Wirtschaft

Putin gehen die Waffen aus Experte: Im Ukraine-Krieg herrscht "in vier Wochen Gleichstand"

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An ihrem Unabhängigkeitstag am 20. August konnten Ukrainer auf den Straßen Kiews das bestaunen, woran es dem russischen Angreifer zunehmend mangelt: Panzer.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Russischen Truppen in der Ukraine fehlt es zunehmend an Waffen, Munition und Panzern. "Im Donbass wird es stiller", sagt Militärökonom Marcus Keupp ntv.de. Während die Ukraine durch Waffenlieferungen der NATO stärker werde, werde die russische Armee immer schwächer.

Russland hat den militärischen Aufwand für den Ukraine-Krieg offenbar unterschätzt. Nur sechs Monate nach der Invasion kämpfen die russischen Truppen laut britischem Geheimdienst mit dramatischen Nachschubproblem bei Panzern, Waffen und Munition. Bislang war angenommen worden, dass Kremlchef Wladimir Putin auf riesige Rüstungsbestände aus der Sowjetunion zurückgreifen könnte. "Wenn wir uns allerdings anschauen, was tatsächlich einsatzbereit ist, sehen die Zahlen deutlich kleiner aus", sagt der Militärökonom Marcus Keupp ntv.de.

Der Dozent an der Militärakademie an der ETH Zürich gibt ein Beispiel: Vor dem Krieg hatte Russland demnach rund 2700 einsatzfähige Panzer. Nach sechs Monaten in der Ukraine haben die Truppen rund 1000 davon verloren, was eine Verlustrate von 5 Panzern pro Tag ergibt. In die Zukunft hochgerechnet bedeutet das, "spätestens in einem Jahr hat die russische Armee keine Panzer mehr, wenn die Abnutzung so weitergeht", so Keupp. Eine solch hohe Verlustquote habe es in der europäischen Kriegsgeschichte noch nie gegeben, ordnet der Militärexperte ein, "nicht einmal im Zweiten Weltkrieg".

Keupp bezweifelt, dass die sowjetischen Bestände hier für nennenswerten Ersatz sorgen können. Zum einen, weil die Chance groß ist, dass diese "zum Teil nur noch aus Altmetall" bestehen. Zum anderen, weil es Russland zunehmend an Soldaten fehle. "Bei einem Beschuss mit Stinger, Javelin oder einem nächtlichen Drohnenangriff haben die Soldaten in einem Panzer kaum eine Chance, lebend zu entkommen", erklärt Keupp. Putin stockte seine Armee zwar jüngst per Dekret um 137.000 Soldaten auf. Was fehle, seien aber "jahrelang trainierte motorisierte Schützendivisionen". Freiwillige könnten mit den Panzern zwar fahren, so Keupp, nicht aber taktisch kämpfen.

Rüstungsindustrie ist keine Hilfe

Stellt sich also die Frage, wie schnell die russische Industrie für Rüstungsnachschub in der Ukraine sorgen kann. Pavel Luzin, ein russischer Experte für internationale Beziehungen und die Verteidigung Russlands, hält es für "unwahrscheinlich, dass die russische Industrie das Potenzial hat, die Produktion ernsthaft hochzufahren". Aus seiner Sicht liegt das vor allem an der niedrigen Produktivität innerhalb der Betriebe. Eine "drastische Erhöhung des Personalbestands" könnte die Leistung nur theoretisch verbessern, so Luzin. In der Praxis scheitere das jedoch am Personalmangel in Russland, lautet das Ergebnis seiner Analyse, die die russische Plattform The Insider zitiert.

Mitte Juli unterzeichnete Putin ein Gesetz, um das Land auf Kriegswirtschaft umzustellen. Laut Keupp war es jedoch nicht viel mehr als "ein verzweifelter Versuch, die russische Rüstungsindustrie anzuwerfen". Die Rüstungsindustrie sei zu langsam und zu hoch verschuldet, heißt es. Russland schaffe es derzeit, rund 100 Panzer pro Jahr "mit einer Technologie der späten 80er Jahre" zu produzieren. "Das wird der Armee bei einem Verlust von fünf Panzern pro Tag wenig bringen", lautet das Urteil des Experten.

Russlands Industrie hat demnach immense Schwierigkeiten, die hohen Materialverluste im Ukraine-Krieg aufzufangen. Schon jetzt mangele es den Truppen an Lenkraketen, schreibt Luzin bei The Insider weiter. Und das dürfte nicht das Ende sein: "Wenn die Intensität des Krieges auf diesem Niveau bleibt, wird Moskau bis Ende 2022 auch mit einem spürbaren Granatenmangel konfrontiert sein."

Parallelen zum Ersten Weltkrieg

"Das ist der Erste Weltkrieg reloaded", beschreibt es Keupp gegenüber ntv.de. Auch die deutsche Armee sei 1914/15 mit einer schnellen Truppenbewegung an der Westfront gestartet. Auch Deutschland sei damals nicht darauf vorbereitet gewesen, eine große Zahl Granaten nachzuproduzieren, sodass diese in der Konsequenz rationiert werden mussten. "Genau das passiert jetzt in der Ukraine", sagt der Militärökonom. Noch bis Ende Juli haben russische Truppen rund 50.000 Artilleriegranaten pro Tag verschossen. "Nun wird es im Donbass langsam still."

Nicht nur die russischen Granaten und Panzer, auch die Kanonen gehen offenbar zur Neige. Laut Keupp gibt es demnach eine neue Beobachtung, nach der russische Truppen in der Ukraine seit vergangener Woche Flugabwehrsysteme als Artillerie nutzen, um das Feuer aufrechtzuerhalten. Militärisch sei "das allerdings das Dümmste, was man machen kann". Denn eigentlich seien sie dafür gedacht, feindliche Flugzeuge abzuschießen. "Sie sind teuer und schwer zu produzieren", sagt Keupp.

Holt die Ukraine auf?

Doch offenbar hat Moskau keine andere Wahl mehr: Die Reserven werden knapp, die eigene Rüstungsindustrie kommt nicht hinterher, und mit nennenswerter Unterstützung aus dem Ausland ist nicht zu rechnen. Zwar hat der Iran laut der "Washington Post" jüngst einige Drohnen geliefert. Doch die werden die hohen Verluste wohl auch nicht auffangen können - zumal die Lieferungen offenbar sogar fehlerhaft waren. Jüngsten Medienberichten unter Berufung auf US-Geheimdienste zufolge bezieht Russland wegen der westlichen Sanktionen offenbar nun auch Artillerie-Munition und Granaten aus Nordkorea. Auch das wird von US-Regierungsvertretern als Indiz gewertet, dass sich die Armee auf dem absteigenden Ast befindet und es für Russland zunehmend schwieriger wird, seine Invasion in der Ukraine aufrechtzuerhalten.

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Die beste Strategie für die russische Armee in der Ukraine wäre es, sich zurückzuziehen, um sich zu konsolidieren, sagt Keupp. Allerdings würde Putin damit sein Scheitern einräumen. "Und weil er das nicht kann, versuchen seine Truppen weiter so brutal wie möglich vorzugehen, ohne Rücksicht auf Verluste."

Tatsächlich melden Kreml-Truppen erstmals seit Mitte August keine Geländegewinne. "Noch hat Russland die Artillerieüberlegenheit", sagt Keupp. Doch die ukrainische Armee werde durch die Waffenlieferungen der NATO immer stärker, während Russland lediglich seine Reserven abnutzen könne. "Ich würde sagen, in vier Wochen sind wir beim ungefähren Gleichstand."

Quelle: ntv.de

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