich Pennsylvania und damit die Wahl gewann.

Bei Trump glänzt alles golden

Seit Tagen kündigt sich der Triumph des stets bescheiden auftretenden Biden an, dem einstigen Vizepräsidenten von Barack Obama, dem langjährigen Senator, der aus kleinen Verhältnissen nach ganz oben kam. Was für ein Gegensatz zu Trump! Der Millionärssohn aus New York, mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, großspurig, protzig, krawallig in jeder Faser. So gut wie alles in seinem Penthouse im Trump-Tower an New Yorks Fifth Avenue glänzt golden, Stuhlbeine, Fensterrahmen, Säulenkapitelle. Und manche behaupten, sogar die Toilette sei vergoldet. Biden dagegen erzählt gern davon, wie er in Scranton in Pennsylvania in kleinen Verhältnissen aufwuchs. Wie es ist, am Küchentisch zu sitzen und über den Rechnungen zu brüten. Wie es ist, ausgegrenzt zu werden, weil man nicht genug Geld in der Tasche hat.

Und doch, welch Ironie der Geschichte, war es jener Trump, dem die verarmenden, um jeden Dollar kämpfenden Männer und Frauen im Norden, Süden, Osten und Westen der USA nachliefen. Weil er ihnen genau das versprach, was sie hören wollten. Weil er die Jobs zurückbringen wollte. Weil er die Grenzen dichtmachen wollte. Weil er doch als Geschäftsmann bewiesen hatte, dass er etwas auf die Beine stellen kann, oder? Weil er doch als Milliardär nicht käuflich sein kann, oder? So wie all diese Berufspolitiker im fernen Washington, von denen sie sich verraten und verkauft fühlten.

Es brauchte jemanden wie Biden, um wenigstens ein paar dieser Menschen zurückzugewinnen. Einen, der sie versteht, einen von ihnen. Auf den ersten Blick ist ihm das gelungen: Wisconsin, Michigan und Pennsylvania, Staaten mit starker Arbeitertradition, hat er zurückerobert. Und kein anderer Präsident bekam jemals mehr Stimmen als er. Doch zur Wahrheit gehört auch: Nach Biden bekam niemand je so viele Stimmen wie Donald Trump bei derselben Wahl. Dass ihn die Amerikaner vom Hof gejagt hätten, kann niemand behaupten. Zwar hat Biden zum gegenwärtigen Zeitpunkt stattliche vier Millionen Stimmen mehr bekommen, aber fast die Hälfte des Landes wollte an Trump festhalten. Trotz des Missmanagements der Corona-Krise, trotz seiner Unfähigkeit während der George-Floyd-Proteste, tröstende Worte zu finden - und trotz allem anderen. Biden brauchte in den TV-Duellen oftmals nur nachzuerzählen, was Trump alles so gemacht hat und ein beschwörendes "Come on!" nachzuschieben. So offensichtlich war sein Versagen.

Biden-Balsam auf die Wunden

Warum viele dennoch an ihm festhielten, darüber diskutieren die amerikanischen und hiesigen Experten schon lange. Oft fällt das Wort vom Kulturkrieg. Dann heißt es, die liberalen Eliten in New York, Chicago und Los Angeles dächten nur noch über Dinge wie Rechte von Homosexuellen, von Schwarzen und Minderheiten nach und hätten für die Menschen "da draußen im Land" angeblich nur noch Verachtung, allenfalls Mitleid übrig. "Erbarmungswürdig" nannte Hillary Clinton einmal die vermeintlich Vergessenen der Mittelschicht - ein Wort, das wie ein Streichholz auf eine Benzinpfütze fiel. Bei jenen Amerikanern, die sich ihre Religion nicht kleinreden lassen wollen. Bei jenen, die es uramerikanisch finden, Waffen tragen zu dürfen. Bei denen, die finden, dass jeder für sich selbst sorgen soll, und alles andere als Sozialismus verdammen. Für sie war Trump ihr Mann. Dass er nichts mit ihnen gemein hat? Egal, er kämpft für uns, hieß es dann.

Diese kulturellen Gräben hat Trump nicht erschaffen, er hat sie nur für sich genutzt. Und die Gräben sind tief. Intellektuelle diskutieren ernsthaft darüber, ob es nicht besser wäre, wenn sich die USA in zwei Länder teilten. Andere fürchten einen Bürgerkrieg. Wird Biden die Lage beruhigen können? Leicht wird es nicht. Aber es ist ein gutes Zeichen, dass er es versuchen will. Und er hat eine selten beachtete Gemeinsamkeit mit Trump: Auch er steht für eine gute alte Zeit. Eine Zeit, in der man meinte, eine faire Chance zu haben, auch wenn das meist vor allem für die weißen und männlichen Amerikaner galt. Eine Zeit, als Republikaner und Demokraten noch Kompromisse schlossen. Als es nicht immer nur "wir" und "die" gab.

Seine ersten Reden fühlten sich jedenfalls schon wie Balsam auf den Wunden an, die Trump hinterlassen hat. Und auch ein wenig erwartbar, fast ein wenig langweilig. Aber es ist eine gute Langeweile, eine von der wohltuenden Art, eine die Ruhe verspricht. Niemand glaubt, dass ab dem 20. Januar, wenn Biden das Amt übernimmt, sich sofort überall Regenbögen aufspannen. Das wird nicht passieren, übrigens auch nicht im Verhältnis der USA zu Deutschland und Europa. Aber man kann wieder miteinander reden. Man kann verhandeln, argumentieren, überzeugen. Man kann wieder Politik machen. Eben all das, was in den vergangenen vier Jahren zwischen Tweets, Beleidigungen und Geschrei unterging. "Es ist Morgen in Amerika", hieß es in einem legendären Werbespot der Republikaner-Ikone Ronald Reagan. Ist es das jetzt auch? Es fühlt sich zumindest ein wenig so an.

Quelle: ntv.de