Politik

Der Kriegstag im Überblick Ukraine rückt im Osten weiter vor - Berlusconi sieht Putin als Opfer seines Umfelds

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Ein Volksarmist der selbsternannten Luhansker Republik stimmt über den Anschluss an Russland ab.

(Foto: REUTERS)

In den besetzten Gebieten läuft die Zeit gegen die russischen Truppen. Während Moskau eilig Abstimmungen abhält, um die Annexion vorzubereiten, kommt die ukrainische Armee im Donbass voran. US-Medien berichten, dass der russische Präsident selbst seine Generäle dirigiert, doch sein Freund Berlusconi sieht ihn als Opfer. Der 212. Kriegstag im Überblick.

Ukraine meldet Fortschritte in Donezk

Die ukrainische Armee hat weitere Gebietsgewinne bekannt gegeben. Die ukrainischen Truppen hätten die Ortschaft Jazkiwka in der Region Donezk zurückerobert, teilte der ranghohe Militärvertreter Oleksij Gromow mit. Außerdem sei die Kontrolle über Stellungen südlich der ebenfalls in Donezk gelegenen Stadt Bachmut zurückgewonnen worden.

London: Moskaus Kernziele in Gefahr

Laut britischen Geheimdienstexperten setzen ukrainische Truppen die russischen Besatzer inzwischen in Gebieten unter Druck, die Moskau für seine Kriegsziele als entscheidend ansieht. Das geht aus dem täglichen Geheimdienst-Update des Verteidigungsministeriums in London hervor. So bröckle bereits die Verteidigungslinie, auf die sich die Russen nach jüngsten Gebietsverlusten im Nordosten zurückgezogen hatten.

Als Hinweis dafür sehen die Briten, dass die Ukrainer bereits Brückenköpfe am östlichen Ufer des Flusses Oskil im Oblast Charkiw errichtet haben. Die Russen wollten den Fluss demnach eigentlich in eine befestigte Verteidigungslinie integrieren. Etwas südlicher, im Oblast Donezk, dauern den Briten zufolge die Kämpfe bei Angriffen der Ukrainer auf die Stadt Lyman am Ostufer des Flusses Siwerskyj Donez an. Russlands Invasionstruppen hatten die Stadt im Mai erobert.

Insider: Putin gibt Generälen selbst Befehle

Laut einem CNN-Bericht ist es der russische Präsident Wladimir Putin selbst, der seinen Generälen an der Front die Anweisungen gibt. Der Sender nennt dafür zwei Quellen, die mit amerikanischen und anderen westlichen Geheimdienstinformationen vertraut seien. Ihnen zufolge weist das auf eine "dysfunktionale Befehlsstruktur" hin.

Berlusconi: "Putin in dramatische Situation gerutscht"

Mit einer gegenteiligen Theorie sorgte Italiens früherer Ministerpräsident Silvio Berlusconi kurz vor der Parlamentswahl für Aufsehen. Der 85-Jährige behauptete in einem TV-Interview, der Kremlchef sei zum Einmarsch in die Ukraine gedrängt worden. "Putin wurde von der russischen Bevölkerung, von seiner Partei, von seinen Ministern gedrängt, sich diese Spezialoperation auszudenken", sagte Berlusconi im Sender Rai. Berlusconi ist ein Freund des russischen Präsidenten und zögerte nach Kriegsausbruch lange, die Invasion zu verurteilen. Nun sagte er: "Putin ist in eine wirklich schwierige und dramatische Situation gerutscht."

Referenden in Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja

In vier russisch kontrollierten Gebieten in der Ukraine starteten trotz scharfer internationaler Proteste seit dem Morgen Scheinreferenden zur Annexion durch Russland. Abstimmungen fanden in den Separatistengebieten Donezk und Luhansk im ostukrainischen Donbass sowie in den südukrainischen Regionen Cherson und Saporischschja statt. Nach Berichten russischer Nachrichtenagenturen finden die "Referenden" wegen der kurzen Vorbereitungszeit nicht per elektronischem Votum, sondern mit Wahlzetteln auf Papier statt. Pro-russische Behördenvertreter gehen den Angaben zufolge in den ersten Tagen von Tür zu Tür, um Stimmen einzusammeln. Erst am Dienstag, dem letzten Tag, werden Wahllokale geöffnet.

