Politik

Für Anrufe bei den Angehörigen Ukraine identifiziert tote Russen mit umstrittener KI

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Das Smartphone ist Teil des modernen Krieges und kann per Gesichtserkennung Opfer identifizieren.

(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Die Ukraine setzt im Krieg gegen die russischen Truppen auf Improvisation und Innovation. Mit einer Gesichtserkennungssoftware soll die Kreml-Propaganda zu den Totenzahlen widerlegt und die russische Bevölkerung aufgeklärt werden. Kritiker sehen darin ein Instrument psychologischer Kriegsführung.

Im russischen Angriffskrieg greift die Ukraine auf moderne und teils umstrittene Methoden zurück. In den ersten 50 Tagen des Krieges haben ukrainische Behörden bei mehr als 8600 toten oder gefangen genommenen russischen Soldaten einen Gesichtsscan mit der Software Clearview AI durchgeführt, um diese zu identifizieren und deren Angehörige zu kontaktieren. Das geht aus einem Bericht der "Washington Post" hervor. Während die Ukraine darin ein Werkzeug sieht, russische Propaganda aufzudecken, sehen Kritiker darin ein gefährliches Instrument psychologischer Kriegsführung.

Der Vorstandsvorsitzende von Clearview AI, Hoan Ton-That, sagte gegenüber der Zeitung, dass mehr als 340 Beamte in fünf ukrainischen Regierungsbehörden jetzt kostenlos mit ihrem Programm Gesichtserkennungssuchen durchführen können. Mitarbeiter würden zudem wöchentliche Schulungen mit ukrainischen Polizei- und Militärbeamten durchführen. Das Unternehmen habe der Ukraine laut Ton-That seine Dienste im vergangenen Monat erstmals angeboten, nachdem Russland behauptet hatte, gefangene Soldaten seien Schauspieler oder Betrüger.

Saboteure und Plünderer ausfindig machen

Die Gesichtserkennungssoftware wird dem Bericht zufolge nicht nur bei toten Soldaten genutzt. An Grenzposten sei Clearview AI ebenfalls im Einsatz, um mögliche russische Saboteure zu erkennen. Zudem würde die Gesichtserkennung auch bei Sicherheitsaufnahmen angewendet. So lassen sich demnach Soldaten identifizieren, die für Kriegsverbrechen und Plünderungen verantwortlich sind.

Die Clearview-Software greift auf eine riesige Datenbank zurück, die sich aus Social-Media-Netzwerken und öffentlich zugänglichen Internetseiten speist. Alleine die Bilddatenbank umfasst 20 Milliarden Fotos. Im Fall des Ukraine-Kriegs kommt ein Teil der Informationen aus dem russischen Facebook-Pendant VK. Mit einem einzelnen Gesichtsscan per Handy-App können so Familienfotos, Social-Media-Posts und Beziehungsdetails gesammelt werden. Die Software gilt jedoch nicht als fehlerfrei.

Hunderten Familien hat die Ukraine über die Kontaktermittlung so Bilder von toten Soldaten geschickt. Die Aufklärung der Angehörigen kann aber auch anders verstanden werden. Der ukrainischen Wahrheit über den Krieg steht die Demütigung und Einschüchterung der gegnerischen Soldaten gegenüber. Die Solidarität des Westens mit der Ukraine mache es verlockend, einen solch radikalen Akt zu unterstützen, der darauf abzielt, aus der Trauer der Familien Kapital zu schlagen, sagte die Überwachungsexpertin Stephanie Hare der "Washington Post". Die Kontaktaufnahme mit den Eltern von Soldaten sei "klassische psychologische Kriegsführung" und könne einen gefährlichen neuen Standard für zukünftige Konflikte setzen.

Hat Clearview eigene Interessen?

Zudem sei Clearview AI laut Hare daran interessiert, seine Arbeit in der Ukraine zu nutzen, um bei Regierungskunden auf der ganzen Welt für sich selbst zu werben und "von der Tragödie zu profitieren". Clearview-Chef Ton-That betonte gegenüber der Zeitung, das einzige Ziel des Unternehmens sei, bei der Verteidigung eines belagerten Landes zu helfen. Aber er räumte ein, dass der Krieg dazu beigetragen habe, Teilen der US-Regierung den Nutzen der Software näherzubringen.

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Die Ausbreitung von Technologie zur Gesichtserkennung wurde in den vergangenen Jahren zunehmend kritisch gesehen. Dazu trug auch die Firma Clearview AI bei, die eine gewaltige Datenbank auf Basis öffentlich verfügbarer Fotos aus Online-Netzwerken und Diensten wie Instagram zusammenstellte. Clearview AI bot seine Dienste bislang ausschließlich der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden an.

Ihre Methoden der Datensammlung verstärkten jedoch die Sorge vor einer unkontrollierten Ausbreitung der Technologie. Facebook und andere Dienste versuchen, dem Herunterladen von Bildern in großen Mengen einen Riegel vorzuschieben. Firmen wie Clearview gelang es jedoch immer wieder, die Maßnahmen zu umgehen. Entsprechend hatte der US-Kongress im April 2021 einen Stopp von staatlichen Fördermitteln für das Unternehmen verhängt.

Quelle: ntv.de, mba

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