Politik

Nach dem Gazakrieg "Um zu überleben, muss Israel stark sein"

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"Ohne 'Iron Dome' hätte es viele weitere Opfer gegeben": Raketen aus dem Gazastreifen werden vom israelischen Abwehrsystem abgefangen.

(Foto: picture alliance / AA)

Auch nach dem Gazakrieg bleibt die Situation im Nahen Osten instabil. Die im Gazastreifen herrschende Hamas ist nicht besiegt, die Probleme zwischen Israel und den Palästinensern sind weiter ungelöst. Gleichzeitig ist eine neue Konfliktlinie aufgebrochen: Zwischen jüdischen und arabischen Israelis kam es während des Gazakriegs zu blutigen Auseinandersetzungen.

Im Interview mit n-tv.de spricht Israels ehemaliger Vize-Polizeipräsident Zohar Dvir über den jüngsten Gazakrieg und die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Israel. "Würde man die Religionen und die Animosität gegenüber bestimmten Minderheiten abschaffen, könnte Israel das Paradies auf Erden sein", sagt Dvir. "Aber jeder lebt hier auch seine Geschichte, sein Narrativ und seine Bedrohung."

ntv.de: Bislang hält der vor einem Monat geschlossene Waffenstillstand, aber die Erfahrung aus den vergangenen Gazakriegen spricht dafür, dass die Hamas und der Palästinensisch Islamische Dschihad wieder angreifen werden. Was ist der Waffenstillstand wert?

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Zohar Dvir arbeitet heute als Terror-Experte, unter anderem am International Institute for Counter-Terrorism in Herzliya.

(Foto: privat)

Zohar Dvir: Wie schon in der Vergangenheit wurde auch dieser Gazakrieg von militanten Palästinensergruppen provoziert, und wie jeder souveräne Staat der Welt kann Israel keine Raketen auf seine Hauptstadt Jerusalem und seine Bürger erlauben. Damit Ruhe einkehrt, hat Israel sein Recht auf Selbstverteidigung wahrgenommen und der Hamas und dem Palästinensischen Dschihad einen herben Schlag versetzt. Für einige Jahre ist damit die Abschreckung wiederhergestellt.

Trotzdem wurde die Hamas nicht entmachtet und ließ sich nach dem Waffenstillstand sogar als Sieger feiern…

Man sollte zwischen Narrativ und Fakten unterscheiden. Nachdem zahlreiche Waffenproduktionsanlagen sowie ihre Rückzugs- und Operationsgebiete - kilometerlange Betonanlagen, die sich in unterirdischen Tunnels befinden - zerstört wurden, wird die Hamas für den nächsten Waffengang etwas Zeit brauchen.

Warum kriegt Israel die Terrorsituation nicht vollständig beseitigt?

Nachdem sich Israel infolge des Abkoppelungsplans des damaligen Premierministers Ariel Sharon 2005 aus Gaza zurückgezogen hatte, hat die Hamas nur kurze Zeit später eine islamistische Diktatur errichtet und die ersten Raketen auf uns gefeuert. Da der jüdische Staat nicht ständig Krieg führen will, haben wir mit begrenzten Operationen reagiert. Dadurch entwickelte sich aber im Süden ein Mächtegleichgewicht. Aus heutiger Sicht war das ein Fehler, der dazu führte, dass der Konflikt eskalierte. So war es 2008/2009, 2012 und 2014.

Deshalb investierte Israel in den letzten Jahren in sein Luftabwehrsystem, den "Iron Dome".

Ohne "Iron Dome" hätte es viele weitere Opfer gegeben und Bodentruppen hätten schon zu Beginn tief in den Gazastreifen eindringen müssen. Nach dem letzten Waffengang aber wird Israel einen weiteren Raketenbeschuss aus Gaza nicht mehr hinnehmen und eine härtere Antwort geben.

War denn der Krieg dieses Mal schlimmer als 2014?

