Politik

Russlands Militär gedemütigt Ukraine ergreift im Krieg die Initiative

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Ukrainische Soldaten posieren am Ortseingang der kürzlich befreiten Siedlung Schewtschenkowe in der Region Charkiw.

(Foto: via REUTERS)

Im Nordosten der Ukraine gelingt Kiew ein überraschender Vorstoß tief in besetztes Gebiet. Russland zieht hastig seine Truppen zurück, will von einer Niederlage jedoch nichts wissen. Doch der ukrainische Erfolg könnte dem Kriegsgeschehen eine Wende bescheren.

Es ist eine herbe Demütigung für Russland. Seit Monaten hatten sich die Truppen Moskaus im Donbass Kilometer für Kilometer vorwärts gekämpft. Und das unter Einsatz großer Mengen Materials und Menschen. Das Ziel war die vollständige Eroberung des Donbass. Doch mit einer überraschenden Gegenoffensive im Raum Charkiw, die vielleicht einmal zu den bemerkenswertesten der Militärgeschichte zählen wird, entreißen die Ukrainer dem Gegner binnen weniger Tage weite Teile mühsam eroberten Landes.

Der vorläufige Höhepunkt des erst vor wenigen Tagen begonnenen ukrainischen Sturmlaufs: die Eroberung der Stadt Isjum. Sie diente Russland eigentlich als Aufmarschgebiet für einen größeren Vorstoß tief in ukrainisches Gebiet. Von dort aus hätte Moskaus Armee nach Süden marschieren und in einer Zangenbewegung den Rest der Region Donezk einnehmen und starke ukrainische Verbände einkesseln können. Doch nun waren die russischen Truppen plötzlich selbst von einer Einkesselung bedroht. Moskau entschied sich zum Rückzug.

Grund dafür war das blitzartige Vordringen der ukrainischen Truppen weiter nördlich. Dutzende Kilometer stießen die Verbände in besetztes Gebiet vor und erreichten rasch den Rand der Stadt Kupjansk. Damit wurden die russischen Truppen in Isjum plötzlich aus nördlicher Richtung bedroht. Gleichzeitig wurden ihre Nachschubrouten gekappt. Denn durch Kupjansk verläuft ein Strang bedeutender Straßen und Eisenbahnlinien. Sogar im russischen Fernsehen betonte Militärexperte Mikhail Khodaryonok bereits Ende der Woche, dass mit Kupjansk "sehr viel auf dem Spiel" stehe. Die Stadt sei als Logistikzentrum "von außerordentlich hoher Bedeutung für die Versorgung all unserer Truppen in der Region". Am Samstag meldete die Ukraine Kupjansk als erobert.

"Gepard"-Panzer Baustein des Erfolgs?

Doch wie konnte Kiew dieser rasante Vorstoß gelingen? "Die ukrainischen Streitkräfte hörten nicht auf, nachdem sie die erste Stadt erreicht hatten, sondern entschieden sich bewusst dafür, Städte zu umgehen, um tiefer hinter die russischen Linien vorzudringen", sagte Rob Lee, Militäranalyst am Foreign Policy Research Institute, der "New York Times". Das schnelle Vordringen hatte der russischen Militärführung offenbar keine andere Wahl gelassen, als ihre bedrohten Truppen in der Region in Sicherheit zu bringen.

Auch Waffen aus dem Westen sollen eine wichtige Rolle beim ukrainischen Erfolg gespielt haben - darunter von Deutschland gelieferte "Gepard"-Panzer zur nahen Luftabwehr, berichtet das Magazin "Economist" unter Verweis auf ukrainische Geheimdienstquellen. Die "Gepards" hätten Russland vor dem Einsatz seiner Luftwaffe zurückschrecken lassen. Als diese doch Einsätze flog, hätte sie Verluste erlitten. Wichtig seien auch HARMS-Raketen aus den USA gewesen, welche russische Luftverteidigungsradars ausfindig machen und ausschalten können.