Kreml rechnet mit Ja

Der Kreml geht bei den Scheinreferenden in den besetzten ukrainischen Gebieten von einem Ja für einen Beitritt zu Russland aus und kündigte eine rasche Annexion der Gebiete an. Das Verfahren für eine Aufnahme der Regionen könne schnell gehen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow russischen Nachrichtenagenturen zufolge. Zugleich betont er, dass dann Versuche der Ukraine, sich die Gebiete zurückzuholen, als ein Angriff auf die Russische Föderation gewertet würden. Putin hatte auch mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht.

Bearbock sieht neue Kriegsmethode

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock bezeichnete die "Referenden" als eine neue Form der Kriegsmethode des russischen Präsidenten. "Das ist jetzt eine andere Kriegsstrategie. Wenn er mit Waffen nicht erfolgreich ist, macht er Scheinreferenden", sagte Baerbock in der Sendung "RTL Aktuell".

Ukraine bilanziert Folterspuren in Isjum

Die ukrainischen Behörden teilten am Nachmittag mit, dass nahe der zurückeroberten ostukrainischen Stadt Isjum, wo vor rund einer Woche in einem Wald hunderte Gräber entdeckt worden waren, insgesamt 436 Leichen exhumiert worden seien. 30 von ihnen weisen nach Angaben des Gouverneurs der Region Charkiw, Oleg Synegubow, Folterspuren auf. Es seien Leichen mit Strick um den Hals, mit gefesselten Händen, mit gebrochenen Gliedmaßen und Schusswunden gefunden worden, erklärte der Gouverneur. Mehreren Männern seien die Genitalien amputiert worden. Der Kreml hatte die ukrainischen Vorwürfe zu den hunderten Gräbern als "Lügen" zurückgewiesen.

Russen entziehen sich der Mobilmachung

Immer mehr Russen fliehen aus Angst vor der Teilmobilmachung ins Ausland. Nun informierte auch die benachbarte Ex-Sowjetrepublik Kasachstan über vermehrte Migration aus Russland. Die Zahl der Einreisen mit dem Auto steige an verschiedenen Übergängen, teilt der Grenzschutz mit. Die Lage sei unter "besonderer Kontrolle". Zuvor hatten etwa auch die Ex-Sowjetrepubliken Armenien und Georgien von massenhaften Einreisen berichtet. Flüge sind über Tage ausgebucht.

Aeroflot erwartet Einberufung für Hälfte des Personals

Die russische Luftfahrt sah sich angesichts der Teilmobilmachung vor Personalproblemen. Bis zu 80 Prozent der Mitarbeiter könnten eingezogen werden, berichtet die russische Zeitung "Kommersant" unter Berufung auf Insider. Innerhalb eines Tages hätten die Mitarbeiter von mindestens fünf Fluggesellschaften und mehr als zehn Flughäfen ihre Einberufungsbescheide erhalten. Die größte russische Fluggesellschaft Aeroflot erwarte demnach, dass über die Hälfte ihres Personals eingezogen werden könnte. Aeroflot wollte sich nicht dazu äußern. Hintergrund ist, dass russische Piloten zum Großteil in militärischen Abteilungen von Flugschulen ausgebildet wurden oder ihren Wehrdienst absolviert haben.

Moskau beklagt "Hysterie"

Nach dem Befehl zur Teilmobilmachung beklagte die Führung in Moskau "Hysterie" im Land. Zugleich schloss sie Reservisten mit bestimmten Berufen von der Zwangsrekrutierung aus. So würden etwa IT-Spezialisten, Experten zur Sicherung des Finanzsystems oder auch Mitarbeiter der Staatsmedien, die zu den "systemerhaltenden" Berufen gehörten, nicht eingezogen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit.

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Quelle: ntv.de, mau/AFP

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