Die Quantität an Salven war tatsächlich enorm. Bei einem zusätzlich massiven Raketenbeschuss aus dem Libanon allerdings wäre die Situation noch brenzliger gewesen.

Inwiefern?

Die Gefahr aus dem Norden hat eine andere Dimension. Hätte die Hisbollah eine zweite Front eröffnet, dann hätte die israelische Antwort viel aggressiver ausfallen müssen als in Gaza und hätte die gesamte libanesische Infrastruktur ins Visier genommen. Die Hisbollah, der Stellvertreter Irans im Libanon, ist sich dessen bewusst. Bis auf einige kleine Scharmützel hält unsere Abschreckung. Die schiitische Terrororganisation hat ihre Lektion aus dem Krieg 2006 gelernt und sucht momentan keine unnötigen Abenteuer.

Warum hat Israel in Gaza dieses Mal auf eine Bodenoffensive verzichtet?

Jerusalem plant keinen Regimewechsel in Gaza, auch keine vorübergehende Besetzung des Küstenstreifens. Wir haben schon in der Vergangenheit versucht, die Bedrohung durch die Hamas zu beenden, und haben es nicht vollständig geschafft. Bei einer Bodenoffensive muss man mit herben Verlusten rechnen. Für die israelische Bevölkerung ist es sehr schwer, wie beim letzten Krieg 2014 mehr als 70 Soldaten zu verlieren.

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Zohar Dvir im Gespräch mit Tal Leder.

(Foto: ntv.de)

Auch für den Gazastreifen hat keiner dieser Kriege zu irgendeiner Verbesserung geführt. Was war eigentlich das Ziel der Hamas bei diesem Konflikt?

Nach den abgesagten Wahlen der Palästinensischen Autonomiebehörde fühlte sich die Hamas um den Sieg betrogen. Sie verstehen sich als Vertreter aller Palästinenser, nicht nur des Gazastreifens. Auch angesichts der Ausschreitungen in Jerusalem wollte sich die Hamas als islamischer Beschützer der "Heiligen Stadt" präsentieren. Die Hamas will den Status quo von Jerusalem untergraben. Sie wissen, dass Israel ein Interesse hat, den gegenwärtigen Zustand der Stadt als Zentrum der drei Weltreligionen aufrechtzuerhalten - aus historischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen.

Dann wurde ein interner palästinensischer Machtkampf auf dem Rücken Israels ausgetragen?

Wahrscheinlich, doch die Hamas hat die Situation falsch eingeschätzt und war von dem massiven Gegenschlag Israels überrascht.

Zahlreiche Regierungen haben während des Kriegs Israels Recht auf Selbstverteidigung betont, aber es gab auch viel internationale Kritik. Wie werden die Reaktionen auf solche Operationen im israelischen Sicherheitsapparat diskutiert?

Jede Operation wird genauestens überprüft. Am Ende geht es aber um die Sicherheit Israels und da kann es zu unbeabsichtigten Opfern kommen. Das ist leider die Realität. Die Wirklichkeit des Nahen Ostens ist weiterhin von viel Gewalt geprägt. Um in dieser Region zu überleben, muss Israel stark sein, ohne jemals seine demokratischen Grundsätze aufzugeben.

Aber was ist mit den zivilen Opfern unter den Palästinensern?

Die Hamas versteckt sich inmitten der Bevölkerung, sie hat ihre Abschussrampen bewusst in zivilen Einrichtungen platziert, die zum Teil auch mit ihrem Tunnelsystem verbunden waren. Um unnötige Opfer zu vermeiden, sendet Israel vor seinen Luftschlägen Warnungen und fliegt in vielen Fällen Ziele so an, dass die Angriffe abgebrochen werden können, wenn Zivilisten gesichtet werden. Die Luftstreitkräfte lokalisieren die Abschussrampen und tun alles, damit es keine unschuldigen Opfer gibt. Aber in einem Krieg ist das leider nicht immer zu vermeiden.

Welchen Einfluss hatte der Iran auf die Kampfhandlungen?