Einfluss hatte wohl auch die Offensive im Süden der Ukraine, mit der es Kiew offenbar gelang, die Aufmerksamkeit und Truppen Moskaus zu binden: "Während sich Russland vor allem auf den Süden konzentrierte, plante und startete die Ukraine eine Operation im Norden", schrieb der australische General a. D. Mick Ryan auf Twitter. Dennoch sei die Offensive bei Cherson "keine Finte" gewesen. "Der Norden und der Süden sind sich gegenseitig unterstützende Offensiven im Rahmen eines größeren ukrainischen Operationsplans", urteilt Ryan.

Moskau deutet Geschehnisse anders

Wie reagiert Moskau auf den herben Rückschlag im Raum Charkiw? Man habe lediglich die Truppen zurückgezogen, um die "Bemühungen entlang der Donezk-Front zu verstärken", erklärte das Verteidigungsministerium am Samstag. "Um die Ziele des militärischen Sondereinsatzes zur Befreiung des Donbass zu erreichen, wurde beschlossen, die in den Regionen Balaklija und Isjum stationierten russischen Truppen zu verlegen", hieß es weiter. Nur einen Tag zuvor hatte Moskau noch eine Verstärkung seiner Truppen in der Region Charkiw angekündigt.

"In den vergangenen Tagen hat uns die russische Armee ihre beste Seite gezeigt - ihre Rückseite", höhnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Videoansprache in der Nacht zum Sonntag. Es sei "eine gute Wahl für sie, zu fliehen". In der Ukraine gebe es "keinen Platz für die Besatzer". Die Ukraine hat nach seinen Worten in diesem Monat bereits "2000 Kilometer Gebiet" von den russischen Truppen zurückerobert. Unklar blieb zunächst, ob der Präsident über Quadratkilometer sprach. Der ukrainische Staatschef dankte zudem allen Soldaten, die an Rückeroberungen im Charkiwer Gebiet beteiligt waren.

Die Kupjansk-Offensive der Ukrainer könnte einen Wendepunkt in diesem Krieg darstellen, vermuten Experten. "Die Ukraine hat nun die Initiative in diesem Krieg sowie das taktische und operative Momentum für den Winter", kommentierte der australische General a. D. Ryan. Er warnte gleichzeitig, dass der Krieg noch nicht vorüber sei. "Aber vielleicht wendet sich das Blatt endlich."

Hoffnung auf weitere Waffen aus dem Westen

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Für die Ukraine kommt der Coup zur richtigen Zeit. Denn es geht für Kiew auch darum, den Regierungen im Westen militärische Erfolge, und damit Grund für weitere Waffenlieferungen präsentieren zu können. Auch rechnen Militärexperten damit, dass mit dem Einsetzen des Winters die Fronten im Ukraine-Krieg einfrieren könnten. Kiew könnte sich daher jetzt eine deutlich bessere Ausgangsposition für das kommende Frühjahr verschafft haben.

Doch Kiew reicht das nicht: Mit Blick auf weitere Rückeroberungsversuche drängt die Ukraine auch Deutschland zur Lieferung von Kampfpanzern. "Wir sehen keine Hindernisse dafür", sagte Außenminister Dmytro Kuleba nach einem Treffen mit seiner deutschen Kollegin Annalena Baerbock in Kiew. Bis sich Berlin dazu entschließe, solle Deutschland weiter Artilleriemunition liefern. "Das erhöht spürbar unsere Offensivmöglichkeiten und das hilft uns bei der Befreiung neuer Gebiete", sagte der Chefdiplomat. Baerbock reagierte zurückhaltend auf die ukrainische Forderung. Doch sie betonte, dass zehn weitere der von ukrainischer Seite gerühmten Flakpanzer "Gepard" bald geliefert werden sollen.

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 11. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, mit dpa/AFP

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