Ein Großteil der Finanzierung und der logistischen Hilfe kommt aus dem Iran. Das Land unterstützt schon lange den internationalen Terrorismus. Trotz Sanktionen und zahlreicher Abkommen streben sie nach Nuklearwaffen. Israel ist die einzige Nation, die sich dagegen stemmt.

Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass es zu einem großen Nahost-Krieg kommen könnte?

Teheran kann über seine Stellvertreter von überall Raketen auf Israel abfeuern. Aber auf jeden Angriff hätten wir neben der Luftverteidigung mit unseren Flugzeugen und U-Booten auch die passende Antwort. Leider besteht im Nahen Osten immer die Gefahr eines Krieges, doch das Mullah-Regime denkt rational und ist sich der Abschreckung Israels bewusst.

Noch schlimmer als die Raketen war die Bürgerkriegsatmosphäre in Israel, sagte Yair Revivo, der Bürgermeister der israelischen Stadt Lod, wo es zu Gewalt zwischen jüdischen und arabischen Israelis kam. Werden diese innerisraelischen Wunden heilen oder besteht ein Risiko der "Jugoslawisierung" des Konflikts?

In den gemischten Städten werden die Wunden schneller heilen als in den arabischen Gemeinden. Und unsere Situation ist eine andere als im damaligen Jugoslawien. Juden und Araber sind hier wirtschaftlich oft voneinander abhängig. Alle wollen eine gesunde Ökonomie sowie in Frieden und Sicherheit leben. Auf beiden Seiten gibt es allerdings radikale Kräfte, die diesen Zustand untergraben wollen.

Deshalb besteht immer die Gefahr, dass solche Wunden wieder aufbrechen.

Die Realität des letzten Konflikts hat gezeigt, wie brüchig die Koexistenz in Israel ist. Um Recht und Ordnung zu garantieren, sollte der Ausbau der Polizei eine Schlussfolgerung daraus sein, um gewalttätigen Ausschreitungen schnell Herr zu werden. Die Politik muss aber auch in zivile Institutionen investieren. Vor allem im arabischen Sektor.

In zahlreichen arabischen Gemeinden im Norden Israels haben die Sicherheitsbehörden nicht für Ordnung sorgen können. Schon länger gibt es dort Probleme. Woran liegt das und was kann getan werden, um solche Situationen künftig zu verhindern?

Auch dort gibt es radikale Kräfte, aber ganz allgemein ist die Kriminalitätsrate im arabischen Sektor dreimal so hoch wie bei der restlichen Bevölkerung. Es gibt dort wie im ganzen Land organisierte Kriminalität, die man strukturell bekämpfen muss. Zusätzlich wird aber auch einiges durch kulturelle Eigenschaften - wie Ehrenmorde und Familienfehden - erschwert, die es in dieser Form bei anderen Gruppen nicht gibt. Die Polizei des Nordbezirks - die übrigens zu 56 Prozent aus Arabern besteht - arbeitet professionell. Auch was den Waffenschmuggel betrifft. Um noch effizienter zu arbeiten, brauchen sie mehr Beamte.

Die Hoffnung auf Frieden in der Region gibt es immer. Wie könnte der Ihrer Meinung nach aussehen?

Würde man die Religionen und die Animosität gegenüber bestimmten Minderheiten abschaffen, könnte Israel das Paradies auf Erden sein. Aber jeder lebt hier auch seine Geschichte, sein Narrativ und seine Bedrohung. Wir Juden etwa haben noch immer das Trauma des Holocaust. Im Endeffekt müssen wir aber alle zusammenleben. Eine gesunde Wirtschaft könnte ein hilfreicher Faktor sein. So könnte man aus Gaza mit den Geldern aus Europa einen wunderbaren Ort machen. Eine starke Ökonomie könnte die Region befrieden. Israelis und Palästinenser hätten beide etwas davon.

Mit Zohar Dvir sprach Tal Leder

Quelle: ntv.de

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